Volksbühne

Hommage an Tatjana

Layla Zami Zuckerman und Oxana Chi bei den Proben zur Online-Aufführung Foto: Maria Ugoljew

Volksbühne

Hommage an Tatjana

Zwei Künstlerinnen erinnern an die Tänzerin Tatjana Barbakoff

von Maria Ugoljew  24.12.2020 10:59 Uhr

»Machst du mal die Fenster zu?«, ruft Oxana Chi ihrer Partnerin Layla Zami Zuckerman zu. Es ist Freitagvormittag. Die beiden Frauen proben im Fincan – einem vereinsgetragenen Begegnungsort mit Café in Berlin-Neukölln – ihr Stück Durch Gärten. »Mal sehen, ob das mit dem Stein so funktioniert«, sagt Tänzerin Chi und wickelt sich in einen roten Samtstoff ein, dessen Ende mit einem Stein beschwert auf dem Dielenfußboden liegt. Während aus einer Lautsprecherbox Klaviermusik erklingt, springt und robbt sie durch das Erdgeschosszimmer, das vor Corona auch als Yogaraum und Galerie genutzt wurde.

»Das war die Geburt«, sagt Layla Zami Zuckerman, als Oxana Chi im Flur verschwindet, um sich für die zweite Szene umzuziehen. »Normalerweise würden wir jetzt in der Pause Fotos von Tatjana Barbakoff an die Wand projizieren«, erklärt die 35-Jährige. Doch die Probe sei ausschließlich dem performativen Teil gewidmet.

2008 ist die Performance Durch Gärten erstmals von Oxana Chi aufgeführt worden. Seitdem gehört das Stück fest zum Repertoire der Choreografin, die auch als Kuratorin, Autorin und Filmemacherin tätig ist. Vom Ensemble Xinren, dem Layla Zami Zuckerman angehört, wird sie musikalisch begleitet. Am 27. Januar 2021 soll das Stück im Programm »Volksbühne digital« erneut zu sehen sein.

Tatjana Barbakoff alias Tsipora Edelberg begeisterte in den 20er-Jahren mit Solostücken.

Das Stück erzählt die Geschichte von Tatjana Barbakoff, einer Jüdin, geboren 1899 als Tsipora Edelberg in Lettland, die ab 1918 in Deutschland lebte. Sie begeisterte das Publikum mit ihren Solostücken in ganz Europa. Namhafte Künstler wie die Fotografin YVA, der Maler Otto Dix oder der Grafiker Gregor Rabinovitch widmeten ihr Werke. Ab 1933 lebte Tatjana Barbakoff im Pariser Exil und durfte nur noch eingeschränkt auf der Bühne stehen. 1944 wurde sie in Nizza verhaftet und mit ihren Begleiterinnen, der Kostümbildnerin Gertrude Jungmann und deren Schwester Emma, nach Auschwitz deportiert, wo sie drei Tage nach ihrer Ankunft am 6. Februar 1944 ermordet wurden.

STOLPERSTEIN In der Berliner Knesebeckstraße erinnert heute ein Stolperstein an sie – initiiert wurde die Verlegung von Oxana Chi und Layla Zami Zuckerman. Aber sonst ist das Wirken der Tänzerin in der allgemeinen Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten. Für Oxana Chi und Layla Zami Zuckerman bleibt sie jedoch allgegenwärtig. Neben der Tanzperformance widmeten sie ihr 2014 den künstlerisch-dokumentarischen Film Durch Gärten tanzen, der auch in Berlin Premiere feierte.

Im Proberaum im Fincan wird es derweil immer wärmer. Oxana Chi rinnt der Schweiß von der Stirn. Sie ist in der vierten Szene angekommen, dem Finale. Es geht um Tatjana Barbakoffs Überlebenskampf. Oxana Chis Bewegungen werden energischer, mit Tritten und Schlägen versucht sie, sich zu verteidigen, verliert immer mehr an Kraft und liegt schlussendlich am Boden. Doch damit endet Durch Gärten nicht. Oxana Chi steht noch einmal auf, streckt ihre Arme nach oben und lächelt vorsichtig.

Die Hoffnung sei ein wichtiges Moment in dem Stück, sagt die Tänzerin, die im Ruhrgebiet aufgewachsen ist. Sie hat auf einer blauen Couch Platz genommen. Bei Lebkuchen und Tee erzählt sie aus ihrem Leben, von ihren ukrainisch-nigerianischen Eltern, ihrer Reiselust und ihrer tänzerischen Ausbildung an der renommierten Folkwang-Universität der Künste in Essen. Auf die Frage, wie alt sie ist, möchte sie nicht eingehen. »Eine Tänzerin sagt so etwas nicht«, sagt Layla Zami Zuckerman lachend und ergänzt: »Sie ist auf jeden Fall älter als ich.«

DIGITAL-PERFORMANCE Seit Oktober sind die beiden Frauen in Berlin und bereiten sich auf ihren Auftritt an der Volksbühne vor. Trotz des Lockdowns fand die Performance am 11. und 12. Dezember statt – ohne Publikum per Online-Übertragung. Das sei besser als nichts, meinen die beiden, die das Jahr über in New York verbracht hatten, ihrer Wahlheimat seit einigen Jahren. »Dort ist seit März wirklich alles dicht«, sagt Layla Zami Zuckerman, »lediglich die Cafés hatten im Sommer auf, wo man mit Abstand draußen sitzen durfte.«

Ihr Auftritt an der Volksbühne fand im Rahmen des Festivals »Diaspora Europa« statt. Kuratiert von der Journalistin Shelly Kupferberg und der Kunsthistorikerin Tímea Junghaus, war die Veranstaltungsreihe ursprünglich im Mai geplant gewesen, als künstlerische Auseinandersetzung anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung vom deutschen Nationalsozialismus. Aufgrund der Corona-Pandemie sei alles abgesagt und auf Dezember verschoben worden – in der Annahme, es könne dann alles wie geplant stattfinden. »Verrückte Zeit«, sagt Oxana Chi.
Doch das Künstlerinnenpaar wirkt nicht frustriert. »Das Leben ist eine Reise«, sagt die Tänzerin. Eigentlich hatten sie zum Jahresende einen Aufenthalt in Paris geplant, wo Layla Zami Zuckermans Mutter lebt. Doch all die Pläne haben sie auf Eis gelegt. »Chanukka haben wir nun in Berlin bei meinem Vater gefeiert«, sagt die 35-Jährige, die derzeit eine Gastprofessur am Pratt Institute in New York innehat.

barmizwa Aufgewachsen ist die Akademikerin in Paris und Berlin, ihre Mutter kommt aus Martinique, ihr Vater ist Jude und in Frankreich geboren. 1998 machte sie beim Liberal Jewish Movement of France ihre Batmizwa. »Das war mir wichtig«, sagt sie. Lernen, sich Wissen aneignen und sich immer weiterbilden: Darauf legt die Künstlerin großen Wert. Sie studierte klassisches Saxofon und darüber hinaus Politik am Sciences Po Paris – auch Frankreichs Präsidenten gehören dort zu den Absolventen.

Ihren Doktortitel erwarb sie an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Forschungsarbeit über Tanz und Erinnerung, die von Oxana Chis Durch Gärten inspiriert wurde. »Wir haben uns 2009 durch das Stück kennengelernt«, sagt Oxana Chi. »Layla war unter den Zuschauern, und nach der Aufführung sind wir ins Gespräch gekommen«, erinnert sie sich. Seitdem pflegen die beiden eine Freundschaft, Liebes- und Arbeitspartnerschaft.

»Wir müssen langsam den Raum frei machen«, sagt Layla Zami Zuckerman. Sorgfältig packen sie die Instrumente und Kostüme ein. »Die Kleider sind aus edlen Seidenstoffen, darauf habe ich viel Wert gelegt«, sagt Oxana Chi. Wie damals Tatjana. Durch Gärten hieß ihr Lieblingsstück. Deshalb sei die Performance vor allem eines – eine Hommage an Tatjana Barbakoff.

Die Performance ist noch einmal https://www.volksbuehne.berlin/de/programm/11347/diaspora-europa-durch-gaertenam 27. Januar 2021 zu sehen.

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