Kochbuch

Gerichte mit Geschichte

Geschichte erkochen Foto: PR

Kochbuch

Gerichte mit Geschichte

Drei Hamburgerinnen haben Rezepte gesammelt, entstanden ist ein kulturhistorisches Werk

von Moritz Piehler  03.07.2018 09:41 Uhr

Die Idee zu einem gemeinsamen Kochbuch hatten Barbara Guggenheim, Judith Landshut und Gabriela Fenyes bereits vor mehr als zwei Jahren. Es ging ihnen darum, mit den Rezepten aus aller Welt ein Stück verloren gegangener Kultur zurück an die Elbe zu holen. Barbara Guggenheim erzählte, wie sie vor einigen Jahren auf eine Rezeptesammlung von Wilhelmsburger Schülern stieß: »Heimat im Topf hieß das, und dieser Titel blieb bei mir hängen.«

Warum gab es das eigentlich noch nicht von jüdischen Auswanderern? Und so nahm die Idee des Kochbuchs Gestalt an. Das Hamburger Trio begann daraufhin, Rezepte auf der ganzen Welt zu sammeln. Und stellte dabei schnell fest, welch bedeutende Rolle das Essen auch in ihrer eigenen gemeinsamen Migrationserfahrung gespielt hatte.

Identität Im Amerikazentrum Hamburg stellten die Initiatorinnen ihre Arbeit an dem Buch anlässlich des Jewish History Month in den USA vor. Bei der Veranstaltung gab es eine wissenschaftliche Begleitung. Miriam Rürup, Direktorin des Instituts für die Geschichte der Deutschen Juden, betonte, was für ein wichtiger Teil des Alltags und der Identität Essen und Kochen in der Migration waren und sind.

Dazu gab Viola Alianov-Rautenberg, die ihre Dissertation über deutsche Hausfrauen im Palästina der 30er-Jahre verfasst hat, den 60 Gästen einen historischen Einblick in den Küchenalltag jener Zeit. Dabei wurde klar, welche Umstellung und Anpassung die Migration oft bedeutete.

Allein durch den Klimazonenwechsel hieß es plötzlich, die bekannten Gerichte zu verändern oder gleich ganz darauf zu verzichten. Aus fettiger wurde leichte Küche. Viel Gemüse und Salat prägten die frühe jüdische Küche in Palästina. Vor allem Zucchini, Auberginen und Okraschoten standen symbolisch für die neuen Rezepte.

Rezept In vielen Familien gab es das Haushalts-Lexikon für Eretz Israel. Den Rezepten merkte man die deutsche Vergangenheit noch deutlich an: deftige Kartoffelgerichte, Spätzle, Schnitzel, Blumenkohl und Apfelkuchen. Die Küche ist ein Ort, an dem der »Geschmack der Vergangenheit« bewahrt werden kann.

Dass weitergegebene Rezepte auch im­mer Familiengeschichten und soziale Netz­werke verkörpern, stellten auch die drei Buchautorinnen fest. Oft finden sich kleine Randvermerke, die auf den ursprünglichen Erfinder des Rezepts schließen lassen, eine Freundin oder Verwandte der Familie. Manchmal wurden ihnen sogar ganze handgeschriebene Kochbücher zugeschickt.

Gefunden haben die Autorinnen ihre Rezepte durch einen weltweiten Aufruf an ehemalige Hamburger Juden, und die Resonanz war überwältigend. Viele Angehörige der damaligen Migranten hatten ein Interesse daran, das gesammelte Küchenwissen zu bewahren und auch wieder mit seinem Herkunftsort zu verbinden. »Wir wollten, dass die damalige jüdische Bevölkerung Hamburgs in allen Facetten vertreten ist«, sagt Guggenheim.

Jedes Rezept, das schließlich seinen Weg in das Buch fand, wird begleitet von einer kleinen Biografie der Urheber und oft einer Anekdote zum Gericht. Damit das Buch auch international von den Nachfahren der ersten Migrationsgeneration genutzt werden kann, wird es zweisprachig erscheinen, auf Deutsch und Englisch. Außer Rezepten bietet es auch eine kleine Kulturgeschichte, die vom Leben und Alltag der Migranten berichtet. Erscheinen wird das Jüdische Kochbuch aus Hamburg im Oktober im Verlag Dölling und Galitz.

Brandenburg

An einem Mittwoch in Cottbus

Was geschieht an einem ganz normalen Tag in einer jüdischen Gemeinde? Wir waren vor Ort und begegneten Menschen zwischen Chorproben und Amtsterminen

von Leon Stork  16.08.2026

München

Für die junge Generation

Künftig wird Rabbiner Elie Dues als Jugendrabbiner die religiöse Arbeit der Israelitischen Kultusgemeinde unterstützen

von Luis Gruhler  16.08.2026

Porträt der Woche

»Mein Glück war Alfred«

John Günther ist Künstler, religiös und lebte 62 Jahre mit seinem Mann zusammen

von Heike Linde-Lembke  16.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Sachsen-Anhalt

Polizeirabbiner vor der Wahl: Erstarken der AfD bereitet Sorgen         

Mehr Begegnung zwischen Juden und Nicht-Juden - das wünschen sich Deutschlands Polizeirabbiner. Sie bilden Polizeianwärter hierzulande fort und vermitteln jüdische Kultur. Seit fünf Jahren gibt es sie

von Nina Schmedding  13.08.2026

Ferien

Spiel, Spaß, Werte

Gerade beginnt der dritte Turnus der ZWST-Machanot. Bildungsreferentin Liya Cinciper über Heimweh, Handyzeiten und Kühlung bei Hitze

von Helmut Kuhn  13.08.2026

Hitze

Kühl beten, kühl bleiben

Gemeinden und jüdische Einrichtungen bekommen die hohen Temperaturen sehr zu spüren. Einige behelfen sich mit kalten Tüchern, manche mit Ventilatoren, andere haben Klimaanlagen

von Katrin Richter  13.08.2026

Programm

Summer Open Airs in Frankfurt und Hannover, und ein Rendezvous für Hercule Poirot - mit einer Leiche

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 13. August bis zum 20. August

 12.08.2026

Wiesbaden

Hessen verlängert Staatsvertrag mit jüdischen Gemeinden

Die Zahlungen an jüdische Gemeinden steigen schrittweise

 12.08.2026