Festakt

»Heute ist ein glücklicher Tag für Sachsen«

Neue Farbigkeit und eine neue Aufgabe für das historische Denkmal: Nach jahrzehntelanger Sanierung und vielfachem gesellschaftlichen Engagement ist die ehemalige Görlitzer Synagoge heute als Kulturforum wiedereröffnet worden.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) rief in ihrer Festrede dazu auf, gegen Judenhass aufzustehen. »Antisemitismus ist ein Angriff auf Menschlichkeit, Demokratie und damit auf uns alle«, sagte Grütters. Das Görlitzer Kulturforum könne einen Beitrag zur Wissensvermittlung leisten, gerade für Heranwachsende. Sie hoffe, dass die Geschichte des Ortes das Verantwortungsbewusstsein seiner Gäste schärft.

2022 soll der Davidstern auf die mächtige Kuppel der früheren Synagoge zurückkehren.

Die Görlitzer Synagoge hatte als einzige auf dem Gebiet des heutigen Freistaats Sachsen die NS-Pogromnacht vom 9. November 1938 überstanden. Eine Jüdische Gemeinde gab es nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Vernichtungswahn der Nationalsozialisten nicht mehr. 1963 ging die Synagoge in das Eigentum der Stadt über und verfiel zusehends. Zeitweise wurde sie vom städtischen Theater als Kulissenlager genutzt.

MENSCHLICHKEIT Im Kampf für Menschlichkeit und bei der Verteidigung demokratischer Werte komme es auf jeden einzelnen, auf jede einzelne an, sagte Grütters. Es sei beschämend, »welch erschreckendes Ausmaß Hass und Gewalt gegenüber Jüdinnen und Juden in Deutschland wieder angenommen haben«.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagte, lange habe sich keiner vorstellen können, dass die Synagoge wieder im alten Glanz erstrahlt. Nach 30 Jahren sei das nun gelungen. »Wir haben den schönsten Raum zwischen Dresden und Breslau«, sagte Kretschmer. Der Erfolg der Sanierung habe »viele Mütter und Väter«.

Die frühere Wochentagssynagoge kann als Gebetsraum genutzt werden.

Der CDU-Politiker erinnerte dabei auch an die Bürgerinnen und Bürger, die sich in der DDR-Zeit gegen den Verfall der Synagoge engagiert haben. Für die Nutzung des neuen Raums wünsche er sich Mut und Weitsicht. Auch Kretschmer appellierte an ein friedliches Miteinander. »Wir alle sind aufgefordert, das jüdische Erbe zu bewahren und jüdisches Leben zu ermöglichen«, sagte er.

EPOCHEN Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland sprach von einem »glücklichen Tag für Sachsen und Deutschland«. Die Synagoge sei ein »eindrucksvoller Beweis, dass jüdisches Leben hierzulande blüht und trotz dunkler Epochen untrennbar zu Deutschland und Europa gehört«.

Nach vielen Jahrzehnten habe die jüdische Gemeinde in Görlitz endlich wieder einen Ort des Gebets und des Innehaltens. Die Synagoge solle ein Ort des Austausches und der Begegnung werden.

Die Eröffnung des Kulturforums Synagoge Görlitz war coronabedingt zweimal verschoben worden.

Die frühere Wochentagssynagoge im Seitenflügel ist nach der Sanierung wieder zugänglich und kann als Gebetsraum genutzt werden. Für 2022 ist geplant, dem Denkmal auch wieder einen Davidstern aufzusetzen.

»Es soll ein Ort werden, der europäische Verständigung lebt«, sagte der Görlitzer Oberbürgermeister, Octavian Ursu (CDU). Die jetzt restaurierte Synagoge sei eine Zeichen der Hoffnung, sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Dresden, Michael Hurshell. Der Dialog sei wichtiger denn je. Die Eröffnung des Kulturforums Synagoge Görlitz war coronabedingt zweimal verschoben worden.

JUGENDSTILBAU Die Görlitzer Synagoge ist zwischen 1909 und 1911 nach Plänen der Dresdner Architekten William Lossow und Hans Max Kühne errichtet worden. Das Kuppelgebäude im Jugendstil bot etwa 500 Menschen Platz. Die jüdische Gemeinde zählte damals rund 700 Mitglieder, vor dem Zweiten Weltkrieg lebten etwa 350 Jüdinnen und Juden in Görlitz.

Der monumentale Jugendstilbau hatte die Pogromnacht der Nationalsozialisten vom 9. auf den 10. November 1938 ohne größere Schäden überstanden – als einzige Synagoge auf dem Gebiet des heutigen Freistaates Sachsen. Die Umstände der Rettung sind nicht endgültig geklärt. Nach dem Krieg geriet das Denkmal lange Zeit in Vergessenheit. 1963 kam es in städtischen Besitz, verfiel in den Folgejahren zusehends.

PROTEST Am 9. November 1979 stellte eine Gruppe regimekritischer Jugendlicher Kerzen vor der ehemaligen Synagoge auf. Der stille Protest wurde wiederholt und später von der Görlitzer Studentengemeinde fortgeführt. Bürgerinnen und Bürger engagierten sich gegen den Verfall des Gebäudes.

2004 wurde ein Förderkreis Synagoge Görlitz gegründet, der das historische Gebäude ins städtische Bewusstsein zurückholte.

Schließlich begann 1991 eine umfangreiche Sanierung in mehreren Etappen. Rund 12,6 Millionen Euro flossen in die Bauarbeiten am historischen Gebäude, das zum kulturellen Denkmal von nationalem Rang erhoben wurde.

NEUBEGINN 2004 wurde ein Förderkreis Synagoge Görlitz gegründet, der das historische Gebäude ins städtische Bewusstsein zurückholte und mit Führungen und Veranstaltungen den öffentlichen Zugang ermöglichte. Eine Gedenkfeier am 9. November 2008 zum 70. Jahrestag der Pogromnacht bedeutete einen Neubeginn.

Betreiberin des nun eingeweihten Kulturforums ist die Görlitzer Kulturservicegesellschaft. Sie plant unter anderem Lesungen, Konzerte, Ausstellungen, Vorträge und Diskussionen. Die frühere Wochentagssynagoge kann als Gebetsraum genutzt werden.

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