Corona

Impfpflicht für Pflegekräfte?

Foto: picture alliance / Jochen Eckel

Corona

Impfpflicht für Pflegekräfte?

Die Bereitschaft ist hoch – doch Fachleute plädieren für Freiwilligkeit

von Ralf Balke  28.01.2021 09:26 Uhr

Die Diskussion ist bereits voll entbrannt. Nachdem im Dezember die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) sowie die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) das Ergebnis einer Umfrage veröffentlicht hatten, wonach sich zwar 73 Prozent der Ärzte, aber nur knapp 50 Prozent der Pflegekräfte gegen das Coronavirus impfen lassen wollen, meldete sich unmittelbar danach die Politik zu Wort.

So sprach sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für eine generelle Impfpflicht für medizinisches Personal aus. Justizministerin Christine Lambrecht dagegen setzt auf das Verantwortungsgefühl und Freiwilligkeit. »Die Bundesregierung hat klar gesagt, dass es keine Pflicht zur Impfung gegen Corona geben wird«, sagte sie der in Düsseldorf erscheinenden Tageszeitung »Rheinische Post«. »Das gilt auch dort, wo es ganz besonders auf die Impfung ankommt: in den Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen.«

Masern »Anders als beispielsweise bei Masern sehe ich das Thema Impfpflicht im Fall von Corona durchaus als problematisch«, sagt Leo Latasch. »Man kann sich nicht eine einzelne Berufsgruppe wie Ärzte, Krankenschwestern oder Pflegepersonal heraussuchen und sagen, nur weil ihr andere Menschen medizinisch versorgt oder betreut, müsst ihr euch jetzt alle sofort impfen lassen«, betont der Facharzt für Anästhesie, der auch Mitglied in den Vorständen der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) ist. Zudem war Latasch mehrere Jahre Mitglied des Deutschen Ethikrats.

»So einfach funktioniert das nicht. Es gibt ebenso wie in anderen Teilen der Bevölkerung auch in diesem Personenkreis eine gewisse Unsicherheit oder womöglich Ängste darüber, inwieweit der Impfstoff vielleicht Nebenwirkungen haben könnte oder ob er wirklich nachhaltig schützt«, gibt der Experte zu bedenken. »Und all das sollte man durchaus ernst nehmen und zugestehen.«

Latasch selbst ist mit mobilen Impfteams in Hessen unterwegs gewesen und kennt die Stimmungen aus erster Hand. »Das sind gewiss keine Querdenker oder Impfgegner aus Prinzip.« Aber bei den mRNA-basierten Vakzinen handelt es sich nun einmal um etwas völlig Neues. »Deshalb wollen manche eben lieber noch abwarten.« Außerdem sei die Zahl seinen Erfahrungen zufolge recht überschaubar. Vielleicht zwischen fünf und zehn Prozent würden sich so verhalten.

Gegenreaktionen »Mit einer Impfpflicht könnte man aber Gegenreaktionen auslösen und zur Abwanderung der ohnehin knappen Fachkräfte in andere Bereiche beitragen.« Das kann niemand wollen, erst recht nicht in Zeiten einer Pandemie.

»Es gibt definitiv keine Anti-Haltung gegen das Impfen, nur Vorsicht.«

Stephan Probst Palliativmediziner am Klinikum Bielefeld

»Bei den Vakzinen zum Schutz vor Corona handelt es sich um eine völlig neue Klasse von Impfstoffen«, sagt auch Stephan Probst. »Sie sind genbasiert, und das ruft manchmal eben Fragen hervor«, so der Palliativmediziner und Oberarzt am Klinikum Bielefeld. Eine Impfpflicht sieht auch er daher eher kritisch. »Das wäre das falsche Signal und würde eine Skepsis – wenn vorhanden – wohl noch verstärken.«

notstand Überhaupt findet er, dass die aktuelle Diskussion darüber viel zu emotional geführt wird. »Außerdem wird dadurch suggeriert, dass es beim Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen eine weit verbreitete Anti-Haltung gegenüber Impfungen geben würde. Das ist aber definitiv nicht der Fall.«

Die eigentlichen Probleme lauten für ihn immer noch personeller Notstand und schlechte Bezahlung, und das war bereits vor der Pandemie der Fall. »In der ersten Welle der Coronavirus-Krise wurden alle noch als Helden gefeiert und beklatscht«, sagt Probst. »Jetzt werden sie fast schon als unwissend diffamiert.« Die Akzeptanz von Impfungen bewertet er dagegen als generell sehr hoch. Um auch jetzt so viele wie möglich an Bord zu holen, empfiehlt er vor allem eines: »eine deutlich bessere Aufklärung über die Impfstoffe sowie ihre Zusammensetzung und eventuelle Nebenwirkungen«.

Mehr Wissen über die Vakzine kann also auf jeden Fall helfen, die Impfbereitschaft zu steigern. »Diese ist bei uns ohnehin schon enorm hoch«, berichtet Daphna Schächter. »Alle Kollegen würden sich gerne sofort impfen lassen«, sagt die Direktorin der Yitzhak-Rabin-Grundschule in Düsseldorf. »Doch leider stehen wir trotz unserer täglichen Kontakte mit Schülern, Eltern oder anderen Lehrern in der Rangfolge weiter hinten.«

Impfstoff-Wahl Von einer Pflicht zur Impfung will aber auch sie nichts wissen. »Mit der Hammermethode erreicht man wenig oder vielleicht sogar das Gegenteil.« Ihr Argument: »Es gibt mehrere Vakzine auf dem Markt, von denen einige völlig anders als klassische Impfstoffe funktionieren – und das auch noch zu sehr unterschiedlichen Preisen.« Bei einer Impfpflicht würde die Option, über die Wahl des Impfstoffs mitbestimmen zu können, womöglich wegfallen, und es würden sehr wahrscheinlich nur die günstigsten Produkte zum Einsatz kommen, befürchtet Schächter.

»Eine gute Antenne für die Stimmungen beim Personal in der Pflege ist sehr wichtig«, lautet die Empfehlung von Rabbiner Andrew Steiman. »Das gilt gerade für Bedenken oder Ängste, die man immer ernst nehmen sollte«, sagt der Rabbiner im Seniorenheim der Budge-Stiftung in Frankfurt. »Das ist Voraussetzung für Gespräche zu Themen wie der Schutzimpfung vor Corona.«

»Humor nimmt Ängste, vermeidet Spannungen und stärkt das Vertrauensverhältnis.«

Rabbiner Andrew Steiman

Rabbiner Andrew Steiman plädiert dafür, Ängste ernst zu nehmen.
Eine Pflicht zum Impfen hält er für kontraproduktiv. Es drohen zudem Klagen, weil das Ganze – anders als bei der Corona-Testpflicht, die in Hessen für Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen zweimal die Woche vorgeschrieben ist – eher als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit betrachtet werden könnte. Das erinnert Steiman an die irrationalen Vorwürfe gegen Beschneidung, und »noch mehr Irrationalität verunsichert noch mehr«.

Ohnehin sei die Bereitschaft, sich den schützenden Piks geben zu lassen, weitestgehend vorhanden. »Manchmal hilft es auch, eine gute alte jüdische Waffe zum Einsatz zu bringen: Humor.« Damit lassen sich Spannungen vermeiden. »Und das Vertrauensverhältnis wird sogar gestärkt.«

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