Seminar

Für die Kinder

»Wie ist das bei euch denn mit der altersübergreifenden Arbeit?« »Was habt ihr während Corona gemacht, bei uns hat die Musikpädagogin immer Videos für alle geschickt.« »Habt ihr auch männliche Erzieher?« Der Austausch am Mittagstisch in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt ist rege.

Rund 60 meist weibliche Fachkräfte aus jüdischen Kitas in ganz Deutschland sind an diesem Montag im Januar zur ersten Fortbildung nach Frankfurt angereist. Gastgeber ist die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST).

»Wir haben bisher zwei jährliche Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte in Bad Sobernheim organisiert«, erklärt Anastasia Quensel vom Kinder-, Jugend und Familienreferat der ZWST, die für das Programm verantwortlich ist. »Nach einer Arbeitswoche war es nicht immer leicht für die Fachkräfte anzureisen, vor allem aus Einrichtungen, die weiter entfernt sind. Da ist Frankfurt zentraler und einfacher zu erreichen.«

»Der Bedarf und das Interesse sind groß, das merken wir.«

Aron Schuster, ZWST-Direktor

Nun habe man sich dazu entschlossen, das Ganze noch stärker zu professionalisieren und die Fachtagung in Frankfurt abzuhalten. Die Resonanz lasse hoffen, so Quensel. »Wir möchten das gern weiter jährlich veranstalten.«

Zielgruppe: Pädagogische Fachkräfte

Die Zielgruppe sind pädagogische Fachkräfte aus jüdischen Einrichtungen. »Es gibt viele verschiedene Weiterbildungen für diese Gruppen, aber eine Weiterbildung, die auch einen jüdischen Kontext und jüdische Inhalte hat, fehlt. Deswegen hatten wir in der Vergangenheit schon Fortbildungen organisiert. Zudem bietet es die Chance, dass die Einrichtungen sich austauschen können. Die wenigsten Städte haben mehr als eine jüdische Einrichtung, und das macht den Austausch schwer«, weiß Quensel. Das klappt auf Anhieb, wie die Mittagsrunde beweist. Raum für informelles Netzwerken gibt es reichlich an diesen beiden Tagen.

Doch ebenso gibt es viel fachlichen Input – spezifisch jüdischen Inhalt wie auch allgemeine pädagogische Vorträge. Aron Schuster, Direktor der ZWST, der sich über das große Interesse von Fachkräften aus insgesamt zwölf Einrichtungen deutschlandweit – von Hamburg bis Stuttgart – freute, begrüßte das Auditorium. »Der Bedarf und das Interesse sind groß, das merken wir.«

Kitas seien nicht nur Bildungsorte, sondern erfüllten eine Vielzahl von Zwecken: Gesundheitsförderung, Kinderschutz, Identitätsstiftung zum Beispiel. Dadurch stiegen auch die Anforderungen an die Fachkräfte stetig. »Während der Corona-Zeit haben wir immer von der Systemrelevanz der Kitas gesprochen. Und meinten damit hauptsächlich: damit die Eltern arbeiten können. Aber systemrelevant sind auch die Bildungsaufgaben«, sagte Schuster. Besonders jüdische Kitas könnten auch dafür sorgen, dass Grundlagen für die Weiterexistenz jüdischer Gemeinden gelegt würden. Es habe in den vergangenen Jahren positiverweise viele Gründungen gegeben. »Daher ist das hier ein absolutes Zukunftsthema«, schloss Schuster.

Das erste Impulsreferat kam von Kinderrechtlerin Miriam Zeleke. Sie ist Hessische Landesbeauftragte für Kinder- und Jugendrechte. Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen ist in Deutschland 1992 in Kraft getreten und umfasst eine Vielzahl von Rechten wie Gesundheit, Schutz vor Gewalt, ärztliche Behandlung, Spiel und Freizeit, aber auch das Recht auf Partizipation und eine eigene Meinung. Viele kennen dieses Gesetzeswerk nicht. Kita-Fachkräfte müssen im Alltag damit umgehen, auch nach den Maßgaben des deutschen Sozialgesetzbuchs.

»Kinder zu stärken, das bedeutet, die Gesellschaft zu stärken«

»Kinder zu stärken, das bedeutet, die Gesellschaft zu stärken«, sagte Zeleke und erhielt dafür den Beifall der Zuhörer. »Wir müssen ihnen die Kraft zur Reflexion mitgeben.« Das belegte sie anhand eines Zitats von Theodor W. Adorno: »Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, dass man sich mit ihr bis heute so wenig abgegeben hat. Sie zu begründen, hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug.«

Ein spezifisch jüdisches Thema kam von Yosef Gillers, eigens für diesen Workshop aus den USA angereist. Er ist Gründer einer jüdischen Umweltbildungsorganisation namens »GrowTorah«. In den USA veranstaltet diese Organisation Seminare und Camps für Schulen und Erziehungseinrichtungen, um die Umwelt im Sinne der Tora zu verstehen, zu schützen und zu achten. In Europa habe er das Konzept bislang noch nicht vorgestellt, sagte Gillers.

Es stieß auf großes Interesse, denn, so eine Kita-Kraft aus Hamburg, »wir leben den Glauben ja täglich, wir singen, wir beten, wir können das auch in unserem Garten verwirklichen«. Anhand konkreter Stellen der Tora verdeutlichte Gillers die Werte seines Programms: Es sei quasi »Outdoor Jewish Education«, es gehe um Leidenschaft, Mitgefühl und Nachhaltigkeit, gespeist von den Werten der Tora.

»Wir möchten das gern weiter jährlich veranstalten.«

Anastasia Quensel, ZWST

Mitgefühl mit allen Kreaturen, Würdigung der Vielfalt, Schutz natürlicher Ressourcen, das Teilen mit Ärmeren: Das alles umfasst diese spezielle Art der Umweltbildung, für die Yosef Gillers auch ganz praktische Anleitungen lieferte. Er bat die Teilnehmer auf den Balkon hoch über den Dächern Frankfurts, wo zugegebenermaßen wenig Natur im Blickfeld war, aber immerhin Moos auf den Steinen, ein paar Bäume in der Ferne und der blaue Himmel ließen sich mit unterschiedlichen Sinneswahrnehmungen erfassen.

Mit konkreten Erfahrungen Umweltbildung betreiben

Die Kita-Kräfte waren beeindruckt von dieser einfachen und mit religiösen Motiven unterfütterten Methode, sich um die Welt zu sorgen. »Small things can be important and beautiful«, sagte Gillers – das gelte es zu vermitteln. Das könne man ganz praktisch machen, indem man den Kindern beispielsweise erkläre, »was die verschiedenen Bäume uns geben«. Mit konkreten Erfahrungen soll partizipativ und praktisch Umweltbildung betrieben werden und immer die Verbindung zur Tora, zum Beispiel zum Wochenabschnitt, gezogen werden.

Weitere Workshops umfassten unter anderem die Themen »Auf eigene Bedürfnisse achten«, »Leichte Sprache«, und, gehalten vom Frankfurter Rabbiner Julian-Chaim Soussan, »Vermittlung jüdischer Inhalte an nichtreligiöse Kinder«. Für Letzteres konnte man zu Beginn schon bunte Bildtafeln an den Wänden bewundern. Es ist im Alltag der Kitas sicher besonders spannend, denn, so war zu hören, in den meisten jüdischen Kitas sind Kinder unterschiedlichster religiöser Herkunft vertreten – ebenso wie beim Personal: gelebte Vielfalt.

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