Porträt der Woche

»Jeder ist willkommen«

Ofer Ben Shimon will als Koch im Makkabi-Vereinslokal ein Wir-Gefühl vermitteln

von Eugen El  26.06.2021 23:19 Uhr

»Mein Restaurant ist koscher, sonst würde ich es nicht machen«: Ofer Ben Shimon (58) lebt in Frankfurt. Foto: Rafael Herlich

Ofer Ben Shimon will als Koch im Makkabi-Vereinslokal ein Wir-Gefühl vermitteln

von Eugen El  26.06.2021 23:19 Uhr

Ich wurde 1963 in Tirat Carmel, einem Vorort von Haifa, geboren. Mein Vater kommt aus Marokko. Meine Mutter ist in Arad geboren, einer früher zu Ungarn und heute zu Rumänien gehörenden Stadt. Bei uns zu Hause war das Judentum traditionell. Wir sind nicht religiös. Aufgewachsen bin ich in Haifa.

Ich war ein unbeherrschtes Kind und kein guter Schüler. Mein Vater hat damals bei der Stadtverwaltung gearbeitet. Er fragte eine Kollegin, was sein Sohn, der in der Schule keine Lust hatte, machen könne. Sie empfahl, dass ich den Kochberuf ausprobieren solle, und den habe ich dann an einer Schule erlernt. Es hat mir Spaß gemacht.

Nach der Ausbildung habe ich den dreijährigen Militärdienst absolviert. Im Alter von 21 Jahren wurde ich im Libanonkrieg verwundet. Wegen meiner Rückenverletzung wurde ich vom Militär freigestellt. Mit 22 kam ich nach Deutschland. Die Jüdische Gemeinde Frankfurt hatte in Israel einen Koch gesucht. Ich bekam den Job und wurde Koch im Restaurant im damals neuen Gemeindezentrum.

Dort arbeitete ich von 1985 bis in die 90er-Jahre. Die Familie Daum verantwortete in dieser Zeit das Gemeinderestaurant. Ihr Sohn Ahron war zeitweise Gemeinde­rabbiner in Frankfurt. Nachdem die Daums das Restaurant abgegeben hatten, holte die Gemeinde zwei Nachfolger, mit denen ich nicht zurechtkam. Ich kündigte und arbeitete erst einmal auf dem freien Markt in der Küche. Dann ging ich nach Frankreich und absolvierte dort etwa eineinhalb Jahre meinen Küchenmeister.

Aus zwei Wochen Rumänienbesuch wurden acht Jahre Osteuropa-Tour.

1994 kehrte ich nach Frankfurt zurück, arbeitete in einigen Hotels und eröffnete dann meine eigene Catering-Firma. Das Essen war nicht koscher, es war alles dabei. Meine damalige Frau und ich beschäftigten etwa 60 Mitarbeiter. Das habe ich etwa bis 2006 gemacht. Dann kam die Scheidung, die Firma wurde auseinandergenommen und teilweise verkauft. Im Zuge der Scheidung habe ich gemerkt, dass meine Liebe zu Deutschland nicht so stark war, wie ich dachte. Ich habe Dinge erlebt, die mich schockiert haben. Nach der Scheidung wusste ich nicht, wie ich weitermachen sollte.

WOHNWAGEN Da ich auch Familie in Rumänien habe, sagten die Verwandten damals: Nimm ein Auto und komm für zwei bis drei Wochen zu uns! Ich nahm also einen Wohnwagen – und aus den zwei Wochen wurden acht Jahre, in denen ich durch Osteuropa reiste. In dieser Zeit habe ich für die jüdische Gemeinde in Bukarest ein koscheres Restaurant aufgemacht.

Einige Jahre lebte ich in Brasov, einer sehr schönen Stadt in Siebenbürgen, wo viele Menschen Deutsch sprechen. Dort eröffnete ich ein israelisches Restaurant, um meine Reise zu finanzieren. Ich bin in fast jedem osteuropäischen Land gewesen, unter anderem im ehemaligen Jugoslawien, in Russland, Tschechien und Ungarn.

In Osteuropa hat es mir am meisten Spaß gemacht, Menschen kennenzulernen. Ich war in vielen Roma-Dörfern. Die Bewohner haben mich aufgenommen, als wäre ich Familie. Ich habe in einem Zimmer mit zehn Menschen übernachtet, ohne mich unwohl zu fühlen. Alle waren sehr nett. Ich habe Adressen bekommen, wo ich unterwegs schlafen kann. Die Menschen in Osteuropa waren sehr offen und hilfsbereit. Als ich mit meinem Wohnwagen Pannen hatte, bekam ich überall Hilfe – ohne Fragen nach Geld oder Zeit. Die Menschen brachten mich dazu, weiter und weiter zu fahren.

IMBISS Vor vier Jahren kam ich nach Frankfurt, um meinen Bruder zu besuchen, der damals hier lebte, mittlerweile aber nach Israel zurückgekehrt ist. Als ich also bei ihm in Frankfurt war, fand in der Stadtmitte der Israel-Tag statt. Dort lernten wir den Chef eines Supermarktes im Ostend kennen. Er fragte mich und meinen Bruder, ob wir vor seinem Geschäft koschere Falafel und Schawarma verkaufen möchten. Wir machten dann einen Imbiss auf. Das wurde ein richtiger Renner. Nach zwei Jahren beendete der Chef die Zusammenarbeit. Mein Bruder ging nach Israel, und ich lernte meine heutige Frau kennen.

Durch Zufall kamen wir geschäftlich mit der Messe Frankfurt zusammen. Bis heute habe ich ein koscheres Restaurant auf dem Messegelände. Wenn eine Messe stattfindet, haben wir in den Hallen 5 und 11 ein komplett koscheres Lokal. Wenn Israelis zur Messe kamen, gingen sie direkt in unser Restaurant. Wegen der Pandemie war zuletzt ein wenig Ruhe, aber normalerweise ist das unser Hauptgeschäft. Wir kochen auch für die Jüdische Gemeinde Mainz, etwa zu Pessach und Rosch Haschana.

Vor einem Jahr lud mich Alon Meyer ins Frankfurter Makkabi-Haus ein und bat mich, das Vereinslokal am Tennis- und Squashzentrum zu übernehmen. Vorher war dort ein italienisches Restaurant. Wir entschlossen uns, das Restaurant zu übernehmen und zu sehen, wie es läuft. Wegen Corona läuft es nicht. Aber das ist nicht so schlimm.

GRILLGEMÜSE Wir eröffneten im Mai 2020. Im vergangenen Sommer war das Lokal sehr stark besucht. Wir hatten einmal im Monat einen DJ mit israelischer Musik vor Ort. Es gab richtige Partys draußen. Eine israelische Folkloretänzerin bot monatlich auf der Terrasse Tänze zum Mitmachen an. Bis August 2020 haben wir also gearbeitet, der September war ruhig. Im Oktober habe ich das Lokal zugemacht. Es gab zwar einige Bestellungen, aber so richtig lief es nicht.

Frankfurt hat mich positiv geprägt.

Seit Anfang Juni ist das Lokal wieder geöffnet. In der Zwischenzeit haben wir die Räume renoviert. Mit seinen roten Stühlen und braunen Tischen sah das Lokal ungepflegt aus. Das neue Farb- und Designkonzept ist blau-weiß und ganz auf Israel zugeschnitten. Auch die Küche ist israelisch – es gibt Falafel, Hummus und Schawarma, viele Salate und Gegrilltes. Das Ganze möchten wir mit einer »Sports Bar« verbinden.

Letztes Jahr hatten wir im Lokal eine Veranstaltung mit Schoa-Überlebenden. Sie wollten unbedingt Gefilte Fisch und gehackte Leber. Das habe ich zubereitet. Denn ich versuche, mich nach den Wünschen meiner Gäste zu richten. Wichtig ist mir, dass das Restaurant koscher ist. Ich habe es unter dieser Bedingung übernommen. Sonst würde ich es nicht machen.

Meine Frau ernährt sich sehr bewusst. Sie kann nichts mit Öl, Fett oder viel Zucker essen. Sie liebt aber Falafel sehr. Also habe ich angefangen, zu experimentieren und etwas zu entwickeln. Heute mache ich Falafel vom Grill mit Grillgemüse und Hummus. Das ist sehr kalorienarm und ohne Öl. An Lag BaOmer habe ich mit dem Frankfurter Gemeinderabbiner Julian-Chaim Soussan live für das Online-Publikum gegrillt. Die Reaktionen waren sehr positiv. Viele haben die Rezepte zu Hause ausprobiert.

FRANKFURT Ich liebe Frankfurt. Ich könnte nicht in einer anderen deutschen Stadt leben. Die Stadt ist bis heute mein Favorit. Als ich nach Frankfurt kam, waren hier sehr viele Israelis. Es gab einige sehr angenehme Treffpunkte: In einem Hotel an der Alten Oper gab es einen Brunch, zu dem jeden Sonntag mehr als 100 Israelis kamen. Es war die einzige Stadt in Deutschland, in der das damals möglich war!

Frankfurt hat mich positiv geprägt. Hier habe ich mit kleinem Aufwand mein Catering-Geschäft aufgebaut. Die Kunden sind viel offener als woanders. Ich konnte ohne Termin zu ihnen kommen. Es ist viel einfacher und angenehmer, von Frankfurt nach Israel zu fliegen. Die Stadt ist mir vertraut geworden: Mein Bruder lebte 28 Jahre hier mit seinen Kindern, und ich habe zwei Kinder.

Ich finde es gut, dass es zwei koschere Lokale in Frankfurt gibt. Für Menschen, die jüdische Küche wollen, gibt es das Restaurant im Gemeindezentrum. Es ist keine Konkurrenz, sondern es sind zwei verschiedene Schienen. Es wäre schön, wenn es in Frankfurt noch mehr koschere Restaurants gäbe. Das würde mir gut gefallen. In Bukarest gab es unzählige koschere Restaurants. Die Nichtjuden sind sehr neugierig, was koscheres Essen angeht. Wenn es die Möglichkeit gibt, nutzen sie sie.

VERANTWORTUNG Israel bedeutet mir viel. Noch bin ich in Deutschland. Ich trage Verantwortung für meine 85-jährige Mutter, die hier lebt. Ich betreue sie, ebenso meine hörbehinderte Halbschwester. Ich plane, später einmal nach Israel zurückzukehren. Meinen Ruhestand werde ich dort verbringen. Ich habe schon eine Wohnung in Eilat gekauft. Deutschland ist für mich nicht mehr Heimat. Ich lebe hier nur noch, bis ich nach Israel gehen kann.

Mein großer Wunsch bis dahin ist es, die Makkabi Sports Bar zu einem Mittelpunkt für Menschen zu entwickeln, die das Israel-Heimatgefühl suchen und denen Israel am Herzen liegt. Ob Jude oder Nichtjude: Jeder ist willkommen. Ich möchte allen das Israel-Gefühl anbieten.

Aufgezeichnet von Eugen El

Porträt der Woche

»Ich will Kinderrechte stärken«

Vera Katona ist Soziologin und bildet Erzieherinnen in jüdischen Kitas fort

von Annette Kanis  31.07.2021

Geschichte

»Wir waren so jung«

Vor 80 Jahren begann der Krieg des NS-Regimes gegen die Sowjetunion. Mit dem Vernichtungskrieg der Nazis ab Juni 1941 begann auch der systematische Völkermord an den Juden Europas. Neun Überlebende werden in einer kleinen Ausstellung proträtiert

von Yvonne Jennerjahn  30.07.2021

Lübeck

Carlebach-Synagoge wird im August offiziell wiedereröffnet

Der Festakt war im vorigen Jahr wegen der Corona-Pandemie abgesagt worden

 29.07.2021

Hochwasser

Ein ganz besonderer Einsatz

Eindrücke eines israelischen Helfers im deutschen Katastrophengebiet

 29.07.2021

Stuttgart

Er sprüht vor Fantasie

»Meine beiden Heimatländer mit einem Herz verbunden«: Arye Shalicar erstellt Israel-Deutschland-Graffiti

 29.07.2021

Philharmonie

Die großen Namen jüdischer Musik

Das Jewish Chamber Orchestra Munich gab im Gasteig ein Konzert der besonderen Art

von Ellen Presser  29.07.2021

»1700 Jahre«

Geschichte und Gegenwart

Am Sonntag wurde die Veranstaltungsreihe zum Festjahr feierlich eröffnet

von Helmut Reister  29.07.2021

Berlin

Mitten in Neukölln

Fast 400 Menschen gingen in ihrem Bezirk gegen Judenhass auf die Straße

von André Anchuelo  29.07.2021

Gemeinden

»Einer, der für alle passt«

Warum es gar nicht immer so einfach ist, den passenden Rabbiner zu finden

von Eugen El  29.07.2021 Aktualisiert