Weimar/Leipzig

Gedenken mit Zukunft

Die beiden jungen Referentinnen der OFEK-Beratung, Maria und Irina, sind darauf spezialisiert, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Stärken zu finden, zu benennen und Kräfte zu wecken, wo Zweifel, Zurückhaltung und Skepsis vorhanden sind. »Also«, beginnt Maria, »meine Superkraft ist Empathie!« Für Shimon ist die Superkraft Ausdauer.

Der 37-Jährige steht im Arbeitsleben und nimmt, wie knapp 20 Personen auch, am Seminar der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) teil. Für wenige Tage ist die Gruppe unterwegs, unter anderem trifft sie in der Gedenkstätte Buchenwald nahe Weimar anlässlich des Gedenktags Jom Haschoa viele Teilnehmende aus anderen Städten.

schabbat Einen Tag später treffen sich die 20 jungen Leute zum Gespräch in Leipzig, verbringen dort den Schabbat, eingebettet in ein Seminar zum Thema »Das neue Selbstverständnis der jungen jüdischen Generation«. Es geht also um Vernetzung, Kennenlernen, Austausch, das Zusammenfinden einer neuen starken Gemeinschaft, eines neuen Selbstbewusstseins der jungen Generation, die sich einbringen kann und einbringen will in Gesellschaft, Politik und den Alltag der jüdischen Gemeinden. Und da gilt es, den Blick nach vorn zu richten.

Dennoch bleibt die Frage: Warum halten sich Stereotype so lange? Warum gibt es anhaltenden Antisemitismus, und was tun wir dagegen?

Für Shimon hat der Besuch in der Gedenkstätte Buchenwald »Schmerz, viele Gedanken und Assoziationen« ausgelöst. »Es ist wichtig, das alles nicht zu vergessen. Vor Kurzem haben wir Pessach gefeiert und uns an die Geschehnisse vor 3500 Jahren erinnert.« Die Geschehnisse auf dem Ettersberg liegen 80 Jahre zurück. »Und manche würden das auch gern vergessen, manche wollen das vergessen. Aber man darf es nicht vergessen. Das gehört mit dazu.«

kippa Wenn Shimon heute mit Freunden im Gespräch ist, so hört er manchmal kritische Bemerkungen, auch antisemitische. Nicht alles würde er auf die Goldwaage legen, meint er, wenngleich ihm klar sei, auch unter Freunden hätten Scherze ihre Grenzen. Das Tragen der Kippa: Er erzählt von einem Gespräch mit seinem Freund, der zuvor noch von der Freiheit des Tragens religiöser Symbole überzeugt war – und der am Ende doch die Kopfbedeckung an einem Bahnhof lieber abnahm und in der Tasche versteckte.

Aus seiner Sicht könnte und müsste der jüdische Alltag in seiner Normalität viel mehr gezeigt und dargestellt werden.

Auch die jeweiligen Gruppierungen seien oftmals »in Schubladen eingeteilt«, sagt Shimon. Er zum Beispiel würde sich oftmals nicht wiederfinden, wenn in manch einer Serie oder einem Film über Judentum erzählt werde. Aus seiner Sicht müsste der jüdische Alltag noch mehr und viel selbstverständlicher ins öffentliche Bewusstsein einer Gesellschaft hineinwirken.

offenheit Auch K., die ihren Namen nicht nennen möchte, meint: »Wenn man jemanden nicht kennt, ist man misstrauisch. Wir sollten also aktiver, offener werden.« Die junge Frau im blauen Pulli arbeitet derzeit im Bundesfreiwilligendienst. Sie stammt aus Hockenheim und ist in der Bibliothek der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg tätig.

»Durch meine Arbeit und weil ich nun mehr Kontakt zum Judentum habe als vorher, kommt das auch im Gespräch mit meinen Freunden vor. Wir reden über das, was ich mache, was ich lerne. Und vielleicht beeinflusst es auch die anderen, die sich sonst nicht mit dem Thema auseinandersetzen.« Es gehe um Verständnis und Verstehen. »Auch um die Einsicht, um Informationen: Wie sehen die anderen etwas? Was gibt es?«, sagt die junge Frau aus Heidelberg.

»Eigentlich müsste jeder Tag ein Tag der jüdischen Kultur sein.«

Thomas Feist, beauftragter für jüdisches Leben

In Leipzig trifft ihre Gruppe in der Kultur- und Begegnungsstätte Ariowitsch-Haus auf Thomas Feist. Er ist Beauftragter der Sächsischen Staatsregierung für das Jüdische Leben. »Wir setzen uns für jüdisches Leben ein, ohne selbst Juden zu sein«, sagt er und erzählt von sich, seiner Arbeit, seiner Biografie und dem Urgroßvater: »Er ist mit dem letzten Transport im Februar 1945 nach Theresienstadt gekommen, hat dort überlebt und war einer der ersten und wenigen, die wieder hier in die jüdische Gemeinde kamen.«

Thomas Feist berichtet vom langjährigen Jugendaustausch mit Israel, von seiner ehrenamtlichen Tätigkeit jetzt und warum ihm alles eine Herzensangelegenheit sei. »Die Nazis haben Menschen auf Nummern reduziert, und unsere Aufgabe ist es, aus Stereotypen wieder Menschen zu machen.«

»Eigentlich müsste jeder Tag ein Tag der jüdischen Kultur sein«, meint er mit Blick auf jüdisches Selbstverständnis im Alltag einer Gesellschaft, die sich noch immer mit diesen Fragen schwertut, auch wenn es mittlerweile in vielen Städten – auch in Sachsen – häufig »Jüdische Kulturtage« gebe. »Allerdings merke ich, man erreicht eine bestimmte Zielgruppe besonders leicht – andere eben nicht.« Genau da möchte Thomas Feist ansetzen, und hier beginnt auch das Etablieren einer neuen Basis durch jüdische Jugendliche in der Gesellschaft. »Wir sagen immer: Was hilft gegen Vorurteile, gegen Antisemitismus? Ein wichtiger Punkt ist immer: Bildung.«

Perspektiven »In welchen Perspektiven möchtet ihr gesehen werden?«, fragt eine der OFEK-Referentinnen. Es beginnt ein Austausch über Identität, wie man neue Stärke findet, ein selbstbewusstes Auftreten – auch gegen Antisemitismus, um »Normalisierungseffekte« und Stigmata zu vermeiden. Denn jedes Dulden judenfeindlicher Äußerungen erzeuge ein »Grundrauschen«, das dem respektvollen Miteinander nie dienlich sein könne.

Und noch etwas ist allen wichtig: »Wir müssen weg von diesen negativen Geschichten!«, mehr Vorbilder zeigen, gute Geschichten, Rollenbilder, die Kraft geben. Auch Roman, 24 Jahre alt, will genau das tun und sieht seine Aufgabe auf diesem Gebiet. Er kam vor anderthalb Jahren aus St. Petersburg nach Deutschland und ist ausgebildeter Schauspieler.

Derzeit absolviert er ein Freiwilliges Jahr in der Janusz-Korczak-Akademie und ist mit Theaterprojekten und mobilen Ausstellungen unterwegs. »Mit Davidstern und Lederhose« heißt eine und erzählt – ob in Miesbach oder demnächst in Kehlheim – Geschichten über Juden wie Levi Strauss, der eigentlich Loeb Strauss aus Buttenheim war und die Jeanshose erfand, oder von den Gebrüdern Wallach, die die Trachtenmode salonfähig machten.

Aufgabe Demnächst wird Roman mit einer Geschichte von Viktor Frankl unterwegs sein und mit seinen Kollegen der Akademie vom jüdisch-österreichischen Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse erzählen. Roman zeigt auf seinem Handy das Cover des Buches: … trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Frankl schildert darin seine Erlebnisse in diversen Lagern, auch Auschwitz. »Man muss etwas machen«, sagt Roman, der einen Moment innehält: »Meine Aufgabe in Deutschland ist auch, zu zeigen, zu beweisen, dass nicht alle Leute aus Russland so schlimm sind.«

Dass seine Generation heute mit türkischen, syrischen, afghanischen, ukrainischen Geflüchteten jetzt gemeinsam nach Perspektiven für alle sucht und Wege entwickeln muss – in einer Zeit, in der junge jüdische Menschen ein neues Selbstbewusstsein entwickeln, gehört zu den Aufgaben, denen er sich auch stellen möchte.

»Früher in St. Petersburg haben wir mit weißrussischen, ukrainischen, moldawischen Jugendlichen zusammen gelebt. Es hat damals funktioniert.« Jetzt gelte es, alles besser zu machen. »Wir sind eine große Familie – auch in Deutschland«, sagt der junge Mann. »Wir sind zusammen und können etwas Schönes daraus machen.«

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026

Engagement

Erstklassig, Digga!

Der Fußballverein Hannover 96 ist nun beim Projekt »Shalom, Digga« in Niedersachsen mit dabei

von Katrin Richter  24.09.2026

Kommentar

Sprecht mit uns. Nehmt uns ernst

Herr Ramelow, die jüdische Gemeinschaft, die vor Judenhass warnt, ist nicht das Problem. Antisemitismus ist das Problem - insbesondere in Ihrer Partei

von Avitall Gerstetter  24.09.2026

Deutschland

»Existenzgefahr für Berlins Juden«

Die Linke macht immer wieder mit Judenhass und Forderungen nach der Auslöschung Israels von sich reden. Der Wahlsieg der Partei veranlasst nun den israelischen Botschafter zu einer ungewöhnlich deutlichen Stellungnahme

 23.09.2026

Hellerau

Tscheburaschka und WBS70

Die Ausstellung »Jüdische Ossis IV – Räume der Freiheit und des Rückzugs« stellt Fragen nach privater und öffentlicher Identität

von Katrin Richter  22.09.2026

Hillel

»Man fühlt sich bei uns willkommen«

Die neue Geschäftsführerin Liora Jaffe über das Zuhören, Visionen und Aha-Momente

von Christine Schmitt  22.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge: Frauen weggeschickt

Mitten am Tag soll ein 37-jähriger Afghane einen Brandsatz an der Bergischen Synagoge gezündet und sich danach antisemitisch geäußert haben. Vorher soll er zwei Passantinnen weggeschickt haben

 22.09.2026

Meinung

Berlin bekommt, was es verdient!

Ein Kommentar von Chefredakteur Philipp Peyman Engel zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt

von Philipp Peyman Engel  20.09.2026

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  25.09.2026 Aktualisiert