Berlin

Geschichten vom Untertauchen und Helfen

Heinrich und Marie List bewirtschaften einen Bauernhof in Ernsbach, einem Dorf im Odenwald, als eines Tages im November 1941 Ferdinand Strauss, den sie als jüdischen Kaufmann aus dem Nachbarort kennen, vor ihrer Tür steht. Er soll deportiert werden und bittet die Bauern um Hilfe. Das Ehepaar List zögert nicht, sondern nimmt ihn sofort auf.

1942 wird das Versteck verraten, Ferdinand Strauss kann dennoch rechtzeitig den Bauernhof verlassen und sich in die Schweiz retten. Die Gestapo nimmt Heinrich List fest, Ehefrau Marie wird lediglich streng verwarnt. Ihr Mann aber wird ins Konzentrationslager Dachau verschleppt, wo er im Oktober 1942 stirbt.

Bei einer polizeilichen Vernehmung hatte er zuvor noch als Grund für seine Hilfe angegeben: »Nur weil wir uns sehr gut kannten und früher in guten Geschäftsverbindungen gestanden haben, packte mich das Mitleid und ich beherbergte ihn.«

Solche Beweggründe sind typisch für Helferinnen und Helfer in der Nazizeit, erklärt Historikerin Claudia Schoppmann von der Gedenkstätte Stille Helden in der Berliner Rosenthaler Straße.

Die vor zwei Jahren eröffnete Einrichtung geht auf das Engagement der Zeitzeugin Inge Deutschkron, des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau und des Leiters des Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz, zurück. Mit der Umsetzung wurde die Gedenkstätte Deutscher Widerstand 2005 beauftragt. Um die Stillen Helden zu ehren, sollte eine Gedenkstätte im selben Gebäude wie das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt entstehen.

Recherche Am Zentrum für Antisemitismusforschung wurde das Forschungsprojekt durchgeführt. Claudia Schoppmann und ihre Kollegin Beate Kosmala waren maßgeblich am Aufbau einer Datenbank mit Informationen zu Verfolgten und Helfern beteiligt. Darauf basierend entstand die Recherchestation der Ausstellung, die die Besucher nutzen können.

Sie können dort am Computer Namen suchen, dazu finden sie per Mausklick biografische Angaben, Fotos und weitere Namen von Helfern und Verfolgten, die mit der jeweiligen Person im Zusammenhang stehen. Momentan sind 504 Einträge gespeichert, die Datenbank wird laufend ergänzt.

Im Nachbarraum befinden sich Ausstellungssäulen, die jeweils die Geschichte einer Rettung oder eines Rettungsversuchs erzählen. Dort gibt es je einen kurzen Film sowie Fotos, Dokumente und Objekte, die das jeweilige Schicksal veranschaulichen. In der unteren Etage der Ausstellung werden Geschichten nach Themen geordnet präsentiert: Auf Tastbildschirmen können Informationen zu verschiedenen Themen und Personen betrachtet werden.

Heute geht man davon aus, dass mehrere zehntausend Menschen in Deutschland jüdischen Verfolgten geholfen haben. »Eine kleine Minderheit«, erklärt Claudia Schoppmann angesichts der damaligen Bevölkerung von 78 Millionen. Doch sei dies gleichzeitig auch bemerkenswert, da ihr Beispiel zeige, dass es auch unter den Bedingungen der NS-Diktatur Handlungsspielräume und Entscheidungsmöglichkeiten gab, um Verfolgte vor der tödlichen Bedrohung zu bewahren.

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis, Mascha Malburg  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026