Last Folio

Fotografische Zeitreise

Der kleine Ort Bardejov, 2006: Der kanadische Fotograf Yuri Dojc bereist zusammen mit seiner Kollegin Katya Krausova die Slowakei, um die wenigen jüdischen Überlebenden, die es in diesem Land noch gibt, für eine filmische Dokumentation zu interviewen. Ein Dorfbewohner führt ihn zu einem verfallenen Gebäude, die ehemalige jüdische Gemeindeschule, die seit 1942 leer steht. Neugierig betreten Dojc und Krausova das verlassene Haus. »Bücher stehen auf den Borden. Die beiden langen Bänke mit Schreibpulten davor sind leer. An den Wänden Inschriften in hebräischer Sprache«, erinnert sich Katya Krausova.

Nahezu unberührt und von aller Welt vergessen hat dieser Raum seit mehr als 70 Jahren die Erinnerung an die Menschen, die hier einst gemeinsam lernten, bewahrt. »Man hat den Juden alles genommen, ihre Wertsachen, ihr Geld und allen Besitz. Nur um die Bücher hat sich keiner gekümmert«, sagt Yuri Dojc. »Und es war ja auch niemand mehr da, der die Schriften nach jüdischem Brauch hätte beerdigen können.«

So ist es, als hätten diese Bücher die ganze Zeit darauf gewartet, dass jemand kommt und sie aus ihrem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf aufweckt. Nur dass an ihnen, anders als im Märchen, die Zeit nicht spurlos vorübergegangen ist. Vielmehr tragen sie alle sichtbare Zeichen des Verfalls. Ein Glück, dass Yuri sie fand und mit dem Auge seiner Kamera ihre zerbrechliche Schönheit erkannte.

Viele Geschichten ranken sich um die Ausstellung Last Folio, die am vergangenen Mittwoch auf dem Campus Westend der Frankfurter Goethe-Universität eröffnet wurde; im Grunde gehört zu jedem einzelnen Foto eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden, und auch die Biografien der beiden Künstler Yuri Dojc und Katya Krausova, die diese Ausstellung geschaffen haben, sind eng damit verwoben.

Beide wurden als Kinder von Überlebenden in der Slowakei geboren. Beide leben schon seit Jahrzehnten im Ausland und sind als Fotograf und als Filmproduzentin äußerst erfolgreich: Dojc in Kanada, Krausova in London. 1997 kehrte Yuri zur Beerdigung seines Vaters in sein Heimatland zurück; dort traf er auf dem Friedhof eine Frau, die sagte, es sei ihre Lebensaufgabe, Überlebende der Schoa zu besuchen. Dojc fragte, ob er sie begleiten dürfe, und so begann seine lange Reise durch die Slowakei, während deren Verlauf er und Katya viele bewegende Begegnungen und Momente erlebten.

Dojc erzählt davon in seinen großformatigen Porträts, die zusammen mit den Nahaufnahmen der zerfallenden Schriften und Bände den ganz besonderen Zauber dieser Ausstellung ausmachen, so als würden die Menschen und die Bücher stumm Zwiesprache miteinander halten und sich gegenseitig ihrer Zeugenschaft für alle, die nicht mehr da sind, versichern.

Imrich Donath, Diplomkaufmann, Kunstfreund, Versicherungsagent im Ruhestand und Honorarkonsul der Slowakei, ist es, auch dank mehrerer Sponsoren, gelungen, die Ausstellung, die unter anderem schon in der EU-Kommission in Brüssel, bei den Vereinten Nationen in New York, in der Cambridge University und dem Van Leer Jerusalem Institute gezeigt wurde, nach Frankfurt zu holen.

Bildsprache Mit ihren Fotos und dem Film über ihre Recherche haben die beiden »ein Denkmal für die Ewigkeit geschaffen«, sagte Donath in seiner Begrüßungsansprache. Auf einem der Schwarz-Weiß-Porträts ist Donaths Mutter, Šarlota Donátová, zu sehen. Aufrecht sitzt sie da und blickt dem Betrachter aufmerksam ins Gesicht: forschend, skeptisch, leicht amüsiert.

»Das ist mein Vater!« Sichtlich gerührt deutet die Frankfurter Ärztin Paulina Altmann auf das Bildnis eines älteren Herrn mit Hut, Krawatte und elegantem Mantel vor einer mit Graffiti bemalten Mauer. »So ist es jedes Mal«, sagt Katya Krausova. Wo immer diese Fotos gezeigt werden, ob in São Paulo, Washington oder Paris, gibt es diese Momente des Wiedererkennens: die Tante, der Großvater, der Nachbar, die Freundin der Mutter. Stets entdeckt jemand auf einem der Bilder ein vertrautes Gesicht aus seiner Familie oder dem Freundeskreis.

»Nicht verhärmt, nicht verbittert« seien diese Gesichter, findet Staatssekretär Mark Weinmeister, der zur Ausstellungseröffnung die Grußworte der hessischen Landesregierung überbrachte. Vielmehr erzählten sie, so meint er, von dem »fragwürdigen Glück, überlebt zu haben«.

Frankfurts Bürgermeister Uwe Becker nannte in seiner Rede die Bilder und die mit ihnen verbundenen Überlebensgeschichten »einen Schatz, den die beiden Künstler gehoben haben und nun an andere weitergeben«. Gleichzeitig betonte der CDU-Politiker die Bedeutung der »Erinnerung an die Schuld als einen Appell, dass sich niemals wiederholt, was damals als Verbrechen an den Juden verübt wurde«. Wer für die Gedenkkultur eine Wende fordere, wolle in Wahrheit »nicht die Erinnerung, sondern die Gesellschaft um 180 Grad drehen«, sagte Becker in deutlicher Anspielung auf die jüngsten Äußerungen des AfD-Politikers Bernd Höcke über das Holocaust-Mahnmal in Berlin.

Zivilisation Birgitta Wolff, die Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität, bezeichnete die Bücher als »Symbole für eine kluge Zivilisation«. Diese Fotodokumentation veranschauliche, »wie schnell diese Zivilisation ausgelöscht werden« könne.

150 Porträts hat Dojc insgesamt gemacht. Ob es nicht deprimierend sei, so viele Opfer der Schoa zu interviewen, wird er häufig gefragt. Nein, schüttelt er den Kopf, für ihn sei es ein Privileg, diesen Menschen begegnet zu sein. Ein besonderes Geschenk wurde ihm auf seiner langen Reise in die Vergangenheit außerdem zuteil: Unter den alten Büchern fand sich auch ein Band, in dessen Vorblatt der frühere Besitzer eigenhändig seinen Namen geschrieben hatte: »Jakob Deutsch« – Yuris Großvater.

»Last Folio. Spuren jüdischen Lebens in der Slowakei«, Lobby des PA-Gebäudes auf dem Campus Westend der Goethe-Universität, Theodor-W.-Adorno-Platz 1, Mo bis Fr 9 bis 18 Uhr, Eintritt frei. Zur Finissage am Dienstag, 21. Februar, 19 Uhr, veranstalten AKIM Deutschland und die Loge B’nai B’rith Frankfurt eine musikalische Zeitreise mit Werken jüdischer Komponisten und Texter von den 20er-Jahren bis heute.

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