Passion

Hebräischer Ursprung

Boris Altschüler Foto: Stephan Pramme

Der Mann kämpft auf verlorenem Posten. Und das schon seit Jahren. Doch ans Aufgeben denkt Boris Altschüler nicht. Schließlich ist die Deutsche Aschkenas-Gesellschaft sein Lebensprojekt. Ebenso wie der dazugehörige Verlag. Beide finanziert er aus eigener Tasche. Er tut es gern und hingebungsvoll, denn er ist zutiefst überzeugt davon, den Schlüssel zu Europas letztem Geheimnis in den Händen zu halten.

Europas Kulturen beginnen mit Israel, ließe sich Altschülers Grundthese im Wesentlichen zusammenfassen. Dass alles natürlich viel komplexer ist, verrät ein Blick in Altschülers Bücher. Hebräisch sei die Ursprache Europas, heißt es darin, eine Art Ur-Matrix, verbreitet durch die zehn verschollenen Stämme Israels, deren Vermischung mit antiken Kaukasiern und Zentralasiaten und spätere Völkerwanderungen. Soweit die Theorie.

Mission Dass Universitäten und akademische Verlage Altschülers Forschungen bislang überwiegend mit Zurückhaltung begegnen, tut der 66-Jährige als »Tunnelblick der Fachbereiche durch die römisch-katholische Brille« ab. Dabei hatte bereits der russische Linguist Nikolaj Marr vor rund hundert Jahren auf diese Zusammenhänge hingewiesen und eine umfassende Theorie dazu entwickelt. Sie bildet die Grundlage für Altschülers Forschungen. Gelehrte Mitstreiter in aller Welt sehen ihre Fundiertheit inzwischen als erwiesen an, betont Altschüler.

Sie alle würde der Chef der Deutschen Aschkenas-Gesellschaft nun gern zu einer Konferenz nach Berlin einladen. Bislang ein finanziell schwieriges Unterfangen. Ein wichtiges allemal, findet Altschüler, der damit das Hauptanliegen der deutschen Aschkenas-Gesellschaft markieren möchte – »jüdische Teilhabe an der europäischen Kultur wieder in ihr Recht zu setzen«. Vor einem Jahr hat er sich in dieser Frage sogar ans Europaparlament gewandt. In seiner Petition forderte er, Hebräisch als 24. Amtssprache der EU anzuerkennen. Auf eine Antwort aus Straßburg wartet der rührige Publizist noch heute.

Lebensweg Altschüler ist eine elegante Erscheinung. Gepflegt, zuvorkommend und würdevoll. Er drückt sich leise und gewählt aus, seine Stimme erhebt er nur dann, wenn ihn die Fassungslosigkeit überkommt. Darüber zum Beispiel, dass er vor mehr als 30 Jahren noch einmal bei Null anfangen musste. »Der Antisemitismus hat mich gezwungen, in den 70er-Jahren mein geliebtes Riga zu verlassen«, erzählt Altschüler, noch immer aufgebracht. »Damals begann ich mich zu fragen, was eigentlich meine Identität ist. Wo meine Wurzeln als europäischer Jude liegen.« Auch das ein Antrieb seiner unermüdlichen Arbeit – in dem Maße, wie es ihm gelingt, die Europäer von ihrem hebräisch-israelitischen Ursprung zu überzeugen, will er auch Antisemitismus entgegenwirken, der Juden als »Fremde« ausgrenzt.

Eine Arbeit, die ihn nun schon seit rund zehn Jahren ausfüllt. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, wirbt der Publizist für ein tieferes Verständnis europäisch-jüdischer Kultur, das über die Unterscheidung in Aschkenasim und Sefardim hinaus geht. Und das, obwohl Altschüler eigentlich weder Historiker noch Linguist, sondern von Hause aus Arzt ist. Geschichte habe ihn jedoch schon immer gefesselt, erzählt er. Ein Interesse, das seine Emigration nach Israel noch verstärkt hat. Hätte es nicht diesen tiefen Bruch in seiner Biografie gegeben, der ihn auf seine Identität als aschkenasischer Jude zurückwarf, würde Altschüler womöglich noch heute als Unfallchirurg in einem Rigaer Krankenhaus arbeiten.

Stattdessen verlegte sich der Arzt nebenbei aufs Bücherschreiben und die Malerei. Nach der Emigration aus der damaligen Sowjetrepublik Lettland wichen baltische Ostseestrände abrupt der judäischen Wüste und Exodus-Gemälden. Doch Israel war ihm auf Dauer »zu heiß«, die Emigration »ein Kulturschock«. »Ich sehnte mich zurück nach Europa«, bekennt er mit einem wehmütigen Lächeln. Dass er 1979 nach Deutschland weiterzog, zunächst nach Saarbrücken, später nach Düsseldorf und Berlin, lag für den malenden-schreibenden Arzt auf der Hand – Deutsch hatte er schließlich in Riga gelernt.

Heimat In all seinen Berufen ist er erfolgreich, in Deutschland hat er ein neues Zuhause gefunden. Gleichwohl, so scheint es, ist der Schmerz über die für immer verlorene Heimat eine offene Wunde geblieben und nicht zuletzt Motor seines ruhelosen Schaffens.

Ähnlich erlebt dies auch der Held seines Romans Der Renegat, ein jüdisch-sowjeischer Doppelspion, der sich auf dem Gipfel seiner Identitätskrise der jüdischen Mystik zuwendet. So geht es in dem 400 Seiten starken Agententhriller zwar auch um wilde Verfolgungsjagden, Diamantenhändler und eiskalte KGB-Vorgesetzte. Doch ganz nebenbei spickt der Autor die Story auch mit umfassenden Geschichtskenntnissen.

Denen widmet er sich vollends in seinen wissenschaftlichen Büchern. Präzise recherchiert entblättern sie eine wahre Fülle an gelehrten Fakten, gut nachvollziehbar selbst für Laien.

Das entdecken mittlerweile auch immer mehr Kulturveranstalter. Altschüler ist ein gefragter Redner, sei es zu Vorträgen über »Europas Wurzeln« oder »Dialog der Kulturen«. Denn schließlich gehe es bei der Aschkenas-Gesellschaft ja auch um »Förderung eines christlich-jüdischen Dialogs und Trialogs der Kulturen im Sinne der Völkerverständigung und Multikulturalität«, so die Begründung. Immerhin ein guter Anfang, freut sich Boris Altschüler. Und ein Hoffnungsschimmer, die Aschkenas-Gesellschaft endlich aus ihrem Schattendasein hervorzuholen.

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