Woche der Brüderlichkeit

Für mehr Toleranz und Verständigung

Unter der Leitung der Berliner Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ist am vergangenen Sonntag im Rahmen der bundesweiten Woche der Brüderlichkeit die »Berliner Woche der Brüderlichkeit« eröffnet worden.

Seit Jahresbeginn und in den nächsten Wochen und Monaten findet in Berlin und Potsdam eine Reihe von Veranstaltungen statt, die dem interreligiösen Dialog gewidmet sind. Stadtführungen, Vorträge, Gottesdienste, literarische Abende und theologische Arbeitskreise sind Teil des vielseitigen Programms, das in diesem Jahr unter dem Motto »Angst überwinden – Brücken bauen« steht.

auftakt Zum Auftakt in der Fasanenstraße sind Vertreter aus Politik und Kirche zusammengekommen, darunter Rogel Rachman, Gesandter der israelischen Botschaft in Berlin, Christian Stäblein, Propst der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Jonah Sievers, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Pater Manfred Kollig, Generalvikar des Erzbistums Berlin, sowie der Berliner Europastaatssekretär Gerry Woop (Die Linke).

Begrüßt wurden die Gäste von Jael Botsch-Fitterling, der Vorsitzenden der Berliner Gesellschaft für Jüdisch-Christliche Zusammenarbeit. Das musikalische Programm bestritten Schüler der Heinz-Galinski-Schule zusammen mit ihrem Musiklehrer Igor Ginzburg.

Religion sei eine persönliche und private Entscheidung, die zu respektieren sei, sagte Botsch-Fitterling. Dafür setze sich ihr Verein seit Jahren ein, ob im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit oder darüber hinaus. »Wir sind für ein friedliches Miteinander und Nebeneinander, für ein Sich-Kennenlernen.«

statistik Vielfalt solle keine Ängste schüren, sondern als Bereicherung erkannt werden, sagte Botsch-Fitterling. Dass diese Ziele heute leider nicht selbstverständlich seien, hätten erneut zwei jüngste Ereignisse gezeigt: der Brandanschlag auf die Koca-Sinan-Moschee in Berlin-Reinickendorf in der Nacht zu Sonntag und die Pöbeleien arabischstämmiger Wachmänner am Israel-Stand auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin. Beide Vorfälle hatten für Schlagzeilen gesorgt, und beide zeigen, dass der interreligiöse Dialog notwendiger denn je sei, betonte Botsch-Fitterling.

Diese Annahme belegten auch die Zahlen antisemitischer Vorfälle in Deutschland, sagte Gerry Woop in seinem Grußwort. Laut Statistik gebe es vier Taten pro Tag, »plus jene Taten, die nicht angezeigt werden«. Verbale Angriffe auf offener Straße oder in Schulen seien allgegenwärtig. »Das sind entsetzliche Entwicklungen.«

Juden verstecken ihre Kippa, tragen den Davidstern unter ihrem Pulli, erzählen nicht, dass sie Juden sind, konstatierte Staatssekretär Woop. Er forderte: »Wir müssen Antisemitismus aufdecken und entschieden dagegen vorgehen, ihn bekämpfen, wo und bei wem er auch auftritt. Wir müssen achtsam sein und couragiert, nicht ängstlich. Denn wir wollen eine freie Stadt bleiben.«

verantwortung Gemeinderabbiner Jonah Sievers forderte einen ehrlichen, kritischen Dialog; dieser sei »ungeheuer wichtig«. »Antisemitismus kommt aus der Mitte der Gesellschaft.« Viele Juden hätten Angst, auch wenn diese möglicherweise subjektiver Natur sei. »Ist es objektiv gesehen gefährlich, mit einer Kippa durch Charlottenburg zu laufen? Ich kann es nicht genau sagen, aber ich habe meine Kippa dennoch in der Hosentasche.«

Dass insbesondere die Kirche diese Angst nicht schweigend dulden dürfe, betonte Christian Stäblein von der evangelischen Kirche. Er sehe die Institution Kirche in einer historischen Verpflichtung. »Wir haben die Aufgabe, dass sich Jüdinnen und Juden nicht fürchten müssen, nie und nie wieder!«

Antisemitismus sei viel zu sehr präsent, »wir müssen ihn benennen und verurteilen, in aller Konsequenz«. Er sei dankbar dafür, dass die jüdischen Gemeinden immer wieder bereit seien, »mit uns Brücken zu bauen«. Um eine stabile Brücke zu bauen, ist laut Pater Manfred Kollig ein Bekenntnis zur Schuld ebenso notwendig wie ein Bewusstsein für Verantwortung und die Bereitschaft zur Versöhnung. Kollig sagte, er hoffe auf ein Gelingen des Dialogs. Christentum, Judentum und Islam seien Geschwister. Und Geschwisterlichkeit könne man nicht »wählen oder ablehnen«.

bds Rogel Rachman von der israelischen Botschaft in Berlin mahnte in seinem Grußwort, dass sich Geschichte nicht wiederholen dürfe. Er erinnerte an die Staatsgründung Israels, an die wachsende Beziehung zwischen Israel und Deutschland, die nicht selbstverständlich sei. »Mutige Menschen haben an der Beziehung gearbeitet, wir dürfen uns nun nicht zufriedengeben, es gibt viel zu tun.« Das Existenzrecht Israels werde heute infrage gestellt, es werde zum Boykott aufgerufen. »Es handelt sich um scheinbar legitime Kritik, sie geht jedoch weit darüber hinaus.«

Dem Miteinander von Juden, Christen und Muslimen widmete sich die Pädagogin Noga Hartmann in ihrem Festvortrag. Dafür blickte die Direktorin der Frankfurter Lichtigfeld-Schule und frühere Schulleiterin der Heinz-Galinski-Schule weit zurück in die Geschichte.

Noga Hartmann, die in Islamwissenschaft und Jüdischen Studien promoviert hat, erläuterte, welche unterschiedlichen Perioden es gab, wann Ausgrenzung und Diskriminierung zum Alltag gehörten und wann eine gewisse Offenheit und Gleichberechtigung eintraten. Gegenwärtig habe der radikale Islam die öffentliche Meinung im Griff.

konflikte »Wo ist die Stimme der Gemäßigten?«, fragte Hartmann. Diese vermisse sie. Dabei müsse man »gemeinsam Hand in Hand nach vorne gehen«. »Wir brauchen Mut! Und den Willen. Wenn der Wille da ist, wird der Weg gefunden«, sagte Noga Hartmann.

Rassistische Konflikte nähmen an nichtjüdischen Schulen immer mehr zu, sagte die Schulleiterin. So sei die Bezeichnung »Du Jude!« bundesländerübergreifend zu einem Schimpfwort auf Schulhöfen geworden. Dies dürfe nicht stillschweigend hingenommen werden.

Hartmann appellierte an die Politik: »Wir brauchen ein gutes und solides Bildungssystem, das sich als Investition in die Zukunft versteht, das zu gegenseitigem Respekt und Toleranz erzieht.« Sie bleibe als Pädagogin gern optimistisch. »Ich glaube immer an das Gute im Menschen und hoffe, dass das Gute am Ende gewinnt.«

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