Porträt der Woche

Iwrit für Bayern

Kam nach München, um Deutsch zu lernen – und blieb: Eitan Levi in seiner Wohnung Foto: Christian Rudnik

Porträt der Woche

Iwrit für Bayern

Eitan Levi unterrichtet in München Hebräisch und schreibt seine Doktorarbeit

von Katrin Diehl  26.02.2013 17:04 Uhr

Am Anfang der Woche bin ich verwirrt. Ich bin auf der Suche nach der deutschen Sprache. Da bekommen meine Studenten am Münchner Institut für den Nahen und Mittleren Osten schon mal Sätze zu hören, die sich aus Hebräisch, Englisch und ein bisschen Deutsch zusammensetzen. Das liegt daran, dass ich am Wochenende bei mir zu Hause vor allem Englisch spreche und Hebräisch eben meine Muttersprache ist. Am Dienstag ist dann wieder alles in bester Ordnung. Ich habe zurückgefunden in die deutsche Sprache.

El Al Um Deutsch zu lernen, bin ich im Jahr 2000 hierhergekommen. Ich stieg in Israel ins Flugzeug, landete in Deutschland und musste mich um mein Leben kümmern: Wo soll ich wohnen, wo soll ich die Sprache lernen, und vor allem, wie finanziere ich das Ganze? Nach einigen Interviews und Tests kam ich beim Sicherheitsdienst der El Al unter. Ich lernte die großen Städte Europas kennen und übernachtete in den besten Hotels. Für einen 23-Jährigen ist das toll.

Später musste ich mich dann entscheiden, wo ich arbeiten wollte, in London oder Paris, Wien, München …? Es wurde München. Endlich begann ich, Deutsch zu lernen. Nach zwei Jahren war ich der Ansicht, es reiche nun damit, und wollte wieder zurück nach Israel. Aber es kam anders.

Ich habe meine große Liebe kennengelernt, bin in München geblieben und fing an zu studieren: zuerst Volkswirtschaftslehre, aber das gefiel mir nicht besonders, so wechselte ich zu Judaistik mit den Nebenfächern jüdische Geschichte und germanistische Linguistik. Dabei ist es geblieben. Heute sitze ich über meiner Promotion und arbeite als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent an der Münchner Uni.

Ich wohne nicht allzu weit von meinem Institut entfernt. Es reicht, wenn ich unter der Woche zwischen sieben und 7.30 Uhr aufstehe. Ich versuche dann, ein bisschen Sport zu machen, am Hometrainer oder im Fitnessstudio um die Ecke. Das ist ein guter Start in den Tag. Zum Frühstück esse ich Müsli oder Cornflakes, doch wenn mir anstrengende Stunden bevorstehen, gibt es Brötchen mit selbstgemachter Marmelade.

Ich achte auf gesunde Ernährung, daher misstraue ich auch den meisten Restaurants, die ein komplettes Menü für acht Euro anbieten. Wie soll das gehen? Am Mittag belasse ich es daher bei einem Sandwich und koche erst am Abend. Mir liegt die moderne israelische Küche; auch die indische Küche ist nicht schlecht, aber sehr anstrengend. Für ein indisches Essen stand ich einmal zwölf Stunden in der Küche. Danach konnte ich mich kaum noch bewegen. Am Wochenende nehme ich mir fürs Einkaufen, Kochen und Essen so richtig Zeit. Das gönne ich mir, bevor der Alltag wiederkommt.

schüler Meine Woche besteht aus Unterrichts- und Forschungstagen. Montag zum Beispiel ist Unterricht. Ich bin Dozent für modernes und rabbinisches Hebräisch sowie für moderne israelische und rabbinische Literatur. Die Kurse beginnen um zehn Uhr, danach geht es Schlag auf Schlag weiter. Bis vor Kurzem habe ich auch noch abends an der Volkshochschule Hebräisch unterrichtet. Das ist mir aber zu viel geworden. Dafür kommt eine Gruppe zu mir nach Hause. Das sind Israelfans, sehr engagierte Leute aus der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Außerdem bin ich freier Übersetzer. Zum Beispiel habe ich für das Kultusministerium von Nordrhein-Westfalen eine Oper ins Hebräische übersetzt, weil da Auftritte in Israel geplant waren. Ich arbeite auch mit verschiedenen Theatern zusammen und übersetze für Koproduktionen.

Als Max Raabe kürzlich in Israel war, habe ich für ihn ein paar seiner Lieder ins Hebräische übersetzt. Für den »Focus« übertrug ich eine Kurzgeschichte von Zeruya Shalev ins Deutsche. Mit dem israelischen Konsulat führe ich verschiedene Projekte durch, und es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich für die ZWST, die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Hebräisch-Online-Kurse gegeben.

bibliotheken Meine Forschungstage verbringe ich am liebsten in meinen vier Wänden. In Bibliotheken kann ich mich nicht konzentrieren, und in meinem Büro am Institut will ständig jemand etwas von mir. Ich brüte also zu Hause über meiner Doktorarbeit. Es liegen Berge von Materialien bei mir herum.

Ich beschäftige mich mit Abraham. Anhand haggadischer Quellen versuche ich nachzuweisen, dass seine zehn Prüfungen nicht – wie bisher gedeutet – prüfen sollten, ob er des Amtes als Vater der Nationen würdig sei. Ich will zeigen, dass es vielmehr darum ging, Abrahams Eignung als Hohepriester festzustellen und ihn auf dieses Amt vorzubereiten. Rabbinische Quellen unterstützen meine These.

Ich hoffe, bis 2014 mit meiner Promotion fertig zu sein. Ich möchte dann aber weiterhin an der Uni und damit in Deutschland bleiben. Natürlich gibt es einiges, was ich vermisse, seit ich nicht mehr in Israel lebe. Ich liebe mein Land. Ich bin Zionist, ich bin ein kultureller, kein religiöser Jude. Für mich gehört jüdisch sein und Israeli sein zusammen. Aber ich sehe durchaus, dass in Israel nicht alles richtig läuft. Ich weiß, dass die Palästinenser ihre Gleichberechtigung und ihren eigenen Staat brauchen. Sonst sehe ich für das Land, in dem ich 1977 in der Stadt Ramla geboren wurde, keine Zukunft.

winter Obwohl ich schon über zehn Jahre hier lebe, kann ich mich nicht an den deutschen Winter gewöhnen. Ich vermisse das israelische Wetter. Und das Meer. Und natürlich das Essen in Israel! Diese Vielfalt! Alles ist frisch und kommt vom Land. Nichts wird über Tausende Kilometer hergeflogen. Mir fehlt auch das israelische Theater. Ich finde wirklich, dass Israel ein geniales Theater hat.

Unter der Woche versuche ich, mindestens eine kulturelle Veranstaltung unterzubringen. Theater ist immer gut. Aber ich gehe auch ins Kino. Ich sehe mir die Filme im Original an, weil das im Fernsehen kaum möglich ist. Ich lese zur Entspannung auch mal keine rabbinische Literatur und bin ein absoluter Fan von Kathryn Harrison. An freien Tagen fahre ich auch ab und zu in die Berge oder in die Schweiz. Oder ich lasse es einfach ruhig angehen nach einer Woche, die ganz dicht war. Und solche Wochen gibt es. Zwei- bis dreimal im Jahr fliege ich nach Israel, besuche meine Eltern, meinen Bruder, Freunde, meine Großmutter.

Sie ist 89 Jahre alt, eine hochgebildete Frau aus Polen. Sie hat am Anfang natürlich nicht verstanden, warum ihr Enkel ausgerechnet nach Deutschland geht. Und doch hat sie in den vergangenen Jahren begonnen, Deutsch mit mir zu reden. Und sie spricht ein hervorragendes Deutsch! Ich glaube, dass meine Oma spürt, dass es ein neues Deutschland gibt.

Deutschland ist Europa. Israel pflegt mit Deutschland die besten Beziehungen, trotz des Holocausts, der dort stattgefunden hat und den Israel nie vergessen wird. Umso mehr sollte es möglich sein, dass Israel Frieden mit der arabischen Welt findet. Das ist eine meiner Visionen.

Eine andere ist, dass in München alle jüdischen Strömungen unter einem Dach zusammenfinden. Das muss doch möglich sein! Obwohl ich der liberalen Gemeinde Beth Shalom angehöre, achte ich jede andere Richtung im Judentum und halte sie, bis auf die Extremen, auch für wichtig. Charlotte Knobloch von der Israelitischen Kultusgemeinde habe ich kennengelernt, ich schätze sie sehr und finde sie kein bisschen konservativ, im Gegensatz zu einigen Gemeindemitgliedern, die kaum Kontakte mit der Außenwelt suchen.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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