Interview

Fünf Minuten mit…

Scheidender Chef: Gary Wolff Foto: Mike Minehan

Herr Wolff, Sie haben sich nach 22 Jahren als Leiter des Seniorenzentrums der Jüdischen Gemeinde verabschiedet. Wie sind Sie überhaupt zum Seniorenzentrum gekommen?
Wie die Jungfrau zum Kind. Ich war Kaufmann. Die Geschäfte gingen schlecht. Da meinte die damalige Sozialdezernentin Maria Brauner, ich sei der Richtige für das Seniorenzentrum. Die Stelle wurde als Ehepaarstelle ausgeschrieben. Meine Frau arbeitete damals als Erzieherin im Gemeindekindergarten, und wir bekamen die Stelle. Ich sollte für den kaufmännischen Bereich zuständig sein, sie für den sozialen. Wir haben immer mit den Bewohnern zusammengelebt, unsere Tür stand stets offen.

Sie hatten täglich mit dem Älterwerden zu tun, ebenfalls häufig mit dem Sterben. Wie geht man damit um?
In sozialen und medizinischen Berufen muss man lernen, nicht alles an sich heranzulassen. Das klappt nicht immer, da man zu einem Teil der Bewohner einen engen Kontakt hat. Aber wenn es gelingt, dass Mitarbeiter mit Feingefühl einem Bewohner beim Übergang in die andere Welt beistehen, dann haben wir unser Möglichstes getan. Bei Menschen, die stark leiden, kann der Tod manchmal auch eine Erlösung sein.

Sind Sie mit der Namensgeberin des Heimes, Jeannette Wolff, verwandt?
Nein. Meine Eltern verließen Nazi-Deutschland 1940 mit meiner Schwester. Meine Mutter verlor mehr als 40 Familienangehörige in den Lagern. Sie hatten Glück, noch in Shanghai Aufnahme zu finden. Ich wurde 1948 dort geboren und kam 1949 nach Israel. Mein Großvater war ein Jecke und wollte nach Deutschland zurückkehren. Diesen Wunsch wollte mein Vater ihm erfüllen, aber er verstarb etwa einen Monat, bevor die Familie nach Deutschland zurückkehrte.

Wie sieht die Zukunft der Seniorenzentren aus?
Meiner Meinung nach wird sich der Markt ändern. Pflegeheime, so wie sie heute strukturiert sind, werden sich in den nächsten zehn Jahren in fachspezifische Pflegeeinrichtungen und Hospize verwandeln müssen. Die Zukunft gehört dem betreuten Wohnen, den Wohngemeinschaften und Tagespflegeeinrichtungen. Die Senioren wollen schließlich selbst über ihr Leben bestimmen und nicht reglementiert werden. Die jüdische Alten- und Krankenpflege war vor dem Zweiten Weltkrieg wegweisend, wir sollten im Pflegebereich wenigstens im Mittelmaß positioniert sein. Das sind wir den Pflegebedürftigen schuldig. Die Berliner Gemeinde muss sich mit geänderten Angeboten beeilen, andernfalls ist der Markt gesättigt.

Wer wird Ihr Nachfolger?
Meine Frau wird die Einrichtung alleine weiter leiten.

Was wünschen Sie dem Seniorenzentrum?
Dass das Pflegeheim schnellstens saniert und mit dem notwendigen Standard ausgestattet wird, denn dann gäbe es auch in diesem Bereich keine Belegungsprobleme. Wir haben die Vereinigung der drei Einrichtungen geschafft, das betreute Wohnen installieren können, dieses ist bereits voll belegt und hat eine Warteliste. Jetzt müssen wir nur noch das Pflegeheim in den richtigen Standard führen, dies kann nur mit Unterstützung des Vorstandes und der Repräsentanz erfolgen. Was wir heute planen, wird in 15 bis 20 Jahren unsere Zukunft sein.

Mit dem bisherigen Leiter des Seniorenzentrums der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sprach Christine Schmitt.

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Wuppertal

Am helllichten Tag

Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge geht das Gemeindeleben in der nordrhein-westfälischen Stadt weiter. Aber was bedeutet diese Normalität?

von Helmut Kuhn  01.10.2026

Rostock

Zunehmend sprachlos

Die Gemeinde hatte Schlimmeres befürchtet, doch Sorgen bleiben auch nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern

 01.10.2026

Wiedervereinigung

Zeit der Blüte

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Für jüdische Gemeinden in Ost und West war dies ein neuer Anfang, für manche auch die Rettung. Drei Gemeindemitglieder erzählen, wie sie diese Zeit erlebten

von Christine Schmitt  01.10.2026

Deutschland

Holocaust-Überlebende: Regierung der Linkspartei in Berlin wäre eine Katastrophe

»Hier muss die Politik gründlich aufpassen, dass das nicht passiert«, sagt Charlotte Knobloch bei »Maischberger«

 01.10.2026

Wahl

»Der Schock sitzt tief«

Jüdinnen und Juden blicken mit großer Skepsis auf eine mögliche Regierungsbeteiligung der Linken. Sie fordern klare Zusagen zum Kampf gegen Antisemitismus

von Christine Schmitt  30.09.2026

Rathaus Neukölln

Berlin

Hillel zieht seine Chanukkia aus dem Rathaus Neukölln ab

Der jüdische Bildungsverein will seine Chanukka-Feier künftig an einem »neutralen Ort« abhalten. Für den scheidenden Bürgermeister Martin Hikel ist die Entscheidung ein Schock

 01.10.2026 Aktualisiert

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 8. Oktober

 30.09.2026