Jubiläum

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich so alt werde«

Leon Schwarzbaum wurde 1921 in Hamburg geboren. Foto: Uwe Steinert

Eine Szene in dem Film Der letzte Jolly Boy berührt ganz besonders: Leon Schwarzbaum, damals 96 Jahre alt, berichtet vor Inhaftierten einer Justizvollzugsanstalt, wie er die Schoa überlebte – als Einziger seiner Familie. Wenig später steht der zart anmutende Herr mit den doch eher kräftigen Inhaftierten zusammen im Hof, zeigt die Tätowierung auf seinem Arm, sagt, dass er sich in den schlimmsten Tagen im Lager vorgestellt habe, bei seiner Familie zu Hause zu sein.

Die Männer sind bewegt, wollen noch mehr von ihm wissen und überreichen zum Schluss einen kleinen Blumenstrauß. Sie wünschen sich gegenseitig alles Gute. »Leon Schwarzbaum ist ein charmanter, höflicher Mensch«, sagt Hans-Erich Viet, der diesen wichtigen, ergreifenden Film gedreht hat. Schwarzbaum würde genau beobachten und wissen, wie man mit Menschen umgehe – und erreiche auf diese Art so ziemlich jeden.

GLÜCKWÜNSCHE Am vergangenen Wochenende erreichten ihn unzählige Glückwünsche zu seinem 100. Geburtstag. Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin (SPD), gratulierte ihm, ebenso Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier meldete sich per Videobotschaft bei der offiziellen Feier in Potsdam zu Wort. Alle würdigten Schwarzbaums Einsatz als Zeitzeuge.

Er hätte nicht gedacht, dass er so alt werden würde, sagt Schwarzbaum. Seine gesamte Familie wurde in der Schoa ermordet. Jahrelang wollte er nur vergessen. »Ich wollte leben«, sagt er. Doch seit dem Tod seiner Frau sei es für ihn immer wichtiger geworden, Zeugnis abzulegen.

»Ich muss sprechen: Ich spreche für die Toten« – so begreift er seinen Auftrag.

Als Zeitzeuge ist er seitdem viel unterwegs, vor allem in Schulen, aber auch in Gefängnissen oder in Talkshows im Fernsehen. »Ich muss sprechen: Ich spreche für die Toten« – so begreift er seinen Auftrag. »Das mache ich im Namen meiner Eltern. Sie fehlen mir.« Je älter er werde, desto mehr erinnere er sich. Dagegen könne man nicht ankämpfen. Er sei tief verletzt als Mensch, seine Würde sei ihm genommen worden, und eigentlich habe er alles während der Schoa verloren. »Ich habe viel zu viel Schlimmes erlebt, als dass ich darüber schweigen könnte.«

KINDHEIT Leon Schwarzbaum kam 1921 in Hamburg zur Welt und zog als Vierjähriger mit seiner Familie in das oberschlesische Bendzin. Eine unbekümmerte Kindheit und Jugend habe er dort erlebt. Mit Freunden gründete er die Musikband »Jolly Boys«, sie waren vom Swing begeistert. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht im September 1939 musste die Familie ins Ghetto umziehen und Zwangsarbeit leisten.

Mit Freunden gründete er als Jugendlicher die Musikband »Jolly Boys«, sie waren vom Swing begeistert.

1943 floh Leon Schwarzbaum, wurde jedoch festgenommen und nach Auschwitz deportiert, dann wurde er Zwangsarbeiter in den Siemens-Schuckertwerken im Außenlager Bobrek. Es folgten Buchenwald, Sachsenhausen und zwei Todesmärsche.

Zuletzt wurde Leon Schwarzbaum in Schwerin befreit. Er wollte nach Hause und gelangte in seine Heimatstadt, um festzustellen, dass es niemanden aus seiner Familie mehr gab.

Daraufhin beschloss er, nach Stettin zu ziehen, wo die christliche Ex-Ehefrau seines Bruders lebte. Dort arbeitete er als Übersetzer, entschied sich aber bald, nach Berlin zu gehen. In der Nachkriegszeit betrieb er mit seiner Frau ein Antiquitätengeschäft.

PROZESS Als es vor knapp sieben Jahren zum Prozess gegen den ehemaligen SS-Unterscharführer Reinhold Hanning kam, stand für Leon Schwarzbaum fest, als Zeuge und Nebenkläger aufzutreten und zu den Verhandlungsterminen von Berlin nach Detmold zu fahren. Hanning wurde schließlich wegen Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen im Vernichtungslager Auschwitz verurteilt.

Es gebe kein Verzeihen, denn das könnten nur die Toten, wiederholt Schwarzbaum immer wieder. Er könne nicht vergeben.

»Der letzte Jolly Boy« steht in der Mediathek des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

Hochschule

»Spaltung statt Austausch«

Das Studierendenparlament der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf fordert den akademischen Boykott Israels. Der jüdische Student Michael Ilyaev erklärt, warum er das für falsch hält

von Joshua Schultheis  15.04.2026

Programm

Hawdala, ein rotes Sofa und das Geheimnis der Königin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. April bis zum 23. April

 15.04.2026

München

»Die Stimmung ging sofort in Richtung Aufbruch«

Grigori Dratva über einen Anschlag auf das Restaurant »Eclipse Grillbar«, Solidarität und den Blick nach vorn

von Luis Gruhler  15.04.2026

Carolin Bohl sel. A.

Blockiertes Gedenken

Wie sich in einer kleinen Stadt in Niedersachsen bei der Planung eines Benefizkonzerts für Terroropfer in Israel die Menschlichkeit durchsetzte

von Sophie Albers Ben Chamo  14.04.2026

Jom Haschoa

Narbe gegen das Vergessen

Wir, die Nachkommen der Zeitzeugen und der Ermordeten, dürfen das Leid unserer Großeltern nicht verstecken – wir müssen dafür sorgen, dass es unseren Kindern erspart bleibt

von Eugene Korsunsky  14.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Gedenken

Zwischenrufe bei Weimer-Rede in Buchenwald

Schon im Vorfeld hatte es Kritik am Auftritt des Kulturstaatsministers beim Buchenwald-Gedenken gegeben. Auch vor Ort gab es Gegenwind. Das sagt Weimer selbst dazu

 13.04.2026

Gedenken

»Für mich steht sein ›Hochverrat‹ heute als das höchste Zeugnis von Treue zur Menschlichkeit«

Hape Kerkeling sprach anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des KZ Buchenwald über seinen Großvater Hermann, der dort fast drei Jahre inhaftiert war. Wir dokumentieren seine Rede

 13.04.2026