Bildung

Homeschooling macht Schule

Alles anders: Der Unterricht findet derzeit selten in der Schule statt. Foto: Getty Images / istock

Die Sommerferien rücken näher – und damit auch die Abschlusszeugnisse. Doch in diesem Schuljahr ist alles anders. Wegen der Corona-Pandemie konnten die meisten Schüler bis zu acht Wochen lang ihre Schulen gar nicht besuchen. Der Unterricht fand per Homeschooling statt.

Und auch, wenn die Schüler nun nach und nach zurückkehren, dürfen wegen der Abstandsregelung nicht alle gleichzeitig am Unterricht teilnehmen. Für das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn in Berlin bedeutet das sogar, die Schülerschaft zu dritteln, da die Klassenräume zu klein sind.

BENOTUNG Ein weiteres Problem ist die Benotung der Schulleistungen. Die Arbeitsergebnisse würden zwar gewertet, sagen die Pädagogen unisono, nicht aber im Sinne einer Benotung, sondern eher von Wertschätzung. Negative Leistungen bis hin zur kompletten Arbeitsverweigerung fallen unter den Tisch. Schließlich sollen Kinder in dieser schwierigen Situation nicht benachteiligt werden. Außerdem kann nicht jeder zu Hause ungestört arbeiten, wegen Platzmangel, hohem Lärmpegel oder Stress mit den Eltern.

Lernergebnisse Auch ist das anonymere Arbeiten am Computer nicht jedermanns Sache, hat Anja Schanbacher, Konrektorin der Jüdischen Grundschule Stuttgart, festgestellt. »Es gibt schüchterne Kinder, die besonders abgeholt werden müssen«, sagt sie. Positive Lernergebnisse aus dem Homeschooling können hingegen in die Leistungsbewertung einfließen.

Ihren Optimismus werden die Schulen wohl noch eine Weile brauchen.

Natürlich kennen die Lehrkräfte ihre Schüler und können durchaus nachvollziehen, ob die 1A-Powerpoint-Präsentation oder das glänzende Ergebnis der Mathematikaufgaben wirklich eine eigene Leistung des Schülers ist oder ob ein Erwachsener nachgeholfen hat.

VIDEOKONFERENZ Er habe schon erlebt, dass Mütter oder Väter in der Videokonferenz neben ihrem Kind sitzen und Lösungen vorsagen, sagt Michael Anger, Leiter des Albert-Einstein-Gymnasiums Düsseldorf. Mitunter ist auch der private Nachhilfelehrer am Werk. Dann fallen die Ergebnisse aus heiterem Himmel oft allzu positiv aus.

Auf die Unterstützung der Eltern kann aber beim Homeschooling nicht verzichtet werden, betont Aaron Eckstaedt, der das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn in Berlin leitet. »Die Eltern müssen die Struktur liefern, die sonst die Schule bietet.« Vor allem sollten Grundschüler den Remote-Unterricht nicht ohne Hilfe nutzen, sagt Anja Schanbacher.

»Acht Wochen sind zwar lang, jedoch nicht das ganze Schuljahr«, betont Noga Hartmann, die Rektorin der Isaak-Emil-Lichtigfeld-Schule in Frankfurt. Es gebe durchaus eine solide Basis, um Zeugnisnoten zu vergeben. Gewertet werden können die Noten aus dem zweiten Halbjahr bis zur Schließung der Schulen sowie die Mitarbeit seit der schrittweisen Wiedereröffnung.

KLASSENARBEITEN In Baden-Württemberg werden Gesamtjahresnoten gebildet, die auch die Ergebnisse aus dem ersten Halbjahr einbeziehen. Zeugnisrelevante Klassenarbeiten werden aber in der Regel so schnell nicht wieder geschrieben. »Zunächst müssen die Kinder wieder in der Schule ankommen, und der Lernstoff muss vertieft und bearbeitet werden. Erst dann schreiben wir wieder Arbeiten«, sagt Schulleiterin Noga Hartmann.

Im Jüdischen Gymnasium München fallen Arbeiten und Klausuren bis zu den Sommerferien ganz flach.

»Mündliche Leistungen dürfen nur zur Notenverbesserung bewertet werden«, erklärt Miriam Geldmacher, die Leiterin des Gymnasiums. Da im Freistaat die Sommerferien erst Ende Juli beginnen, bleibt dort den Schülern noch etwas Zeit, ihre Noten während des Präsenzunterrichts zu verbessern.

Im Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn in Berlin werden die oberen Jahrgänge hingegen Klausuren schreiben müssen. Die Berliner Senatsverwaltung hat vorgegeben, dass mindestens eine Leistungskursklausur in diesem Halbjahr erbracht werden muss. Andere schriftliche Leistungsüberprüfungen darf Schulleiter Eckstaedt erlassen.

VERSETZUNG Auch auf die Versetzung wirkt sich die Corona-Situation aus. Bundesländer, in denen das Sitzenbleiben noch nicht abgeschafft ist, machen in diesem Jahr eine Ausnahme. In Nordrhein-Westfalen werden nun auch Kinder mit sehr schlechten Noten versetzt. Dazu verabschiedete der Düsseldorfer Landtag in der vergangenen Woche eine Änderung der Ausbildungs- und Prüfungsordnung. Auch der Übergang von der Erprobungsphase in die siebte Klasse des Gymnasiums finde automatisch statt.

Michael Anger, eigentlich kein Freund des Sitzenbleibens, sieht das kritisch: »Kinder, für die die Schulform Gymnasium nicht geeignet ist, machen weiter, müssen dann aber vermutlich im nächsten Jahr auf eine andere Schule wechseln.«

Im Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn in Berlin werden die oberen Jahrgänge hingegen Klausuren schreiben müssen.

Trotz der ungewohnten Situation betonen die Schulleiter übereinstimmend: 2020 gibt es ganz normale, aussagekräftige Schulzeugnisse. Das gilt auch für den Mittleren Schulabschluss (MSA). Noch bis kurz vor Pessach hieß es in Berlin: Die MSA-Prüfungen finden statt. Dies provozierte einen Aufschrei der Eltern, erinnert sich Schulleiter Eckstaedt. Kurzfristig entschied der Senat, die Prüfungen ausfallen zu lassen – bis auf die Präsentationsprüfung, die die Schüler schon von der Schließung der Schulen absolviert hatten.

ABSCHLUSSZEUGNIS Das Abschlusszeugnis für die Mittelschule verweise auf die besonderen Umstände der Notenfindung, erklärt Eckstaedt. »Es handelt sich trotzdem um ein offizielles MSA-Zeugnis«, betont er.

Die Abiturprüfungen finden trotz allem regulär statt. Allerdings haben die Abiturienten es schwerer als sonst. Da die Prüfungstermine nach hinten verschoben wurden, finden die Prüfungen in kürzerem zeitlichen Abstand statt. Eckstaedt versucht, die Situation positiv zu sehen: »Vielleicht konnten manche Schülerinnen und Schüler zu Hause besonders gut für das Abitur lernen und sich besser konzentrieren.«

Noga Hartmann ist froh, dass es an ihrer Schule erst 2021 den ersten Abiturjahrgang geben soll. Für die traditionsreiche jüdische Schule ist das ein ganz besonderes Ereignis: Erstmals seit der Aberkennung der Abiturgenehmigung im Jahr 1939 werden dann Schüler im Philan­thropin wieder ihr Abitur ablegen können. »Das hat für uns eine große symbolische Bedeutung und ist ein weiteres Stück Normalität im jüdischen Leben in Deutschland«, sagt Hartmann voller Vorfreude.

PLANUNG Den Schulen sei viel Flexibilität und gute Planung abverlangt worden, dennoch fällt die Bilanz der vergangenen Wochen positiv aus. Die Schulleiter haben die Unterstützung durch die Eltern positiv erlebt und freuen sich darüber, dass diese jetzt stärker zu schätzen wissen, was Lehrer leisten.

An der Lichtigfeld-Schule läuft gerade eine Umfrage, in der sich Eltern dazu äußern können, wie sie das Homeschooling empfunden haben, was gut lief, was verbessert werden kann. Positiv finden die jüdischen Schulen ebenfalls, dass die Anwendung der digitalen Technik nun selbstverständlicher geworden ist.

Nichts Neues für das Albert-Einstein-Gymnasium in Düsseldorf. Dort haben die Klassen auch schon vor der pandemie-bedingten Beschränkung mit Tablets gearbeitet. Künftig werden die Kinder die digitalen Hilfsmittel mit nach Hause nehmen können.

Künftig werden Kinder digitale Hilfsmittel mit nach Hause nehmen können.

Schulleiter Michael Anger lobt auch die verbesserte Disziplin. Momentan sei jeder eher bereit, sich an Regeln zu halten, sagt Anger. »Ich hoffe, die Krise trägt dazu bei, dass die Kinder wertschätzen, jeden Tag in die Schule gehen zu dürfen. Denn das Miteinander, das soziale Lernen macht den größten Teil des Schullebens aus«, sagt Anger.

In Frankfurt war die Freude über die Rückkehr an die Schule jedenfalls groß, berichtet Noga Hartmann. »Alle waren froh, wieder da zu sein.« Sie genießt, dass jetzt wieder Leben an der Schule herrscht, wenn auch unter strengen Auflagen. »Ich denke, wir gehen gestärkt aus dieser Krise hervor«, lautet Hartmanns positives Fazit.

Ihren Optimismus werden die Schulen wohl noch eine Weile brauchen, denn kaum jemand glaubt, dass nach den Sommerferien der Schulunterricht wieder wie in Vor-Corona-Zeiten aufgenommen werden kann. Michael Anger macht sich jetzt schon Gedanken darüber, wie er den neuen Fünftklässlern einen schönen Empfang in der Schule bereiten kann: »Das geht nicht mit einer Zoom-Konferenz.«

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