Bet Debora

Fragen vom Horizont

Inspiriert von der Schnittstelle zwischen Kalligrafie und Tradition: Nehama Greniman Bauch gestaltet Ketubot. Foto: Uwe Steinert

Wenn Shlomit Lehavi über den Horizont in ihrer Heimatstadt Tel Aviv spricht, dann leuchten ihre Augen. Durch die geöffneten Fenster des Vortragssaals in Berlin-Prenzlauer Berg dringt der Straßenlärm. Shlomit muss etwas lauter reden, um ihn zu übertönen. Per Beamer zeigt die israelische Künstlerin ein Foto vom Tel Aviver Strand: azurblaues Meer, das in den Himmel übergeht – ein malerisches Postkartenmotiv. »Ich kann gar nicht sagen, wie viele Stunden ich damit verbracht habe, einfach nur so dazusitzen und in die Weite zu schauen«, erzählt die Multimediakünstlerin. »Dieser Horizont ist fundamental – einfach alle meine Fragen stammen daher.«

Fragen nach Religion, Herkunft und Identität sind für Shlomits Arbeiten zentral – ebenso wie für ihre Kollegin Nehama Greniman Bauch. Anlass des Aufeinandertreffens beider Künstlerinnen ist die Gesprächsreihe »Facetten jüdischer Frauenidentitäten« der Initiative Bet Debora. Die Veranstalter wollen damit den Austausch zwischen jüdischen Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen aus aller Welt ankurbeln und so ein jüdisch-feministisches Bewusstsein fördern.

»Wir haben diese beiden Frauen bewusst ausgewählt – aufgrund des Altersunterschieds, ihres Zugangs zum Judentum, ihrer sehr unterschiedlichen künstlerischen Arbeiten und natürlich wegen des gemeinsamen Bezugs zu Berlin«, erzählen die Organisatorinnen Tanja Berg und Lara Dämmig.

kunst Als Shlomit vor einigen Jahren von Tel Aviv nach Brooklyn zog, veränderte sich auch ihr Horizont. Statt der Weiten des Mittelmeers erblickte sie vom rechten Ufer des East River aus die Skyline von Manhattan. Angeregt durch diese Erfahrung filmte die Künstlerin mit zwei Kameras das jeweils gegenüberliegende Flussufer. Daraus entstand die multiperspektivische Videoinstallation Two sides of a river, eine Studie über Subjektivität in Abhängigkeit vom Standpunkt des Betrachters. Fragen nach Identität, Zeit und Raum sind seit jeher zentral in Shlomit Lehavis Werken.

Während sie darüber redet, hört Nehama aufmerksam zu. Die Künstlerin stammt aus Jerusalem, wo die Sonne nicht im Meer, sondern im Judäischen Bergland versinkt. Seitdem die junge Israelin einen Pinsel halten kann, malt sie mit Ölfarben auf Leinwände. Zudem gestaltet sie Webseiten und Ketubot, traditionelle hebräische Hochzeitsurkunden. Ihr Ansatz ist die Schnittstelle zwischen traditioneller Gestaltung und Kunsttherapie.

Die Unterschiede werden schon zu Beginn deutlich, im Verhältnis der beiden zur Religion: Während Nehama als Tochter eines Rabbiners in einer religiösen Familie aufwuchs und sich selbst als liberal-orthodox beschreibt, zitiert Shlomit in religiösen Fragen am liebsten Woody Allen: »Ich glaube nicht an Gott, aber ich habe Angst vor ihm.« Dennoch sei Religion etwas, womit sie sich natürlich beschäftigt, erzählt Schlomit und schiebt sogleich hinterher: »Das Gefühl, säkular zu sein, aber trotzdem jüdisch, ist definitiv etwas, worüber wir noch zu wenig sprechen.«

impulse Für Nehama kam die Beschäftigung mit ihrer religiösen Identität erst nach einem Umzug nach Florenz, wo sie die Kunsthochschule besuchte. »Ich bin in einer sehr gläubigen Familie aufgewachsen«, erzählt sie. »Daher habe ich das Jüdischsein vorher eigentlich nie infrage gestellt – es war bei uns zu Hause einfach so offensichtlich.«

Überhaupt spielen biografische Impulse eine starke Rolle für ihre Arbeit. Schon als Jugendliche malte Nehama ein Ölgemälde – es zeigt eine ihrer Großmütter, die sie nie kennenlernte, weil sie im Ghetto von Vilnius ermordet wurde. Die Ähnlichkeit zwischen Nehama und der Frau auf dem Bild ist verblüffend.

Aus Florenz trieb es sie dann zurück nach Israel. Sie studierte hebräische Kalligrafie und begann, Hochzeitsurkunden zu gestalten. »Dekoration und Kalligrafie sind die historisch-traditionelle Form jüdischer Kunst – das fasziniert mich«, sagt Nehama. In Berlin, wo sie mittlerweile lebt, hat sie auch familiäre Wurzeln: Eine Großmutter gehörte zur Ullstein-Familie und lebte, bevor sie nach Palästina emigrierte, in Berlin.

ort Während die beiden Künstlerinnen in Israel nie sonderlich viel über ihre unterschiedlichen jüdischen Identitäten nachdenken mussten, wurde der Wohnortwechsel zum Impulsgeber, den Zusammenhang zwischen dem Ort und der eigenen Selbstverortung zu überdenken.

So ist die Erfahrung des Perspektivwechsels nach wie vor zentral in Shlomits Arbeiten. In ihrem neuesten Projekt Return/Partake spielt die Künstlerin in kurzen Sequenzen Szenen aus der amerikanischen Fernsehserie Damages nach. Shlomit war begeistert von der Skrupellosigkeit der Anwältin Patty Hewes, gespielt von der Schauspielerin Glenn Close, die im nächsten Moment ihre verletzliche Seite zeigt. »Diese Dualität sehen wir sehr selten bei Frauencharakteren im Film«, erklärt Shlomit.

Auch weil sie diese Eigenschaften von sich selber nicht kennt, wollte sie sich unbedingt in die Rolle der anderen hineinversetzen – und so den Facettenreichtum weiblicher Perspektiven zeigen.

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