Jugendkongress

»Ich hoffe auf kontroverse Debatten«

Interessiert an politischen Diskussionen: Teilnehmerinnen des Jugendkongress 2014 Foto: Gregor Zielke

Fünfzig Jahre – das ist schon ganz schön alt. Zumindest aus Sicht der Teilnehmer des Jugendkongresses, der vom 26. Februar bis zum 1. März in Berlin stattfindet und vom Zentralrat und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) organisiert wird.

Stella ist noch nicht einmal halb so lange auf der Welt. Und dennoch findet die 24-Jährige das Thema des diesjährigen Kongresses »50 Jahre diplomatische Beziehungen Deutschland – Israel« topaktuell.

Sie ist gespannt auf die Expertenmeinungen, gerade im aktuellen Spannungsfeld zwischen antiisraelischer Stimmung, der Auseinandersetzung mit Antisemitismus und dem Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren. »Beide Länder müssen sich positionieren«, findet die Studentin, die sich als Deutsch-Israelin persönlich von diesem Thema berührt fühlt.

Kontroversen Auch Ron (23) hält den Schwerpunkt des Kongresses für gut gewählt. Der junge Mann aus Frankfurt will vor allem mehr darüber erfahren, wie die Bürger beider Staaten zueinander stehen – vielleicht ganz anders als die Spitzenpolitiker? »Die meisten Deutschen wissen gar nicht, wie stark Deutschland Israel unterstützt, meiner Ansicht nach sogar stärker als die Amerikaner«, meint der politisch interessierte Student. »Ganz offen gesagt, hoffe ich auf kontroverse Diskussionen. Es darf ruhig richtig zur Sache gehen.«

Mit Spannung erwartet Ron den Vortrag von Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen über »Extremismus, Militanz, Gewalt – Gefahren für die innere Sicherheit«. Ron will mehr darüber wissen, wie die Neonazi-Terrortruppe NSU so lange unerkannt Verbrechen begehen konnte. Ein Thema, das angesichts des aktuellen islamistischen Terrors tatsächlich aus dem öffentlichen Fokus gerückt ist.

Zukunft Israelfeindliche Kundgebungen, vor ein paar Tagen erst das Attentat auf ein Kulturcafé und eine Synagoge in Kopenhagen, der Anschlag auf das Satireblatt Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris Anfang des Jahres, das Attentat auf das Jüdische Museum Ende Mai 2014 in Brüssel, bei dem vier Menschen starben – diese Angriffe befeuern die Diskussion, ob Juden in Europa eine Zukunft haben.

Israel bietet sich als sicherer Hafen an, und vor allem Juden aus Frankreich folgen der Einladung. Im vergangenen Jahr wanderten so viele Juden wie nie zuvor von dort nach Israel aus. »Auch ich habe Freunde in Frankreich, für die das ein Thema ist«, bekräftigt Stella.

Schutz In Deutschland mahnt Zentralratspräsident Josef Schuster zu Wachsamkeit ohne Panik: »Wir lassen uns nicht vergraulen, aber wir brauchen Schutz, politische und gesellschaftliche Solidarität.« Das sehen Jugendkongressteilnehmer Stella und Ron genauso: »Auswandern nach Israel – ja, das ist ein Thema, aber in Deutsch- land kein akutes«, findet Psychologiestudentin Stella. Sie kenne nur wenige Leute, die sich fragen, ob sie eine Zukunft in Deutschland haben – und noch weniger, die diese Frage mit »Nein« beantworten.

Die jungen Leute vertrauen darauf, dass Deutschland auf Antisemitismus sensibel reagiert – und seine jüdischen Bürger entsprechend schützt. Deshalb haben sie auch keine Angst vor Anfeindungen, wenn sie zum Jugendkongress nach Berlin fahren.

Auf die leichte Schulter nimmt die junge Generation das Thema Sicherheit aber nicht. Ron, der ein halbes Jahr in Brüssel verbrachte, ist immer noch aufgewühlt, wenn er davon erzählt, wie angespannt er die Lage dort einige Wochen nach dem Anschlag auf das Jüdische Museum erlebte: »Jüdische Einrichtungen wurden nicht nur von der Polizei, sondern von Soldaten geschützt!«

Sicherheit Nach der Jom-Kippur-Feier hätten die Sicherheitskräfte nur nach und nach die Besucher aus der Synagoge treten lassen und alle ermahnt, gleich nach Hause zu gehen. Ob sich die Lage in Deutschland auch so zuspitzen könnte? »Das könnte überall passieren«, glaubt Ron.

Trotzdem: Sollte er einmal nach Israel ziehen, dann nicht aus Angst, sondern aus den »richtigen« Gründen, sagt er. Weil er als junger Ingenieur dort vielleicht einen tollen Job findet. Und weil er Land und Leute mag. Unter Juden zu sein, das sei eben etwas Besonderes: »Es hört sich verrückt an, aber es ist einfach ein gutes Gefühl.«

Auswandern Auswandern? Mit diesem Begriff, der suggeriert, dass man in der Heimat alle Zelte abbricht, können junge Juden in Deutschland wenig anfangen. Für die mobile Generation der Um-die-20-Jährigen ist es ganz normal, ein paar Jahre ins Ausland zu gehen. Fast jeder jüdische deutsche Student hat einen Freund oder Kommilitonen, der gerade in Israel ein Praktikum oder ein soziales Jahr macht oder promoviert.

»Unsere Generation pflegt die deutsch-israelischen Beziehungen sehr gut«, stellt Ron fest. Stella sekundiert: »Die Frage nach dem Auswandern stellt sich gar nicht. Die Leute wissen, dass sie zurückkommen.«

So bleiben Kontakte erhalten, die auch der Jugendkongress fördert. Denn mindestens ebenso wichtig wie Workshops und Diskussionen ist für die Teilnehmer das Wiedersehen mit jüdischen Freunden aus ganz Deutschland. Ron hat sich mit Kumpels aus Frankfurt, Berlin und München auf dem Kongress verabredet. Auch Stella freut sich darauf, Freunde zu treffen, die sich jedes Jahr zum Jugendkongress einfinden.

Präsenz Die junge Frau nimmt in diesem Jahr schon zum vierten Mal in Folge an dem bundesweiten Treffen teil. Für sie ist die Veranstaltung mit mehreren Hundert Teilnehmern ein Zeichen für den guten Zusammenhalt der jungen jüdischen Generation. Es sei »superwichtig« zu zeigen, wie präsent und stark das deutsche Judentum sei: »Wir sind aus Deutschland nicht wegzudenken. Wir rennen nicht davon.«

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