Kino

Fünf-Prozent-Hürde und rotes Oberhemd

Mitten in Berlin: Szene aus dem Dokumentarfilm »Demokraten« Foto: Levi Salomon

Spätsommer 2011: Der Wahlkampf für das Abgeordnetenhaus läuft auf Hochtouren. Monatelang ziehen die Kandidaten durch Berlin. Ob in verrauchten Eckkneipen, auf Spielplätzen, Demonstrationen oder bei ihren Wahlständen an Orten in der ganzen Stadt: Die Kamera des Berliner Regisseurs Levi Salomon ist bei fünf dieser Kandidaten stets dabei.

Der so entstandene Dokumentarfilm Demokraten behandelt aktuelle Themen der Landespolitik und zeigt Politiker bei der Kärrnerarbeit des Wahlkampfes. Zugleich ist dem in Baku geborenen Filmemacher damit ein großartiges Porträt der Metropole Berlin gelungen.

Mandat Bei der Auswahl der Kandidaten zeigte Salomon fast prophetische Fähigkeiten: Während er die FDP, die dann an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, nicht abdeckte, begleitete er mit Susanne Graf auch eine Vertreterin der Piratenpartei, die bei der Wahl im September 2011 erstmals in ein deutsches Landesparlament einzog. Auch die anderen vier Kandidaten Klaus Lederer (Linke), Frank Zimmermann (SPD), Burkard Dregger (CDU) und Andreas Otto (Grüne) sicherten sich bei der Abstimmung ihr Abgeordnetenmandat.

Die letzteren drei, allesamt Männer um die 50 Jahre, kommen dem landläufigen Bild eines Politikers noch am nächsten, auch wenn sie der Öffentlichkeit relativ unbekannt sein dürften. Linken-Politiker Lederer und Piratin Graf fallen aus unterschiedlichen Gründen ein wenig aus dieser Typologie heraus. Beide sind jünger als die anderen (Lederer ist 38 Jahre, Graf sogar erst 20 Jahre) und wirken auch äußerlich anders. Lederer trägt gern ein knallrotes Oberhemd – symbolisch für seine Partei.

Als Landesvorsitzender der Linken nimmt er in seiner Partei anders als die übrigen drei eine herausgehobene Stellung ein. Piratin Graf ist die einzige Frau – sowohl unter den Protagonisten des Films als auch in ihrer 15-köpfigen Fraktion. Vor allem angesichts ihres Alters wirkt sie alles andere als politikertypisch, zuweilen eher naiv. Wenn sie erzählt, dass sie mal Ballerina oder Tierärztin und nicht Politikerin werden wollte, glaubt man ihr das sofort.

Werte Demokraten verzichtet gänzlich auf einen Off-Kommentar. Dadurch ist der Film offen für vielerlei Interpretationen. Er zeigt Politiker als Menschen wie du und ich. »Vor der Kamera geben die Protagonisten ihre persönlichen Beweggründe, ihre Ziele und Wertvorstellungen preis und entmystifizieren in nicht unerheblicher Weise das Berufsbild des modernen Kommunal- und Landespolitikers«, heißt es im Werbezettel.

Seine größten Stärken entfaltet der Film aber immer wieder dort, wo die Wahlkämpfer jenseits des Politikbetriebes auf das reale Berlin und seine Bewohner treffen. Immer wieder erobern sich höchst unterhaltsame Originale mit Berliner Schnauze den Platz vor der Kamera. Und oft ist das hässlich-schöne Berlin selbst der Star des Films.

Für Salomon, seit 2008 ehrenamtlicher Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde, ist es die erste größere Filmproduktion ohne explizit jüdischen Bezug. Sie entstand unter schwierigen Bedingungen. Der 53-Jährige ging das Projekt ohne gesicherte Finanzierung und mit Mini-Budget an. Dennoch ist ihm mit Demokraten ein kleines Meisterwerk gelungen, das leise daherkommt, aber trotzdem nie langweilt.

Sein Plan, den Film zur Berlinale einzureichen, konnte nicht realisiert werden, weil vor Abschluss der Dreharbeiten Salomons Vater schwer erkrankte. Durch den Tod des Vaters verzögerte sich der Abschluss der Produktion um die entscheidenden Wochen. Premiere feiert der Streifen jetzt im Rahmen des Festivals »achtung berlin«.

»Demokraten« (Deutschland 2012). Regie und Produktion: Levi Salomon. 98 min.

Sonntag, 22. April, 18 Uhr,
Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Platz

Mittwoch, 25. April, 19.15 Uhr,
Filmtheater am Friedrichshain

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