Berlin

»In der Mitte der Stadt«

Anja Siegemund Foto: Debbie Cooper

Berlin

»In der Mitte der Stadt«

Anja Siegemund über 150 Jahre Neue Synagoge, offene Pforten und die Bindestrich-Identität

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  05.09.2016 18:27 Uhr

Frau Siegemund, warum ist das Jubiläum »150 Jahre Neue Synagoge Berlin« ein Meilenstein?
Zum einen, weil ein solches Jubiläum noch nie gefeiert wurde. Vor 100 und vor 50 Jahren waren wir in einem ganz anderen historischen Kontext. Allein das ist beispielhaft für die wechselvolle deutsch-jüdische Geschichte: 1916 befanden wir uns in einem antisemitischen Kontext seitens des Staates und wesentlicher Teile der Gesellschaft – Stichwort »Judenzählung« unter Frontsoldaten. 1966 war die Neue Synagoge eine Ruine, um die sich niemand gekümmert und die in der DDR bis Mitte der 80er-Jahre kein Interesse geweckt hat.

Die Stiftung wurde 1988 gegründet, kurz vor dem Ende der DDR. Was hat sich seitdem verändert?
Heute blicken wir ganz anders auf deutsch-jüdische Geschichte zurück. Das wollen wir auch mit der 150-Jahrfeier tun. Deren Motto »mittenmang und tolerant« passt dazu sehr gut. Damit sagen wir: Deutsche Juden waren Teil der deutschen und Berliner Gesellschaft. Indem sie diese Synagoge in der Mitte der Stadt bauten, brachten sie diese Haltung zum Ausdruck. »Tolerant« weist aus meiner Sicht auf zweierlei hin: den Ort nahe der Großen Hamburger Straße, die auch »Straße der Toleranz« genannt wurde, weil dort verschiedene Religionen Nachbarn waren, und auch die Jüdische Gemeinde zeigte sich tolerant.

Wodurch symbolisierte das die Neue Synagoge?
Zu einem Credo vieler deutscher Juden wurde es in dieser Zeit, deutsch und jüdisch miteinander zu verbinden, eine Art Bindestrich-Identität leben zu können. Die Synagoge drückt den Gedanken folgendermaßen aus: Wir modernisieren den Gottesdienst, jedoch bleiben wir dem Judentum treu. Wir verbinden es jetzt mit Elementen, die uns in unserem Kontext als gut und nachahmenswert erscheinen: einer Orgel, der Einführung der deutschen Sprache in den Gottesdienst, einem gemischten Chor.

Erstmals seit Jahrzehnten werden Sie am 11. September alle Tore und Türen der Synagoge öffnen, ganz im Sinne der Propheten-Inschrift »Tuet auf die Pforten«. Warum?
Das Centrum Judaicum sieht sein Mandat in der Geschichtsvermittlung. Natürlich geht es uns auch darum zu sagen: Wir sind offen für Gegenwart und Zukunft, wir laden Besucher ein, uns kennenzulernen. Zugleich wollen wir zeigen: Es gibt lebendige deutsch-jüdische Gegenwart. Das ist ein deutliches Signal und Statement. Wir wollen vermitteln und verbinden – nicht nur am Jubiläumstag.

Wie spiegelt sich diese Brücke zwischen den Zeiten im Festprogramm wider?
Verschiedene Chöre singen Kompositionen von Louis Lewandowski, der Chorleiter an der Neuen Synagoge war, darunter ein Chor aus England, dessen Synagoge deutsche Emigranten gegründet haben, und zwei synagogale Kinderchöre. Was ist zukunftsweisender als ein Kinderchor, der etwas von damals aufnimmt und Eigenes von heute hinzufügt?

Mit der Direktorin der Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum sprach Katharina Schmidt-Hirschfelder.

München

»Auf geht’s – an die Arbeit!«

Die Israelitische Kultusgemeinde hat einen neuen Vorstand gewählt. Charlotte Knobloch wurde als Präsidentin im Amt bestätigt

von Leo Grudenberg  07.07.2026

Rabbinerausbildung

Levinson-Stiftung als Institut an der Uni Potsdam anerkannt

Neuer Meilenstein für die Ausbildung liberaler und konservativer Rabbinerinnen und Rabbiner sowie Kantorinnen und Kantoren

 07.07.2026

Bayern

Die jüdische Gemeinde München hat einen neuen Vorstand gewählt

Charlotte Knobloch wurde als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern bestätigt

 06.07.2026 Aktualisiert

Porträt der Woche

Die Kraft der Sichtbarkeit

Rivkah Schwarzbart entwirft seit dem 7. Oktober jüdischen Schmuck und lebt in München

von Katrin Diehl  05.07.2026

Kommentar

Meine Angst

Was es heißt als Jude in Deutschland nach dem 7. Oktober zu leben. Ein Aufschrei von André Herzberg

von André Herzberg  05.07.2026

Schule

Blick nach vorn

Das Helene-Habermann-Gymnasium in München verabschiedete seine Abiturientinnen und Abiturienten – und feierte zugleich zehnjähriges Bestehen

von Ellen Presser  05.07.2026

Lesung

Sprache statt Wurzeln

Die aus dem Irak stammende Schriftstellerin Mona Yahia stellte in München ihr neues Buch über jüdisches Leben im arabischen Raum vor

von Nora Niemann  05.07.2026

Thüringen

Achava-Festspiele: Dialog zwischen Religionen und Kulturen

Die Achava-Festspiele gehen mit mehr als 80 Veranstaltungen in ihre zwölfte Ausgabe. Neben Konzerten umfasst das Programm Ausstellungen, Filme, Vorträge, interreligiöse Begegnungen sowie Angebote für Familien und Schulen

 02.07.2026

Sport

Maccabiah Chai!

170 Athletinnen und Athleten sind in Israel beim größten jüdischen Sportevent – Wir stellen Ihnen sechs vor

von Katrin Richter, Helmut Kuhn  01.07.2026