NS-Zeit

»In unserer Familie wurde wenig gesprochen«

Peter (l.) und Thomas Neumaier (r.) mit Micha Brumlik bei der Buchvorstellung Foto: Marina Maisel

Peter Neumaier, Jahrgang 1949, war bis 2011 Lehrer an einem Oberstufengymnasium in Wiesbaden und beendete 2013 seine Tätigkeit als Dozent für Didaktik und politische Bildung an der Universität Frankfurt. Die neu gewonnene Zeit nutzte der Volkswirt und Politologe zur Vertiefung familiengeschichtlicher Forschung, die er 2018 in einer Biografie über seinen Großvater mütterlicherseits, den Münchner Rechtsanwalt Ernst Seidenberger, zusammenfasste.

In ihr zeichnet sich die tragische Geschichte eines gebildeten, erfolgreichen Mannes ab, der sich nichts anderes wünschte, denn als geschätztes Mitglied der Gesellschaft akzeptiert zu werden – und der mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 nach und nach alles verlor. So wurde zunächst die Kanzlei geschlossen. Eine Weile arbeitete Seidenberger noch als Berater seiner jüdischen Mandanten, während er den zweifelhaften Schutz einer »privilegierten Mischehe« mit einer Protestantin schon bald aufgab.

deportation Er drängte wohl selbst auf Scheidung, um seine Frau und die beiden Töchter abzusichern. Seidenberger hatte sich 1934 katholisch taufen lassen. Der späte Zeitpunkt legt nahe, dass nicht religiöse Motive, sondern von rassenideologischen Anfeindungen diktierte pragmatische Überlegungen den Ausschlag gaben. Die Maßnahme sollte ihn jedoch nicht vor der Deportation nach Theresienstadt schützen.

Da der gebürtige Nürnberger, der im Ersten Weltkrieg freiwillig gedient hatte, Ausgrenzung und Verfolgung in München erlebt hatte, lag es nahe, dass das NS-Dokumentationszentrum und das Kulturzentrum der IKG Peter Neumaier zur Vorstellung seines Buches einluden. Die Anwaltskammer München kam dazu, wohl wissend, wie wenig nicht betroffene Juristen ihren jüdischen Berufskollegen in der NS-Zeit beigestanden hatten.

Peter Neumaier begann seinen Bericht mit dem Eingeständnis: »In unserer Familie wurde wenig gesprochen.« Erst in den 90er-Jahren habe sich die Mutter, über deren Hintergrund niemand in der Münchner Nachbarschaft Bescheid wissen durfte, ein wenig mehr geöffnet, oft unter Tränen. Geblieben sind ihr und der Familie zwei Briefe des Vaters aus den 30er-Jahren, die die zunehmende »Isolierung, Verarmung und Verfolgung« – so die Überschrift des Buchkapitels über die Jahre 1933 bis 1944 – deutlich machen.

gymnasium Unter den Zuhörern im NS-Dokumentationszentrum waren der ältere Bruder Thomas, von Beruf Bildhauer und unter anderem Schöpfer eines Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus in Pfaffenhofen, und Micha Brumlik, der mit den Brüdern Neumaier das Lessing-Gymnasium in Frankfurt besucht hatte.

Erst viel später begriff Brumlik, dass die beiden auch »irgendwie einer jüdischen Familie« entstammten. Darum unterstützte er die Publikation mit einem Vorwort zur jüdischen Assimilationsgeschichte und dem Umgang der Kirchen mit »nichtarischen Christen«. Seine Einführung am Mittwochabend vergangener Woche und das angeregte Gespräch mit Peter Neumaier und dem Publikum gaben viel Stoff zum Nachdenken.

Theresienstadt Ernst Seidenberger kehrte übrigens aus Theresienstadt zurück, eröffnete eine Kanzlei, verteidigte Schoa-Überlebende und kämpfte für die Anerkennung seines erlittenen Leids und um Entschädigung, teilweise jedoch auf verlorenem Posten.

So schändlich er auch behandelt worden war, diente er der Justiz weiter und war im Vorstand der Anwaltskammer München tätig. Im Jahr 1952 wurde ihm das Verdienstkreuz verliehen. 1957, kurz nach seinem 80. Geburtstag, verstarb Ernst Seidenberger; sein Grab befindet sich auf dem Bogenhausener Friedhof. Ahnen auf dem Alten Israelitischen Friedhof in München haben die Brüder Neumaier dennoch, und zwar von der väterlichen Seite.

Peter Neumaier: »›Wehe dem, der allein ist!‹ Mein Großvater Ernst Seidenberger. Münchner Rechtsanwalt in der NS-Zeit«. Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2018, 346 S., 24,90 €

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