Schnaittach

Fränkisches Jerusalem

Es gab einmal eine Zeit, in der Nürnberger, wenn sie mit der Eisenbahn nach Fürth fahren wollten, eine Fahrkarte nach »Jerusalem« verlangten. Noch heute sind in vielen fränkischen Orten Spuren einer Jahrhunderte währenden jüdischen Kultur zu finden.

Birgit Kroder-Gumann ist Heimatforscherin in Schnaittach. Ihr ganzes Leben hat sie in der fränkischen Marktgemeinde, 27 Kilometer von Fürth entfernt, verbracht. Dass es in ihrem Heimatort einmal eine bedeutende jüdische Gemeinde gab, wusste sie schon seit frühester Kindheit. Irgendwann aber begann sie, an den Erzählungen der älteren Dorfbewohner zu zweifeln: Stimmte es wirklich, dass Schnaittach während der Nazi-Diktatur »Hitlerjungen« aus Berlin kommen ließ, um die bis heute noch sichtbare Zerstörung der jüdischen Einrichtungen vorzunehmen? Gab es keinen Widerstand der Dorfbewohner, als die Synagoge während des Novemberpogroms 1938 fast vollständig zerstört wurde? Und warum wurden bereits im 18. Jahrhundert wertvolle jüdische Grabsteine geplündert und zweckentfremdet?

Zeitzeugen Über Jahrzehnte hat sich Birgit Kroder-Gumann mit diesen Fragen beschäftigt, befragte Zeitzeugen, durchforstete alte Dokumente, erstellte Stammbäume von Familien und Häuserchroniken. Was dabei herauskam, ist nicht immer schön für die Geschichte der kleinen Gemeinde: So gab es beispielsweise überhaupt keine »Hitlerjungen« aus Berlin, die jüdische Einrichtungen und Gräber zerstörten – es waren die Dorfbewohner selbst. Und schon Jahrzehnte zuvor wurden die mit hebräischen Inschriften versehenen Grabsteine zum Schutz gegen Ausschwemmungen in das nahegelegene Bachbett geworfen. Die Einwohner zweckentfremdeten oder verkauften die Steinplatten oder benutzten sie sogar als Baumaterial für Treppenstufen.

Es sind die Steine, die – mit hebräischen Sätzen oder Bibelzitaten versehen – noch immer überall in Schnaittach auftauchen: mal werden sie im Bach angespült, mal kommen sie beim Abriss alter Häuser zum Vorschein. »Mittlerweile haben wir aufgehört, nach den historischen Steinen zu suchen. Sie finden uns«, erzählt die Heimatforscherin auf dem Weg zu einem der drei jüdischen Friedhöfe am Ortsrand.

Es ist der sogenannte Neue Friedhof und wie die beiden anderen nach Osten, also Richtung Jerusalem, ausgerichtet. Das letzte Begräbnis fand im Jahre 1952 statt, als Heinrich Freimann nach seinem Exil aus Amerika nach Schnaittach zurückgekehrt war und zwei Jahre später in seiner Heimat verstarb. Heute erinnert auf dem Friedhof ein Denkmal an die 39 jüdischen Einwohner, deren Grabsteine im »Dritten Reich« zerstört wurden. Jeder Hinweis auf die im Holocaust Deportierten fehlt jedoch. Schnaittach hat heute etwa 5500 Einwohner. Nur noch eine einzige Bewohnerin ist jüdisch.

Laubhütte Nirgendwo in Süddeutschland gab es so viele jüdische Gemeinden wie in Franken. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren es etwa 400. Spuren dieser reichen Kultur sind noch immer allgegenwärtig, so wurde im südlich von Nürnberg gelegenen Schwabach erst 2001 bei Renovierungsarbeiten zufällig eine Laubhütte entdeckt. Das westlich von Nürnberg gelegene Schnaittach gehörte zu den bedeutenden Orten des fränkischen Landjudentums. Bis ins 19. Jahrhundert war die Gemeinde Sitz des Rabbinats.

Schnaittacher Rabbiner unterhielten nicht nur lange Zeit eine eigene Talmudschule, sondern auch enge und freundschaftliche Beziehungen zu den katholischen und evangelischen Ortspfarreien. Der Zuzug jüdischer Familien wurde in Schnaittach erstmals 1478 erwähnt, knapp 100 Jahre später erbauten jüdische Familien eine Synagoge, die heute nach umfassenden Renovierungsarbeiten wieder besichtigt werden kann. Im Jahre 1813 gab es in dem Ort bereits 58 jüdische Haushalte – das waren etwa 20 Prozent der Einwohner.

Obwohl es seit dieser Zeit immer wieder zu Zerstörungen der jüdischen Einrichtungen kam, waren die fränkischen Juden dennoch lange voll assimiliert und integriert. Noch bis in die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts gab es beispielsweise im örtlichen Fußballverein einen angesehenen und sehr erfolgreichen jüdischen Fußballspieler. Die Schnaittacher Juden bewahrten und pflegten dennoch über Jahrhunderte hinweg ihre vielfältige, spezifisch fränkisch-jüdische Kultur mit eigenen Ritualen, Gebräuchen und Traditionen.

Denkmalschutz Der »Alte Friedhof«, ein paar 100 Meter näher am Dorfzentrum, vermittelt eine ganz andere, eigenartige Stimmung: Da es früher keine Sockel gab, sind die Gräber im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr in die Erde eingesunken. Der älteste Grabstein trägt die Jahreszahl 1549 und erinnert an eine Hebamme. Wie die beiden anderen Friedhöfe von Schnaittach steht auch er unter Denkmalschutz.

In den kommenden Jahren sollen die wenigen noch lesbaren Grabinschriften im Rahmen eines Forschungsprojektes der Universität wissenschaftlich erforscht und in einer Datenbank erfasst werden. Die Grabsteine, die restaurierte Synagoge und das ehemalige Rabbinerhaus sind die letzten Zeugnisse der reichen jüdischen Kultur. Birgit Kroder-Gumann führt seit 1996 Besucher aus aller Welt durch ihre Heimatgemeinde. »Oft kommen Juden aus den USA, Argentinien oder Israel, die hier nach ihren Vorfahren suchen«, erzählt sie. Sie nimmt sich für alle viel Zeit, hört sich die traurigen Geschichten ihrer zerrissenen Familien an, hilft bei der Sichtung von Dokumenten und Häuserchroniken.

Immer wieder komme es sogar vor, dass entfernte Familienmitglieder im Zuge ihrer Recherchen in Schnaittach – der Heimat ihrer Vorfahren – erstmals aufeinandertreffen und fortan in Kontakt bleiben, erzählt die Heimatforscherin stolz. »Wenigstens die Erinnerung soll bleiben« – die Erinnerung an ein Fränkisches Jerusalem.

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