Buchpräsentation

Individualist mit Weitblick

Siegfried Lichtenstaedter, um 1900 Foto: Regionalmuseum Žatec, Slg. Eduard Glaser

In der elektronischen Ausgabe des Biographischen Gedenkbuchs der Münchner Juden 1933–1945 kommt Siegfried Sami (Dr. jur.) Kgl. Oberregierungsrat a.D., Schriftsteller vor. Doch wer stöbert dort schon nach Lektürehinweisen? Wohl niemand. Und wer weiß, dass die Bayerische Staatsbibliothek alles, was von seinen rund 43 Büchern und Broschüren vorhanden ist, in ihrem Bestand hat und inzwischen digital zugänglich macht (www.digitale-sammlungende/index)? Auch so gut wie niemand. Bis Götz Aly sich der Biografie und des Werkes dieses vergessenen Individualisten annahm.

Aly regte die Veröffentlichung ausgewählter Schriften Lichtenstaedters im S.-Fischer-Verlag an, ergänzt durch drei erläuternde Essays und eine ausführliche Bibliografie, die seine hauptsächlich unter den Pseudonymen Dr. Mehemed Emin Efendi und Ne’eman publizierten Werke auflistet.

auftrag Vor Kurzem konnte Klaus Ceynowa, Generaldirektor der Bayerischen Staatsbib-liothek, im Namen des eigenen Hauses, dessen Auftrag er als »Gedächtnisinstitution« begreift, des Literaturhauses und der Literaturhandlung den Geschwister-Scholl-Preisträger 2018, Götz Aly, sowie den Schauspieler und Regisseur Udo Wachtveitl als Vorleser am Salvatorplatz begrüßen.

Aly konstatiert, dass »sich die schon fast besiegt geglaubten Gespenster wieder in die politische Arena gedrängt« haben.

Aly konstatiert, dass »sich die schon fast besiegt geglaubten Gespenster Nationalismus, Minderheitenhass, Antiliberalismus und Intoleranz wieder in die politische Arena gedrängt« haben. Gegen all dies hatte Lichtenstaedter von seinem ersten Buch an – 1897 gegen den Kolonialismus – angeschrieben: unter Pseudonym, weil es mit seiner Arbeit an der Bayerischen Finanzkammer nicht vereinbar gewesen wäre, und oft als bitterböse Satire.

völkermord Der Orient-Reiseerfahrene sagte den Völkermord an den Armeniern voraus, sah die Enteignung und Ermordung der deutschen Juden kommen. In der Novelle Der jüdische Gerichtsvollzieher von 1926 arbeitet Lichtenstaedter alle antijüdischen Klischees seiner Zeit heraus. Ort des Geschehens ist »Anthropopolis«, unschwer als München erkennbar, wo die Neubesetzung des Gerichtsvollzieherpostens »eine jüdische Weltherrschaft« herbeiredet.

Siegfried Lichtenstaedter hätte noch zu Zeiten der Monarchie bayerischer Finanzminister werden können – um den Preis der Taufe, was er jedoch ablehnte. Seit 1922 las er täglich den »Völkischen Beobachter«. Wie hellsichtig der 1932 kurz vor der Machtübernahme ehrenhaft pensionierte überzeugte Vegetarier und Single gewesen sein mag, er kehrte doch 1936 von einer Palästinareise nach München zurück. Am 23. Juni 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert, wo er am 6. Dezember im Alter von 77 Jahren zu Tode kam.

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