Cottbus

Gotteshaus bleibt Gotteshaus

Nur 30 Meter hat der festliche Zug mit den Torarollen unter der Chuppa noch vor sich. Länger ist der Weg von den Räumen der Jüdischen Gemeinde bis zur neuen Cottbuser Synagoge nicht. Doch die tanzenden Mitglieder wählen am Dienstagnachmittag einen kleinen Umweg und umrunden auch ihr zukünftiges Gotteshaus, bevor sie dort Einzug halten.

Groß ist die Freude, zwei Jahrzehnte nach Neugründung der Jüdischen Gemeinde Cottbus im Gebäude der denkmalgeschützten Schlosskirche eine eigene Synagoge zu beziehen. Diese Euphorie in nur wenigen Schritten auszuleben, würde dem Ereignis nicht gerecht. Das dichte Spalier Hunderter Bürger tut ein Übriges, dem Festzug eine besondere Würde zu verleihen.

Mesusa An der Tür des Gotteshauses wird die Mesusa angebracht, ein Segen gesprochen und das Band durchschnitten, bevor Torarollen und Gemeinde einziehen. Wegen des großen Interesses können nur geladene Gäste der Einweihung direkt beiwohnen. Trotz des nasskalten Wetters verfolgen Hunderte Cottbuser vor einer Videowand im Freien und in einem Zelt die Zeremonie.

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Mark Dainow, Rabbiner und Vertreter jüdischer Gemeinden, die Vizepräsidentin des Bundestags, Petra Pau (Linke), und weitere Abgeordnete, Brandenburgs Kulturministerin Sabine Kunst sowie Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) zählen zu den Ehrengästen. Viele ältere Vertreter der Jüdischen Gemeinde, die den Neubeginn seit Anfang der 90er-Jahre mitgetragen haben, Eltern und Kinder nehmen im schlichten weißen Innenraum Platz.

Trauer und Freude Holocaustgedenktag und Synagogeneinweihung, tiefe Trauer im Blick zurück, Freude, Stolz und Selbstbewusstsein angesichts der Gegenwart und Zukunft, diese beiden Pole prägen den Abend, spiegeln sich in den Liedern der Vokalakademie Potsdam und den Reden wider. Die Türen des von Cottbuser Handwerkern gestalteten Toraschreins schmückt eine Darstellung der alten Synagoge.

»Die Einweihung der Synagoge ist ein Zeichen, dass die jüdische Gemeinschaft eine Heimat in Cottbus gefunden hat und eine starke Rolle in der Stadt spielt«, betont der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Gennadi Kuschnir. Mark Dainow sagt: »Vor 70 Jahren hätte wohl niemand zu hoffen gewagt, dass sich ein so vielfältiges, lebendiges jüdisches Leben, wie wir es heute haben, noch einmal in Deutschland entwickeln könnte.« Die Eröffnung dieser neuen Synagoge, so der Zentralratsvize weiter, ist ein sichtbares Zeichen dafür: »Sie ist die erste in Brandenburg seit der Schoa. Das ist wahrhaft Grund zur Freude und zur Dankbarkeit. Die Jüdische Gemeinde Cottbus hat jetzt wieder ein Herz.«

Familien
»Anfang der 30er-Jahre lebten rund 100 jüdische Familien mit 500 Angehörigen in Cottbus. Sie spielten eine geachtete Rolle als Unternehmer, Handwerker, Künstler und Ärzte. 1945 waren es nur noch zwölf«, erinnert Oberbürgermeister Holger Kelch. Bei den Novemberpogromen 1938 hätten viele Cottbuser zugesehen, wie vormals hochgeehrte Mitbürger beraubt und gedemütigt wurden. Das dürfe sich nicht wiederholen. Cottbus wolle einen sicheren Ort für alle Menschen, deren Rechte geachtet würden.

Kelch überreicht Gennadi Kuschnir einen Chanukkaleuchter, das einzige identifizierte Stück aus der alten Synagoge. Ein Bürger hatte ihn heimlich aus der Ruine der zerstörten Synagoge gerettet, versteckt und 1947 dem Stadtmuseum übergeben.

Rabbiner, verdiente Mitglieder und Repräsentanten jüdischer Gemeinden bringen mit dem Toraschreiber die letzten Buchstaben einer neuen Torarolle zu Papier, die Männer tanzen, dann öffnen sich die Türen für die vielen Cottbuser, die im Regen ausgeharrt haben.

Die 1714 eingeweihte und vor einigen Jahren restaurierte denkmalgeschützte Schlosskirche wurde im Herbst 2014 an die Jüdische Gemeinde übergeben. Die Synagoge soll für Gottesdienste, die bisher noch nicht regelmäßig abgehalten werden, für jüdische Feiertage und Begegnungen mit Bürgern genutzt werden.

»Wer sich dem Gotteshaus in der Spremberger Straße nähert, wird wohl doch zuerst an eine Kirche denken. Für mich hat diese Umwidmung von der Kirche zur Synagoge einen hohen Symbolwert: Es bleibt ein Gotteshaus. Das machte es der evangelischen Kirche sicherlich leichter, die Kirche zu verkaufen«, sagt Mark Dainow.

Kaufpreis Den Kaufpreis brachte das Land Brandenburg auf, das auch einen Teil der Betriebskosten trägt. Die Jüdische Gemeinde behält ihre Räume, wo sie auch ein Integrationszentrum zur beruflichen Eingliederung neu nach Cottbus kommender Juden unterhält.

Die alte Synagoge aus dem Jahr 1902 war 1938 zerstört und die Jüdische Gemeinde in den Folgejahren vernichtet worden. 1993 erfolgte die Neugründung. Mit dem Mitgliederzuwachs gewann die Aufarbeitung des Wirkens von Juden und ihrer Verfolgung durch die Nationalsozialisten an Gewicht. Dokumentarfilme wie Die Frau des letzten Cottbuser Juden entstanden, Gedenktafeln und Stolpersteine erinnern an Opfer des Terrors. Nachfahren des jüdischen Textilfabrikanten, Stadtverordnetenvorstehers und Mäzens Max Grünebaum gründeten eine Stiftung, die jährlich nach ihm benannte Preise für besondere künstlerische und wissenschaftliche Leistungen in Cottbus vergibt.

Chor und Tanzgruppe der Jüdischen Gemeinde sind fester Bestandteil vieler Veranstaltungen. Die jüdische Gemeinschaft in der Lausitzer Stadt war aber bisher wenig öffentlich präsent. Mit der Synagoge im Zentrum der Altstadt von Cottbus soll sich das nun ändern. »Die erste Barmizwa in der Synagoge, das erste fröhliche Purimspiel, der erste Schall aus dem Schofar an Rosch Haschana – auf all das freuen wir uns gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde in Cottbus«, gibt Mark Dainow der Gemeinde seine Zukunftswünsche mit auf den Weg.

Porträt der Woche

Flucht und Farben

Alexander Glinkin ist Maler. Im Frühjahr 2022 verließ er Kyjiw und lebt heute in Berlin

von Matthias Messmer  21.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Interview

»Ich kann daraus lernen«

Rabbiner Avigdor Moshe Nosikov hat eine ungewöhnliche Umfrage durchgeführt: Wie zufrieden sind die Mitglieder der Dortmunder Jüdischen Kultusgemeinde mit seiner Arbeit?

von Christine Schmitt  18.06.2026

Berlin

Kampflibellen am BER

Bei der gerade zu Ende gegangenen Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Schönefeld haben auch israelische Firmen die neueste Technik vorgestellt. Ein Besuch zwischen Kraftstofftanks und Drohnenabwehr

von Leon Stork  18.06.2026

Nordrhein-Westfalen

Landtag ehrt Sieger von »Shalom - Jüdisches Leben heute«

Mehr als 2200 junge Menschen haben mit mehr als 450 Beiträgen jüdisches Leben greifbarer gemacht

 17.06.2026

Berlin

Babka, Borschtsch und Pargiot

Zum fünften Jubiläum des Streetfood-Festivals locken 52 Stände, viele Acts und eine zusätzliche Kleinkunstbühne

von Helmut Kuhn  17.06.2026

Stuttgart

Eine Erfolgskomposition

Wie der Internationale Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerb Werke jüdischer Komponisten lebendig hält

von Chris Meyer  17.06.2026

Frankfurt

Heimspiel für Makkabi

Nach Jahrzehnten ohne eigene Anlage eröffnet der jüdische Sportverein seinen neuen Campus

von Leon Stork  17.06.2026