Ich tauche mal als »Beno«, mal als »Berl«, mal als »Borys« Salamander auf. Hinter jedem dieser Vornamen verbirgt sich natürlich eine Geschichte, ein Moment, ein Ereignis, das etwas über mich und mein Leben erzählt. Berl oder Beno sind mir eigentlich am liebsten. Den jiddischen Vornamen Berl trage ich für alle, die eng mit mir sind und mich schon lange kennen. Auch für meine Familie bin ich natürlich der Berl. Die, die mich Beno nennen, kennen mich auch ziemlich gut, sind Freunde, Bekannte.
Borys dagegen nennen mich nur diejenigen, die das irgendwo so gefunden oder gelesen haben. Und es stimmt ja eigentlich auch: Seit meiner Approbation ist Borys Salamander mein offizieller Name. Denn mein Medizinstudium beendete ich hier in München 1969. Ich bekam meine Approbation, und da stand dann auf diesem Dokument »Dr. Borys Salamander«. Mich hat das ein bisschen erschreckt, und ich habe nachgefragt: »Wieso das denn?« Die Antwort lautete: »Na, ja, auf ihrer Geburtsurkunde steht das eben so – Borys Samujlowicz Salamander.« Und damit hatten sie recht
Samujlowicz wurde mir übrigens, ganz nach russischer Art, als zweiter Vorname verpasst, die russische Variante von Samuel, dem Namen meines Vaters. Ich bin 1944 in Mary, einer Stadt in Turkmenistan, geboren. Meinen Vater wie meine Mutter hatte es dorthin verschlagen. Mein Vater, der aus Lemberg stammte, war nach Kriegsausbruch vor den Deutschen in den russisch besetzten Teil Polens geflohen. 1941 nahmen ihn die Sowjets als »illegalen Flüchtling« fest, und er wurde nach Russland deportiert.
Er wollte einfach nur weit, weit weg von jedem Kriegsgeschehen
Es folgten für ihn zwei schreckliche Jahre in Arbeitslagern. Unterernährt, im Winter halb erfroren, musste er am Bau des Wolgakanals mitarbeiten.
Irgendwann wurde er entlassen, dahinter verbarg sich eine Vereinbarung Stalins mit der polnischen Exilregierung, und dann wollte er einfach nur weit, weit weg von jedem Kriegsgeschehen. Und so landete er in Mary, wo er eines Tages auf einem Basar, auf dem er als gelernter Bauspengler aus Blech gefertigte Töpfe, Kannen und Werkzeuge verkaufte, auf meine Mutter traf.
Sie hieß Rywa. Ihr war es zusammen mit der etwas älteren Schwester Tola gelungen, gleich nach der Errichtung des Ghettos aus Warschau, ihrer Heimatstadt, zu fliehen. Sie gingen los und liefen einfach immer weiter nach Osten. Ich denke, dass diese strapaziöse Flucht die beiden jungen Frauen körperlich überfordert und krank gemacht hat.
Mehr als 55 Jahre Mediziner zu sein – und das aus Leidenschaft –, ist ja nicht wenig.
In Mary wurden Samuel und Rywa dann ein Paar und ich bald geboren. Dem sowjetischen Standesbeamten machte der Vorname Berl allerdings zu schaffen. Er wurde geradezu wütend und änderte ihn kurzerhand in Borys, wozu mein Vater nur »Soll sein Borys« sagte. Und genauso reagierte ich dann auch beim Überreichen meiner Approbationspapiere: »Soll sein Borys.«
Obwohl mein Vater uns in Mary ein recht gutes Leben ermöglichen konnte, zog es ihn bald wieder weg. Er misstraute dem Sowjetsystem. 1946 machten wir uns Richtung Lemberg und Warschau auf. Aber beide Städte bestanden nur noch aus Ruinen, und wir zogen wieder weiter. Unterdessen hatte sich herumgesprochen, dass die Alliierten für die jüdischen Überlebenden in Deutschland Sammellager aufgebaut hatten, in denen die Menschen fürs Erste unterkommen konnten, außerdem würde ihnen dort weitergeholfen, was ihre Auswanderungspläne in die USA, nach Kanada oder Australien betraf. Wir wurden also »DPs«, sogenannte »Displaced Persons«, und das erste DP-Camp, in dem wir unterkamen, lag in Hof an der Saale in Bayern.
Später lebten wir von 1951 bis 1956 im Lager Föhrenwald bei München. Ich hatte mittlerweile eine kleine Schwester bekommen, Rachel, die 1949 im DP-Lager Deggendorf geboren worden war. Dass wir so lange in Föhrenwald geblieben und eben nicht ausgewandert sind, hatte damit zu tun, dass unsere Mutter sehr krank geworden war. Sie hatte ein schwaches Herz, musste immer wieder in verschiedene Krankenhäuser und starb schließlich im Dezember 1953. Sie wurde auf dem Friedhof in Gauting beerdigt, gleich neben ihrer Schwester, die ein paar Jahre zuvor an Lungentuberkulose gestorben war.
Jiddisch ist eine Sprache, die mir bis heute ans Herz gewachsen ist
Noch nicht zehn Jahre alt, las ich für meine Mutter aus dem Gebetbuch das Kaddisch. Viel später hat mir jemand erzählt, dass ich damals bei der Beerdigung gesagt habe, dass ich Arzt werden wolle, »damit andere Kinder nicht ihre Mütter verlieren«. Und Arzt bin ich geworden.
Im DP-Lager sprach man Polnisch und Russisch, Ungarisch und Rumänisch, vor allem jedoch Jiddisch, eine Sprache, die mir bis heute ans Herz gewachsen ist und für die ich gerade eine richtige Leidenschaft entwickle.
Ich bin in zwei Zoom-Jiddisch-Lesekreisen, einem, der von der Münchner Uni organisiert wird, und einem, den Professor Simon Neuberg von der Uni Trier leitet. Mein Interesse an und meine intensive Beschäftigung mit dem Jiddischen gingen so weit, dass ich dieses Jahr vor internationalem Publikum in Trier einen Vortrag mit dem Titel »Das letzte jiddische Shtetl« halten konnte, womit ich das Lager Föhrenwald meinte.
Hebräisch lerne ich auch schon eine Weile lang, und es gab ja auch diese Zeit, in der sowohl mein Vater als auch ich als junger Mensch planten, Alija zu machen. In Föhrenwald stand schon die große Kiste bereit, in die das Wichtigste hinein sollte. Ich träumte von einem Leben im Kibbuz und bin zusammen mit anderen jungen Menschen zum ersten Mal 1971 nach Israel gereist – organisiert damals bereits von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST).
Je öfter ich nach Israel ging, umso mehr schätzte ich das Leben in Deutschland.
Auf der Fahrt dorthin lernte ich den nicht auf den Mund gefallenen Dan Diner aus Frankfurt kennen, und wir freundeten uns an.
Eine Szene, die wir später erlebten, verbindet uns wahrscheinlich bis heute: Wir sitzen in Tel Aviv an einem Fenster, es ist heiß, wir reden Jiddisch, kommt unten einer dieser typischen Artic-Eisverkäufer vorbei, sagt zu uns hoch: »Ch’hob gemust iberlebn di Oiwn in Auschwitz, as ch’sol do farbrent wern fun der Sun?« Das hat uns sehr getroffen. Für mich stellte ich jedenfalls mehr und mehr fest: Je öfter ich nach Israel ging, umso mehr schätzte ich das Leben in Deutschland.
Ich habe das Schifahren in den Alpen geliebt, habe meinen Freundeskreis gefunden, und die Bemerkung einiger Israelis, wie ich als Jude in Deutschland leben könne, hat mich doch sehr verletzt – ich hatte in München einen alten, armen, kranken Vater, um den ich mich zusammen mit meiner Schwester kümmerte.
Zeitzeuge wollte ich eigentlich nie sein. Aber irgendwie wurde ich in den vergangenen Jahren immer häufiger angefragt, und mittlerweile denke ich, dass ich eine Art Verantwortung trage, Auskunft zu geben, auch weil ich festgestellt habe, dass viele Menschen kaum etwas wissen über die DP-Lager und die Situation der Juden nach 1945. Außerdem habe ich jetzt die nötige Zeit dafür. Mit Beginn der Pandemie 2020 beendete ich meinen Beruf als hausärztlicher Internist. Niemand konnte damals wissen, wie sich Corona weiterentwickeln würde, und ich wollte mir diese ganzen Umstände im medizinischen Bereich einfach nicht mehr antun. Mehr als 55 Jahre als Mediziner tätig zu sein, und das mit großer Leidenschaft, ist ja auch nicht gerade wenig.
Ich mache jeden Tag etwa eine Stunde lang meinen Sport
Ich bin also mit meiner Familie, meiner Frau, die als Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche arbeitet, in München geblieben. Wir haben drei Töchter. Zwei leben ebenfalls hier. Die Jüngste ist Psychotherapeutin für Erwachsene, die Mittlere Bildende Künstlerin. Die Älteste wohnt in Hamburg. Sie hat Politik studiert, geht aber im Moment ganz in ihrer Rolle als Mama von drei kleinen Mädchen auf.
Ich mache, wenn es geht, jeden Tag etwa eine Stunde lang meinen Sport, ich walke, mache Gymnastik, und ich genieße mittlerweile meine Zeit und mein Leben – nach dem bekannten »Loch«, in das man nach einem langen Arbeitsleben erst einmal fallen kann.
Und ein bisschen bin ich natürlich immer auch noch der kleine Berl aus dem DP-Lager geblieben – und damit auch der große Bruder von Rachel. Über sie muss man ja nicht viel sagen: Sie ist sehr intelligent, sehr gebildet, sehr fleißig. Wobei ich ihr manchmal helfen kann, aber eher in praktischen Dingen, die nichts mit ihrer öffentlichen Arbeit zu tun haben. Und weil sie so beschäftigt ist, lade ich sie und ihren Mann gern mal zum Schabbat ein, führe die Familie zusammen und fühle mich ein wenig als kleines Familienoberhaupt.
Aufgezeichnet von Katrin Diehl