Interview

»Ich war eine Stunde lang still«

Fasziniert vom Interesse der jungen Leute: Rabbiner Andrew Steiman Foto: Rafael Herlich

Herr Rabbiner Steiman, wie haben Sie das Gespräch zwischen den Zeitzeugen und den Schülern erlebt?
Es ist etwas sehr Seltenes passiert. Ich war eine Stunde lang still.

Hatten Sie den Eindruck, dass die Jugendlichen bei dieser Begegnung gehemmt waren?
Überhaupt nicht. Da war sofort eine Verbindung da. Die Schüler haben mit großer Unbefangenheit genau die Fragen gestellt, die sie interessieren. Ein Mädchen, das eigentlich Protokoll führen sollte, hat ihren Stift hingelegt und gesagt: »Ich will das jetzt miterleben und nichts verpassen.« Die wird sich bestimmt auch ohne Mitschrift später an alles erinnern können. Insgesamt war die Atmosphäre friedlich und kooperativ. Und am Ende haben alle einander umarmt.

Haben auch die Zeitzeugen selbst von dieser Begegnung profitiert?
Auf jeden Fall! Einsamkeit ist ein großes Thema im Alter. Es tut den älteren Leuten daher gut, dass sich jemand so sehr für ihre

Lebenserfahrungen interessiert. Außerdem denken viele der Überlebenden: »Bald leben wir nicht mehr. Wir wollen aber, dass die Erinnerung weiterlebt« – und das ist ein zutiefst jüdischer Gedanke.

Rabbiner Andrew Steiman arbeitet zusammen mit einer
evangelischen Pfarrerin und einem katholischen Diakon als
Seelsorger in der Altenwohnanlage und dem Pflegeheim der
Budge-Stiftung.

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