Interview

Fünf Minuten mit …

Wolfgang Seibert Foto: ddp

Herr Seibert, Sie haben den 34 Jahre alten Ashraf O. aus dem Sudan im jüdischen Gemeindezentrum in Pinneberg untergebracht. Wie kam es dazu?
Er sollte am vergangenen Mittwoch nach Ungarn abgeschoben werden. Ein Verein, der Flüchtlinge in Niedersachsen betreut, hat versucht, für ihn Kirchenasyl zu bekommen. Das hat wohl nicht geklappt, und so hat man sich an uns gewandt.

Jetzt hat der Mann sozusagen Kirchenasyl in der Synagoge?
Mir gefällt das Wort auch nicht, aber so heißt der Fachbegriff. Synagogen und Kirchen sind geschützte Territorien, und die Polizei kann den Mann dort nicht einfach herausholen.

Wer ist Ashraf O.?
Ein Muslim, der sich im Sudan in der Bewegung gegen die islamistische Regierung engagiert hat und im Gefängnis war. Er ist dort ausgebrochen und über Ägypten, Griechenland und andere Länder weiter nach Ungarn geflohen. Dort hat er einen Antrag auf Asyl gestellt und kam sofort in ein Lager, wo er zur »Begrüßung« gleich zusammengeschlagen wurde. Das ist ja bekannt aus Ungarn. Dort ist er dann auch wieder ausgebrochen und nach Deutschland gekommen. Und jetzt soll er aus Niedersachsen wieder nach Ungarn abgeschoben werden, weil er dort den Asylantrag gestellt hat.

Sie sind selbst vor dreieinhalb Jahren von einem Islamisten massiv bedroht worden. Haben Sie den Flüchtling deshalb aufgenommen?
Er ist ein ausgesprochen liberaler Muslim. Ich würde auch jedem verfolgten Christen helfen. Wir Juden haben eine lange Geschichte der Flucht, von der Flucht aus Ägypten bis hin zur Flucht aus den arabischen Staaten nach der Gründung Israels. Wer sollte ihn also aufnehmen, wenn nicht wir? Und außerdem, wir kennen ja die Zustände im Sudan, es herrscht eine islamistische Regierung, und gegen den Regierungschef besteht ein internationaler Haftbefehl. Nach Einschätzung seines Anwaltes droht Ashraf O. dort die Todesstrafe.

Wie lange kann der Sudanese im Pinneberger Gemeindezentrum bleiben?
Am 3. August, das hat sein Anwalt gesagt, läuft eine Sechsmonatsfrist ab – wenn er sich so lange in Deutschland aufgehalten hat, kann er hier einen Asylantrag stellen. Also kann er mindestens bis zum 3. August bei uns bleiben.

Wie steht denn Ihre Gemeinde zum Kirchenasyl?
Die Mitglieder unterstützen das alle, unser Landesrabbiner Walter Rothschild auch. Keiner war dagegen.

Sie kommen gerade aus dem Gemeindezentrum. Wie geht es Ashraf O. jetzt?
Es geht ihm nicht besonders gut. Wir haben einen Besuchsdienst mit anderen Leuten aus dem Sudan für ihn organisiert, wir besorgen ihm arabische Literatur und bringen ihm Lebensmittel aus einem türkischen Geschäft. Aber im Moment ist Ramadan, und das ist natürlich besonders schwer für ihn. Wenn man nichts isst, dann erscheint einem alles doppelt so schlimm. Wir kennen das ja selbst von Jom Kippur.

Mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Pinneberg sprach Ayala Goldmann.

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