Porträt der Woche

»Ich provoziere Fragen«

Elana Katz ist Künstlerin und will mit ihren Performances Konventionen hinterfragen

von Alicia Rust  22.05.2022 08:19 Uhr

»Schon als Kind war ich sehr ehrgeizig und ging meinen eigenen Weg«: Elana Katz lebt in Berlin. Foto: Gregor Zielke

Elana Katz ist Künstlerin und will mit ihren Performances Konventionen hinterfragen

von Alicia Rust  22.05.2022 08:19 Uhr

In Upstate New York geboren, verbrachte ich bis zu meinem neunten Lebensjahr eine ungewöhnliche Kindheit. Meine Eltern waren beide passionierte Musiker, mein Vater spielte Cello, meine Mutter Bratsche. Hauptberuflich waren sie Professoren an der Eastman School of Music in Rochester, meiner Geburtsstadt. So lange ich zurückdenken kann, herrschte bei uns zu Hause immer eine kreative Atmosphäre, ich wuchs mit Musik und mit Kunst auf, umgeben von außergewöhnlichen Menschen.

Unsere Familie gehört dem säkularen Judentum an. Wir waren nicht religiös, wir haben keine jüdischen Feiertage zelebriert; manchmal machten wir sogar Witze darüber, was für komische Juden wir doch sind. Dafür mangelte es uns nicht an jüdischen Freunden und Bekannten, bei denen wir häufig zu Feiertagen eingeladen waren.

Ich schätze gutes jüdisches Essen – wie Gefilte Fisch.

Meine Einstellung zum Judentum war also eher locker – oder vielmehr gesagt selbstverständlich –, aber nicht in traditioneller, sondern in kultureller Hinsicht. Vieles, was aus dem Judentum kommt, ist ja schon längst zu einem Teil der US-amerikanischen Kultur geworden. Sprichwörter, die oftmals von jüdischen Begriffen geprägt sind, ohne dass jemand noch groß darüber nachdenkt.

FAMILIE Die Vorfahren meines Vaters kommen ursprünglich aus Deutschland, aus Weilburg an der Lahn, um genau zu sein. Sie sind aber bereits vor dem Ersten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Die Familie war recht groß, und so ist sie inzwischen über die ganze Welt verstreut. Ungefähr fünf bis sechs Verwandte sind im Holocaust ums Leben gekommen, das ist im Vergleich zu anderen Familien nicht besonders viel, wenngleich natürlich schlimm genug. Die Vorfahren meiner Mutter hingegen kommen aus Bukarest.

Beide Elternteile sind also amerikanische Juden in dritter Generation. Und die Herkunftsfamilien bilden auch heute noch ein großes Netzwerk. Meine Urgroßeltern hatten sich damals in Chicago niedergelassen und ein Unternehmen für Butter und Eier geführt. Darüber konnten auch etliche Verwandte aus Nazideutschland gerettet werden, indem man ihnen eine Arbeitserlaubnis besorgt hatte.

Doch zurück zu uns: Als ich neun Jahre alt war, zogen meine Eltern mit uns Kindern – ich habe eine sechs Jahre ältere Schwester – nach Frankreich. Genau gesagt, nach Fontainebleau, nur 55 Kilometer südlich von Paris. Nur ein Jahr darauf ging es wieder zurück in die USA, zunächst wieder nach Upstate New York für ein Jahr, anschließend nach Houston, wo beide Eltern eine Professur für klassische Musik an der Rice University erhielten.

BALLETT In der Zwischenzeit hatte ich etwas Eigenes entdeckt – und zwar meine Liebe zum klassischen Ballett! Es war einfach das Größte für mich und sollte für einige Jahre mein Leben bestimmen. Ich habe zwar erst mit neun Jahren damit angefangen, doch ich war von Beginn an extrem ehrgeizig.

Ich arbeitete sehr hart an mir, ohne dass meine Eltern jemals irgendetwas in der Art von mir verlangt hätten, es war vielmehr mein innerer Drang. Mein eigener Ehrgeiz, der mich antrieb. Und so entschloss ich mich schließlich, mich in der russischen Methode unterrichten zu lassen, die als sehr streng gilt. Bei meinen Eltern erbettelte ich mir mit nur elf Jahren sogar die Erlaubnis, auf ein Internat, die »Kirov Academy« nach Washington gehen zu dürfen.

Nachdem ich die Highschool beendet hatte, zog es mich zum Studium nach New York.

Mit 13 Jahren begann schließlich meine rebellische Phase. Das klassische Ballett gab ich auf. Ich war auf der Suche nach etwas anderem. Also wechselte ich auf eine künstlerische Highschool, die Walnut Hill School for the Arts, die etwas außerhalb von Boston liegt. Nachdem ich die Highschool beendet hatte, zog es mich zum Studium nach New York. Die folgenden fünf Jahre verbrachte ich an der New School, wo auch einst Hannah Arendt lehrte.

Ich beendete die Universität mit zwei Abschlüssen: einem Bachelor Postcolonial Literature und einem Bachelor in Fotografie. Ich arbeitete wie besessen und habe viel im Studio fotografiert, überwiegend handelte es sich dabei um großformatige Arbeiten, die ich mithilfe einer Großformatkamera gemacht habe. Aber auch das war noch nicht das Ende der Fahnenstange.

2008 zog es mich nach Berlin, wo ich an der Universität der Künste studierte und Meisterschülerin bei Katharina Sieverding wurde, die damals neben Düsseldorf auch in Berlin lehrte. Das war eine Chance. Von Berlin aus pendelte ich über einen Zeitraum von etwa sieben Jahren für ein Projekt in verschiedene Regionen des ehemaligen Jugoslawien sowie nach Rumänien und Moldawien. Es hieß: »The Cancel Collection«, was meinen künstlerischen Ansatz stark geprägt hat. Im übergeordneten Sinne ging es darum, wie die Geschichte mit unserer Erinnerung umgeht, speziell an Orten, die mit der jüdischen Geschichte verbunden sind.

FACETTEN In Deutschland wurde mir erstmals richtig bewusst, wie facettenreich historische Themen eigentlich sein können. Die soziale Prägung als amerikanische Jüdin zeigte mir, dass viele Stereotype und Vorurteile über die Stadt vorherrschen, die nur wenig mit dem Berlin von heute gemein haben. Besonders ältere Menschen haben oft noch ein düsteres Bild vor Augen. Ich war jedoch von Anfang an begeistert von diesem neuen Berlin und von den Deutschen, wie sie heute sind. Die Menschen hier werden manchmal sehr vorsichtig, wenn sie Personen mit einem jüdischen Hintergrund begegnen. Jedenfalls ist das mein Eindruck.

Wenn ich zurückblicke, würde ich sagen, dass ich früher zu einem selbstzerstörerischen Verhalten tendiert habe und mich die Zeit in Europa und auch in Berlin irgendwie geheilt oder zumindest versöhnt hat. Über viele Jahre habe ich eine Therapie gemacht und mich dabei auch intensiv mit Sigmund Freud beschäftigt. Mit traumatischen Erinnerungen, die nicht einmal unbedingt unsere eigenen sein mögen, und mit jenem, was unser Unterbewusstsein produziert.

Mit jeder Performance entsteht etwas Neues, wenngleich alles vergänglich ist.

In Kontrast dazu steht für mich, jetzt in der Gegenwart, ein Umfeld, welches besonders für Künstler optimal ist: international, progressiv, kreativ. Hier kann jeder sein, wie er mag. Gegenüber denjenigen Menschen, die mich oder meine Kunst noch nicht kennen, würde ich mich als Konzeptkünstlerin beschreiben. Ich arbeite vor allem mit der »Performance« als Kunstform. Dabei lege ich Wert darauf, dass ich in einer Galerie auftrete und auch von einer Galerie vertreten werde und dass ich nicht etwa auf der Bühne eines Theaters oder eines Balletts stehe.

TRAUMA Ich beschäftige mich überwiegend mit den Themen Trauma, Erinnerung, Gewalt und mit der Fähigkeit der konstruktiven Auseinandersetzung, die mitunter auch schmerzhaft sein kann. Dabei konfrontiere ich kulturelle Konventionen und untersuche sehr kritisch die Komplexität der Widersprüche, in denen wir alle leben. Ich seziere das Phänomen Gewalt. Mit jeder Performance entsteht etwas Neues, wenngleich alles vergänglich ist. Die Erinnerung mag sich verändern, das Unbewusste bleibt.

Mithilfe meiner Kunst verlasse ich das, was wir als Normalität bezeichnen, den Alltag, das Banale. Dabei provoziere ich Fragen, die jeden von uns umtreiben, wobei ich kaum mehr bin als eine Projektionsfläche. Für Sehnsüchte, für Ängste, für Unbeantwortetes.

Es ist interessant, wie viel ich dabei von anderen Menschen über meine eigene Arbeit erfahre. Denn jeder fasst meine Performance anders auf. Es ist beeindruckend, was meine Kunst bei anderen auszulösen vermag. Wichtig ist mir auch die Exklusivität meiner Kunst. Denn jede Performance führe ich nur ein einziges Mal auf.

humor Neben meiner Arbeit ist das Wichtigste für mich, Zeit mit jenen Menschen zu verbringen, die ich liebe. Auch schätze ich gutes jüdisches Essen wie Gefilte Fisch oder frische Bagels. Und natürlich den jüdischen Humor. Neben meiner großen Familie schätze ich meine Wahlfamilie in Berlin, die aus guten Freunden, meinem Partner, der Community und anderen Künstlern besteht.

Schlussendlich ist die Heimat immer auch jener Ort, an dem man sich gerade besonders wohlfühlt. Die wichtigsten Konstanten im Leben sind aus meiner heutigen Sicht: Liebe und Kommunikation.

Aufgezeichnet von Alicia Rust

Porträt der Woche

»Fechten verlernt man nicht«

Peter Marduchajew lebt in Dortmund und ist Sportlehrer an einer Grundschule

von Stefan Laurin  02.07.2022

Reise

Malabi, Kibbuz und Schabbat

Jugendliche der Europäischen Janusz Korczak Akademie haben Israel besucht – und Tagebuch geführt

 02.07.2022

Salomon Korn

»Es muss personelle Konsequenzen geben«

Jüdische Gemeinde Frankfurt und Landesverband sprachen mit Kunstministerin Angela Dorn über den documenta-Skandal

 01.07.2022

Sachsen

Polizei und jüdische Gemeinden kooperieren

Engere Zusammenarbeit im Kampf gegen Antisemitismus – zentraler Punkt ist Unterstützung bei Aus- und Fortbildung

 30.06.2022

Dessau

Eröffnung der Synagoge verzögert sich

Ursprünglich sollte das Gotteshaus bis Rosch Haschana fertiggestellt werden

 30.06.2022

Studie

Übergriffe auf jüdische Friedhöfe werden untersucht

Bundesweit werden dafür die Schäden und die materiellen wie immateriellen Folgen erfasst

 30.06.2022

München

Olympia 1972, Emigration, Paul Ben-Haim

Meldungen aus der IKG

 30.06.2022

Jakobsplatz

Gute Nachbarschaft

Die IKG feierte mit rund 1500 Besuchern ihr traditionelles Sommerfest

von Miryam Gümbel  30.06.2022

Chuppa

Liebe in Zeiten des Krieges

Eliza Chaya und Gabriel sind aus Odessa geflüchtet. Nun haben die beiden in Berlin geheiratet

von Christine Schmitt  30.06.2022