Termin

Hummus und Raketen

In der entspannten Atmosphäre des Sonntagsclubs im Prenzlauer Berg über Politik zu reden, ist nicht gerade einfach: Kinder spielen, im Hintergrund läuft israelische Popmusik. Es gibt warme Pita und Hummus. Frisch mit Marmelade gefüllte Sufganiot machen Lust auf Chanukka. Möchte man da überhaupt über irgendwas diskutieren – höchstens, ob Sufganiot oder Hamantaschen besser sind?

Die vielen jungen Israelis und Juden, die in Berlin wohnen oder hierher für einen Kurztripp kommen, reden – zwar nicht nur über Politik, aber auch. Gerade die politische Situation in Israel bewegt viele. So bleiben Themen wie Alarm, Raketenbeschuss oder Waffenstillstand nicht aus, während Keren Shahar, deren »Israeli Brunch« zweimal im Monat stattfindet, ihre Gäste mit selbst gemachten Jachnun, Salaten und Kuchen versorgt.

Aschdod Aber trotz des offenbar leckeren Essens schwingt eben diese Stimmung mit, die zum Beispiel Dror, der öfter seine Schwester besucht, die in Berlin lebt, so beschreibt: »In Aschdod explodierten die Raketen, und ich habe einfach den Flug gebucht.« Berlin gefällt ihm – er spricht sogar von einer sehr »höflichen Stadt«.

Doch auch, wenn der Waffenstillstand nicht halten sollte, würde er kaum zögern, zurück nach Israel zu gehen: »Dort ist meine Heimat und mein Leben. Es kann schwer werden, und ich kann Leute verstehen, die Israel verlassen, um woanders zu leben. Unterstützen kann ich sie aber nicht.« Andererseits warnt Dror vor illusorischen Aliya-Träumen: »Wer ohne Verwandtschaft und alleine nach Israel ziehen möchte, sollte sich das wirklich überlegen. Es vielleicht mal für ein Jahr ausprobieren.«

Konflikt Die Neurowissenschaftlerin Keren geht sogar noch weiter: »In Israel werden Neuankömmlinge aus dem Ausland immer etwas skeptisch angesehen. Denn: Warum nur will jemand in dieses Land ziehen, in dem das Leben so schwer ist?«

Keren ist vor drei Jahren für ihre Promotion nach Berlin gekommen und wird im Sommer wieder zurück nach Tel Aviv gehen: »Ich vermisse den Strand und die Sonne.« Die politische Lage, auch der aktuelle Konflikt, machen ihr Sorgen. Dass sich wirklich etwas ändert oder geändert hat, glaubt sie nicht: »Die Situation ist immer noch die gleiche wie vor drei Jahren. In Gaza selbst hat sich nichts geändert, nur die Fraktionen um das Gebiet herum.«

In Deutschland hingegen sind ihr viele Menschen mit einer sehr merkwürdigen und konstanten Israel-Obsession begegnet, meistens Männer. »Das hat mich irritiert. Einer meiner Kollegen hat mir dauernd erzählt, wie sehr er Israel unterstützt, und wie furchtbar er den Holocaust findet und so weiter. Und dann gab es eine Situation, in der ich beleidigt wurde, weil mein Deutsch nicht sehr gut ist, und er hat kein Wort gesagt. Diese Heuchelei habe ich oft erlebt.«

Sie hat in der Ferne nicht nur angefangen, sich verbundener mit Israel zu fühlen. Wegen der Geschichte der Stadt und der aktiven Gemeinde wurde sie sich auch über ihr Jüdischsein klarer: »In Israel war ich vielleicht vier- oder fünfmal in der Synagoge, in 20 Jahren. Hier war ich sehr oft in der Oranienburger Straße, weil mir der egalitäre Minjan sehr sympathisch ist.« Inzwischen studiert sie nebenbei die Tora und versucht, jüdische Traditionen in ihr Leben zu integrieren. »Ich würde schon sagen, dass ich religiöser geworden bin.«

Patriotisch Gäste wie Moran aus der Nähe von Tel Aviv amüsiert das ganze Gerede über das Nachtleben in Berlin: »Viele Freunde kommen hierher, wegen der Partys und weil es angeblich billig ist. Dann merken sie schnell, dass es hier überhaupt nicht so ist, und dass man hart arbeiten muss. Nach drei Monaten gehen sie dann wieder zurück zu Mama.«Sein Bruder lebt schon seit sieben Jahren in der Stadt, Moran folgte vor drei Jahren: »Ich bin gekommen und einfach nicht mehr gegangen.« In der Ferne ist er patriotischer geworden, auch wenn er nicht gerne über Politik spricht. »Wenn jemand etwas sehr Dummes sagt, dann korrigiere ich diese Person natürlich. Ansonsten vermeide ich das Thema Politik oder lenke ab.«

Er ist auch nach Deutschland gegangen, weil seine Großeltern in Hamburg gelebt haben. Es freut ihn, dass viele junge Deutsche Hebräisch lernen und sich für das Land interessieren. Seine Freundin Iris hat er durch ein deutsch-hebräisches Sprachtandem getroffen. »Heute zum Brunch zu gehen war ihre Idee.« Moran ist gerne hier: »Ein bisschen ist der Brunch wie eine Reise nach Israel, die nur zwei Stunden dauert.«

Stimmung Genau wegen dieses Gefühls organisiert Keren Shahar den Israeli Brunch. Sie wollte gutes Essen mit einem Ort verbinden, an dem sich Israelis und Juden aus Berlin treffen und kennenlernen können. Durch dieses Konzept ist der Brunch zur festen Adresse geworden, auch für Reisende. Und natürlich prallen da auch mal Meinungen aufeinander: Wie die von Elinor: »Ich habe keine Hoffnung«, sagt sie. »Israel ist total abgeriegelt, mental. Das Land ist stark nach rechts gerückt und sehr rassistisch geworden. Damit kann ich mich nicht identifizieren. In Deutschland, in Europa, sehe ich meine Werte viel eher. Obwohl meine Familie hier ermordet wurde. Das ist ja das Paradoxon.«

»Dabei muss man bedenken, dass Elinor und ihr Antirassismus nicht typisch sind«, wirft Guy aus der Schweiz ein, der zehn Jahre in Israel gelebt hat. »Israel fühlt sich permanent bedroht. Und natürlich gibt es auch eine Bedrohung, und Leute müssen sich verteidigen. Aber es hat eben auch viel mit der Psyche zu tun. Wenn man nicht im Land lebt, merkt man das viel eher.«

»Deswegen ist es ja so wichtig, dass wir Israel quasi von außen verteidigen«, ergänzt Elinor. Am Ende zieht Guy das Fazit: »Erstens: Das Essen ist sehr gut. Der Hummus ist exzellent. Und zweitens: Wir sind lieber hier als in Israel.« Zumindest dem ersten Punkt kann niemand widersprechen.

Mehr Informationen zum Brunch unter
www.kerenskitchen.com

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