Konzert

»Jeder hört ein Lied anders«

Vor der Corona-Krise: Idan Raichel bei seinem Auftritt im Hubert-Burda-Saal der Gemeinde Foto: Peter Guttmann

»Nur wer sich ändert, bleibt sich treu« – kaum ein Künstler wird diesem Gedanken von Wolf Biermann so gerecht wie der israelische Songwriter Idan Raichel. In den Jahren 2014 und 2016 füllte er mit seinem »Idan Raichel Project« die Muffathalle in München bis auf den letzten Stehplatz. Beide Male hatte er hervorragende Musiker und eine stimmgewaltige Solosängerin an seiner Seite.

Rund 174 Auftritte später, die ihn binnen vier Jahren von Israel um die halbe Welt führten, trat Raichel wieder in München auf. Dieses Mal mit seinem Solo-Programm »Piano – Songs«, unterstützt durch den für ihn charakteristischen Einsatz computergesteuerter Rhythmen. Auf Initiative des Berliner Rechtsanwalts Nathan Gelbart, bis 2016 zehn Jahre lang Vorsitzender von Keren Hayesod Deutschland, war es sein erster Auftritt im Jüdischen Gemeindezentrum.

Gastgeberin Für die Israelitische Kultusgemeinde als Gastgeberin war das ausverkaufte Konzert im Hubert-Burda-Saal Anlass zur Freude. So vielen Israelis, wie an diesem Abend gekommen waren, begegnet man sonst höchstens beim israelischen Unabhängigkeitstag. Darum gab es den Willkommensgruß auch nur in Iwrit, obwohl Zuhörer ohne entsprechende Sprachkenntnisse durchaus auch im Publikum saßen.

Eytan Levi, Mitbegründer der von und für Israelis in München gegründeten Initiative »Bayit« und Hebräischlehrer am Jüdischen Gymnasium, begrüßte die Gäste im Namen der Jüdischen Gemeinde. Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass mit Events wie diesem Juden aus Israel und Juden aus einer Diasporagemeinde wie München künftig öfter und intensiver zusammenfinden könnten.

Idan Raichel liebt es offenbar, sein Äußeres immer wieder drastisch zu verändern.

Dann kam Idan Raichel auf die Bühne und war kaum wiederzuerkennen. Hatte er sich 2014 noch mit Turban, Dreadlocks und wallender, orientalisch anmutender Kleidung präsentiert und zwei Jahre später minimalistisch ganz ohne Haare und in schlichtem Gewand, so schlenderte er nun mit Bart, in schwarzem Pulli, gelber Hose und Schiebermütze auf die Bühne, als wäre er auf dem Weg zu einer Studio-Session.

Applaus Und so intim ging es weiter. Diesem Mann genügen ein Klavier mit zwei Pedalen, ein Mikrofon und ein Mini-Synthesizer, um mit 15 Songs ohne Pause und zwei Zugaben sein Publikum zu frenetischem Applaus hinzureißen. Er hat eine überaus angenehme Stimme und ein offensichtliches Gespür für Rhythmus und Improvisationstalent auf den schwarz-weißen Tasten. Klavierhämmer und -saiten benutzt er wie ein Percussionist.

Die Moderation des Abends hielt Raichel durchgehend in englischer Sprache, sodass alle den eingestreuten Anekdoten folgen konnten. Obwohl eine seiner Großmütter aus Berlin kam und er mit einer gebürtigen Wienerin zwei Töchter hat, spricht Raichel kein Deutsch. Doch seine Art, »Weltmusik« zu machen, funktioniert, wo immer er auftritt.

»Jeder hört ein Lied anders«, stellt der Künstler immer wieder fest. In jedem Fall war allen Zuhörern, darunter auch IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch und etliche Vorstandsmitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, an diesem Abend ein vollkommener Musikgenuss vergönnt.

Monacensia

Münchner Schau zum Archiv von Rachel Salamander

Dem Jüdischen wieder Präsenz geben in der Gesellschaft: Das war das Ziel, das die Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander mit ihrer Buchhandlung erreichen wollte. Nun wird ihr Archiv nach und nach erschlossen

von Barbara Just  11.05.2026

Jewrovision

»Wir eröffnen die ganze Sache …«

Unsere Autorin war bei den Proben des »Juze Emet Nürnberg. Am Echad Bayern« dabei. Nur über den Auftritt darf sie noch nichts verraten

von Katrin Diehl  11.05.2026

Porträt der Woche

Berlinerin mit Klartext

Lala Süsskind ist wie die Jüdische Allgemeine Jahrgang 1946. Sie war Gemeindechefin, WIZO-Präsidentin – und engagiert sich weiterhin

von Christine Schmitt  11.05.2026

Zentrum

Jüdische Präsenz

Mit der neuen Hauptsynagoge »Ohel Jakob« ist die jüdische Gemeinde ins Herz der Stadt zurückgekehrt

von Luis Gruhler  11.05.2026

Berlin

Jüdische Gemeinde übt massive Kritik an Antisemitismus-Papier der Linken

Der Gemeinde-Vorsitzende Gideon Joffe bezeichnet das Konzept der Partei als »feige« und spricht von einem »Feigenblatt«

 11.05.2026

Berlin

Gedenken zum ersten Todestag von Margot Friedländer

Zum ersten Todestag von Margot Friedländer gibt es auf dem jüdischen Friedhof eine Gedenkveranstaltung. Berlins Regierender Bürgermeister findet emotionale Worte zum Jahrestag

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Gedenken

»Beklemmende Aktualität«

Charlotte Knobloch und Josef Schuster sprachen zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau

von Vivian Rosen  10.05.2026

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026