Diversität

»Für unsere Sichtbarkeit kämpfen«

Queer lebende DJ: Ipek Ipekçioglu Foto: Falko Siewert/ Jenny Posener

Diversität

»Für unsere Sichtbarkeit kämpfen«

Ipek Ipekçioglu wuchs in Izmir und Berlin auf und befasst sich mit der Geschichte des Warschauer Ghettos

von Ipek Ipekçioglu  25.06.2020 08:05 Uhr

1972 wurde ich in München geboren und verbrachte meine frühen Kindheitsjahre zwischen Izmir in der Türkei und Berlin. Hauptsächlich bin ich jedoch in Berlin aufgewachsen und gehöre zu den Kofferkindern der zweiten Generation aus der Türkei. Das heißt, wie viele Kinder der zweiten Generation aus der Türkei wurde ich wie ein Koffer zwischen der Türkei und Deutschland hin- und hergetragen. Ein Jahr verbrachte ich in Berlin, dann ein Jahr in Izmir und dann wieder ein Jahr Berlin, dann wieder Izmir. Mit zehn Jahren war ich dann dauerhaft in Berlin angekommen. Derzeit lebe ich in Berlin-Neukölln.

Neben mehreren Fort- und Weiterbildungen in Qualitäts- und Eventmanagement habe ich an der Alice Salomon Hochschule Berlin Sozialarbeit und Sozialpädagogik studiert. Parallel zum Studium fing ich an, als DJ – zunächst in der LGBTQI+ und Migrant*innen-Community – aufzulegen. Prägend ist für mich vor allem die Gayhane – HomOriental-Dance­floor-Partyreihe im SO36, bei der ich nun seit mehr als 20 Jahren Resident-DJ bin. In den 90ern begann ich, Musik aus dem Mittleren Osten, der Türkei, kurdischen Gebieten, arabischsprachigen Ländern, dem Balkan, Griechenland und Südostasien usw. aufzulegen.

clubszene Damals war es eine absolute Seltenheit, dass in der deutschen, weiß, christlich geprägten Clubszene »migrantische Musik« gespielt wurde. Es war ein sehr harter, steiniger Weg. Dennoch wuchs mit der Zeit das Interesse an meiner Musik stark an, sodass ich nicht nur nationale, sondern auch viele großartige internationale Bookings erhielt. Mein Ziel ist es, die musikalische, künstlerische und kulturelle Diversität als DJ über die Musik und meine Events hörbar, sichtbar und somit erfahrbar und lernbar zu machen. Zugleich ist die Kunst mein Mittel, um mich sozialkritisch mitzuteilen. (…)

Heute bin ich als anerkannte DJ international sehr viel unterwegs.

Heute bin ich als anerkannte DJ international sehr viel unterwegs. Zwar bin ich oft in Istanbul, allerdings ist Berlin meine Basis und der Ort, an dem ich mich »zu Hause« fühle. Berlin ist mittlerweile eine internationale Metropole, wo viele LSBTQI+, künstlerische, soziale, kulturelle und auch politische Subkulturen Platz haben und sich entfalten können. In dieser geschichtsträchtigen Stadt kann ich mir mittlerweile aussuchen, wann, zu welcher Community und wie ich dazu gehören möchte.

Die Heterogenität und die Diversität der Menschen, die diese wunderbare Stadt ausmachen, und die vielen Grünanlagen sowie die unterschiedlichsten Bezirke machen Berlin besonders. Es ist, als ob Berlin ein Meer wäre, das viele Strömungen und Wellen voller Möglichkeiten und Identitäten hat, aber gleichzeitig dem absoluten Kommerz nicht verfallen ist. Ich kenne diese Stadt, ich liebe diese Stadt. Als queer lebende DJ und Künstler*in of Color bin ich unterschiedlichen Formen von Anfeindungen und Diskriminierungen ausgesetzt.

Das fängt an bei den westlich geprägten Hörgewohnheiten einiger Partygäste, die sich nicht mit der »anderen« Musik auseinandersetzen wollen, und endet bei klar antimuslimisch-rassistischen Kommentaren von Partygästen, warum ich denn überhaupt Musik aus derartig »frauenfeindlichen Kulturen« spiele. Und generell verspüre ich noch immer anhand der Reaktionen der Menschen, dass sie überrascht sind, eine queere und weibliche DJ of Color an den Turntables zu sehen.

ERZIEHUNG Es gilt in mehrfacher Hinsicht, auch weiterhin für unsere Sichtbarkeit zu kämpfen und »Erziehungsarbeit« zu leisten. Die feministische und linke Erziehung meiner alleinerziehenden Mutter und das Aufwachsen mit zwei Kulturen hat mich natürlich persönlich, aber auch beruflich geprägt. In all meinen Arbeiten setze ich auf Kultur- und Gender-Diversity und das Öffnen von Grenzen innerhalb verschiedener Communitys, so auch in der Musikszene.

Darüber hinaus bin ich zum Beispiel Member des female:pressure Netzwerks und Schirmherr*in der »Aktion Courage – Schule gegen Rassismus«. Und ich habe den LGBTQI-Verein Gladt e.V. mitgegründet. Ich finde das Thema total wichtig, gerade im Zeitalter von Antisemitismus und Islamophobie. Diese Auseinandersetzungen kenne ich schon seit 20, 30 Jahren. Ich finde gut, dass dieser Schritt auch von jüdischer Seite kommt.

Und ich finde es wichtig, dass wir reflektieren, mit welchen Vorurteilen wir konfrontiert sind. Insgesamt wünsche ich mir mehr Dialog. Ich versuche weitestgehend, meine Religion im Privaten zu leben, da es nur mich etwas angeht. Die Politisierung der Religion lehne ich grundsätzlich ab, und das gilt es zu kritisieren. Bei Islamfeindlichkeit nehme ich eindeutige Positionen ein.

Ich finde es wichtig, dass wir reflektieren, mit welchen Vorurteilen wir konfrontiert sind.

Mir ist der jüdisch-muslimische Dialog im Berufsleben wichtig, und ich arbeite mit vielen jüdischen (Kooperations-)Partnern zusammen und beteilige mich an sehr vielen verschiedenen Projekten. Für das multimediale Theaterstück Muranooo über den Holocaust in Warschau von Sylwia Chutnik, in der Regie von Lilach Dekel-Avneri, komponierte ich die Musik. Dabei handelt es sich um eine polnisch-israelisch-deutsche Koproduktion.

Der Name des Stückes bezieht sich auf den Warschauer Stadtteil Muranów, der im damaligen Warschauer Ghetto liegt und während des Aufstandes 1943 vollkommen zerstört worden ist. Vom Holocaust fühle ich mich betroffen, weil ich in einem Land geboren wurde und aufgewachsen bin, das das Unvorstellbare doch vorstellbar gemacht hat. Ich bin nicht betroffen als Täterin, ich bin auch nicht betroffen als Opfer, aber ich kann nicht einfach sagen: »Das geht mich nichts an.«

NSU-ANSCHLÄGE Auch aus diesem Grund mache ich mit der deutsch-jüdischen Schriftstellerin und Dichterin Esther Dischereit eine musikalische Leseperformance zu ihrem Buch Blumen für Otello – Über die Verbrechen von Jena. Das Ziel des Buches ist es, die Betroffenen und Getöteten der NSU-Anschläge sichtbar werden zu lassen. Wegen Halle und Hanau hat sich die Zahl der Opfer, die wir während der Live-Performance aufzählen, um einiges verlängert. Leider.

Als freischaffende Künstler*in hat mich Corona sehr hart getroffen. Bis auf zwei Events, die per Livestream stattfanden, sind nahezu alle Booking-Aufträge für die kommenden fünf Monate weggebrochen. Mein Beruf besteht und lebt aus dem Erlebnis und der persönlichen Erfahrung in einem Club, Festival oder auf einer Veranstaltung. Die Umstellung auf die virtuelle Ebene ist sehr ungewohnt und kann diese Erfahrung nicht ersetzen. Außerdem ist es sehr schwierig, Menschen dazu zu bewegen, für etwas, das online stattfindet, zu bezahlen. Für mich als freischaffende Künstler*in bedeutet das eine große Umstellung und das Entwickeln von neuen Perspektiven. Es bleibt also spannend. Hoffentlich bald Corona adé!!!

Der Text ist in dem neuen Buch »Impulse geben! Jüdische und muslimische Gründer im Gespräch« erschienen. Es handelt sich dabei um den zweiten Band der »Schalom Aleikum«-Reihe, herausgegeben vom Zentralrat der Juden in Deutschland (Hentrich & Hent­rich, Berlin/Leipzig 2020, 84 S., 23 Illustrationen, 12,90 €). Abdruck des gekürzten Textes mit freundlicher Genehmigung der Projektleitung und der Autoren.

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