Bochum

Im Schatten des BDS

Bei der Podiumsdiskussion am Samstag Foto: Stefan Laurin

Malca Goldstein-Wolf hatte nicht mit so vielen Menschen gerechnet. Mehr als 250 Freunde Israels und der jüdischen Gemeinschaft waren dem Aufruf der Kölnerin zur Demonstration gegen die Öffnung des Kulturfestivals Ruhrtriennale für Aktivisten der anti-israelischen BDS-Kampagne durch die Intendantin Stefanie Carp gefolgt. Sie alle forderten: »Kein Support des BDS auf der Ruhrtriennale mit öffentlichen Geldern.«

Zahlreiche Redner stellten sich in ihren Beiträgen gegen Carp. Elio Adler von der »Werteinitiative« sagte: »Wir sind hier, weil es ein so kleiner und schäbiger Akt des Antisemitismus ist.« Man wolle dagegen protestieren, dass es nicht gelungen sei, »diesen irrsinnigen Ritt einer Intendantin zu stoppen«. Thomas Wessel, Pfarrer der evangelischen Christuskirche, forderte Bochum und die anderen Städte des Ruhrgebiets auf, dem Beispiel Berlins oder Frankfurts zu folgen und dem BDS keine Räume mehr zu geben.

Lammert Nach monatelangen Auseinandersetzungen über den Umgang des Festivals mit der BDS-Kampagne, ausgelöst durch die Einladung der Band Young Fathers, fand am Samstag in Bochum auch eine Podiumsdiskussion statt. Moderiert vom ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, debattierten neben Stefanie Carp NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos), der ehemalige Kulturminister Michael Vesper (Grüne), der Künstler Schorsch Kamerun, der US-Musiker und BDS-Aktivist Elliott Sharp, die belgische Tanz-Dramaturgin und BDS-Unterstützerin Hildegard de Vuyst und der israelische Regisseur und BDS-Propagandist Udi Aloni über den Umgang mit der antiisraelischen Kampagne.

Einen jüdischen Vertreter, der für Israel und gegen den Boykott des Landes hätte eintreten können, suchte man auf dem Podium vergebens. Auch der Kölner Schauspieler Gerd Buurmann, den Zentralratsvizepräsident Abraham Lehrer mit Blick auf den Schabbat als Vertreter der Synagogen-Gemeinde Köln vorgeschlagen hatte, war nicht eingeladen worden. Eine solche Stimme fehlte, das räumte sogar Udi Aloni später auf Facebook ein, der mit einer Schimpfkanonade auf Israel und anwesende deutsche Politiker, von denen er sich nicht vorschreiben lassen wolle, »was ein guter Jude ist«, die Veranstaltung fast gesprengt hätte.

Entlassung Erstmals und offensichtlich getrieben von der Debatte um ihre Entlassung sagte Carp, sie stehe hinter dem Existenzrecht Israels. Dennoch fragte sie in die Runde: »Darf ich jetzt alle Künstler, die mit dem BDS sympathisieren, nicht mehr einladen?« Schorsch Kamerun riet ihr davon ab. Wer solche Künstler einlade, »wisse, dass die Musiker eine Kampagne im Gepäck hätten«.

Vesper kritisierte Carp wegen ihres Schlingerkurses, die Band ein-, wieder aus- und dann doch wieder einzuladen. Der Verein der Förderer der Ruhrtriennale hätte sich hinter die Intendantin gestellt, wenn sie bei ihrer Einladung geblieben wäre. Auch wenn Vesper sich gegen BDS aussprach, war ihm doch eines sehr wichtig: »Wir Deutsche haben das Recht und die Pflicht, Israel zu kritisieren.«

Hildegard de Vuyst forderte Deutschland schließlich auf, »wie alle anderen Länder«, sich ebenfalls gegen Israel zu stellen. Elliott Sharp betonte zunächst, er sei Jude und stamme von Holocaust-Opfern ab, um dann zu sagen: »Viele von uns glauben, dass Israel selbst einer der Hauptgründe für den wachsenden Antisemitismus ist, vor allem wegen seiner Politik gegenüber den Palästinensern.« Und er sah Parallelen zwischen den Fotos vom Warschauer Ghetto und Bildern aus dem Gazastreifen.

Diskutanten Jedes Mal, wenn so offen gegen Israel gehetzt wurde, wurde es laut im Publikum, und man beanstandete, dass proisraelische Juden auf dem Podium nicht vertreten waren. Durch die Auswahl der Diskutanten werde der Eindruck erweckt, dass die meisten Juden nicht hinter Israel stünden. »Juden wollen auch reden«, rief eine Frau aus dem Publikum. »Sie bringen uns nicht zum Schweigen.« Und doch geschah am Samstag in Bochum genau dies. Zwar sprach sich Kulturministerin Pfeiffer-Poensgen gegen BDS aus, als sie sagte: »Es gibt keinen BDS light«, aber im Kern stärkte auch sie Carp den Rücken.

Diese machte am Ende deutlich, dass alle Kritik an BDS und ihrem Verhalten ihr vollkommen gleichgültig seien und das Existenzrecht Israels für sie nicht viel mehr als eine momentane Sprachregelung ist: »Soll ich nur noch Künstler einladen, die in jeder Weise konform sind mit jedem gegenwärtigen Wording der Bundesrepublik? Dann hätten wir ja ein sehr eingeschränktes Programm.« Und das werde es mit ihr nicht geben. Sie wünschte sich, zum nächsten Festival die (umstrittene) Theaterregisseurin Ofira Henig einzuladen.

Der FDP-Landtagsabgeordnete Lorenz Deutsch will solche Auftritte verhindern und forderte den Rauswurf Carps. Doch mit dieser Position sind die Liberalen bislang allein.

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Speyer, Worms und Mainz

SchUM-Stätten feiern fünfjährigen »Welterbe-Geburtstag«

Vor fünf Jahren erhielten sie wegen ihrer wichtigen Bedeutung für das mittelalterliche Judentum den Welterbe-Titel. Nun feiern die SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz die Aufnahme auf die Unesco-Welterbeliste mit einer Veranstaltung in Speyer

 09.07.2026

Gemeindetag

Zusammen füreinander

Vom 17. bis zum 20. Dezember treffen sich Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Berlin – für viele wird es ein lang ersehntes und freudig erwartetes Wiedersehen

von Katrin Richter  09.07.2026

Machanot

Kleine Auszeit

Die Koffer sind gepackt, gut gelaunt fahren die Kinder ins Ferienlager. Doch auch die Eltern haben Pläne, wollen renovieren, verreisen oder finden ein neues Hobby. Wir haben uns umgehört

von Christine Schmitt  09.07.2026

Maccabiah

»Jetzt erst recht«

Die Sportlerinnen und Sportler aus Deutschland sind hoch motiviert. Für manche ist es nicht das erste Mal, dass sie in Israel dabei sind – bei den Medaillen spielen sie ganz vorn mit

von Sabine Brandes  08.07.2026

Programm

Schostakowitsch, Punk und Nathan in der Schwebebahn: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 9. Juli bis zum 16. Juli

 08.07.2026

50 Jahre in Deutschland

»Die Deutschen haben aus ihrer Geschichte gelernt«

Was ist typisch deutsch, was typisch amerikanisch? Holly-Jane Rahlens kennt sich mit beiden Nationen aus. Die Autorin lebt seit mehr als 50 Jahren in Berlin

von Nina Schmedding  08.07.2026

München

»Auf geht’s – an die Arbeit!«

Die Israelitische Kultusgemeinde hat einen neuen Vorstand gewählt. Charlotte Knobloch wurde als Präsidentin im Amt bestätigt

von Leo Grudenberg  07.07.2026

Rabbinerausbildung

Levinson-Stiftung als Institut an der Uni Potsdam anerkannt

Neuer Meilenstein für die Ausbildung liberaler und konservativer Rabbinerinnen und Rabbiner sowie Kantorinnen und Kantoren

 07.07.2026