Der Titel könnte trügen: Noch vor dem Betreten der Ausstellung Shalom am Rhein, die »1000 Jahre Judentum in Rheinland-Pfalz« auffächert, begegnen wir im Mainzer Landesmuseum zwei kleinen Objekten aus dem vierten beziehungsweise fünften Jahrhundert. Über 1500 Jahre alt sind die beiden der römischen Stadt Augusta Treverorum entstammenden Exponate. Sowohl das Fragment einer römischen Öllampe als auch die (als Kopie präsentierte) Bleiplombe zeigen eine Menora.
Die von den Römern als Augusta Treverorum errichtete Stadt an der Mosel heißt heute Trier und liegt im Südwesten von Rheinland-Pfalz, nahe der luxemburgischen Grenze. Bauwerke wie das Stadttor Porta Nigra zeugen von Triers einstiger Zugehörigkeit zum Römischen Reich – in dessen auf heutigem deutschen Staatsgebiet liegendem Teil seit über 1700 Jahren jüdisches Leben besteht. In Shalom am Rhein geht es jedoch nicht um diese Traditionslinie. »Es gibt noch nicht diesen Link zwischen den Römern und der Zeit, um die es uns geht«, betonen die Ausstellungsmacherinnen.
Ausgangspunkt für die bis auf Weiteres präsentierte Schau sind die jüdischen Gemeinden der rheinischen »SchUM«-Städte Speyer, Worms und Mainz, die vor fünf Jahren als UNESCO-Welterbe anerkannt wurden.
Schpira, Warmaisa und Magenza
Die nach den Anfangsbuchstaben der mittelalterlichen hebräischen Städtenamen Schpira, Warmaisa und Magenza benannten SchUM-Stätten dominieren den ersten Ausstellungsraum. Sie umfassen den im Zentrum Speyers gelegenen Judenhof, den Wormser Synagogenhof und Friedhof »Heiliger Sand« sowie den Friedhof »Judensand« in Mainz, dessen jüdische Gemeinde in ihren Anfängen bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht.
»Die Entwicklungen in den SchUM-Gemeinden haben das europäische Judentum nachhaltig geprägt und sind ein identitätsstiftender Teil unserer Landesgeschichte«, sagte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) bei der Ausstellungseröffnung. »Es ist ein geistiges Kulturerbe – und kein materielles«, betont der Mainzer Gemeinderabbiner Aharon Ran Vernikovsky.
Denn bei SchUM gebe es nichts Schönes zu sehen – keine Burgen etwa wie im nahe gelegenen, ebenfalls als UNESCO-Welterbe anerkannten Oberen Mittelrheintal. Das Besondere an den SchUM-Gemeinden sei ihre Fortschrittlichkeit gewesen, sagt Vernikovsky. Vor 1000 Jahren hätten die Gelehrten von Schpira, Warmaisa und Magenza fortschrittliche Gemeinden errichtet, die es verstanden, »Tradition und Modernität zu verbinden«.
Verordnungen zum Scheidungsrecht, Verbot der Vielehe und Briefgeheimnis
Einer von ihnen ist Gershom ben Jehuda: Der Rabbiner und Talmudgelehrte wirkte im 10. und 11. Jahrhundert in Mainz und traf bedeutende Verordnungen zum Scheidungsrecht, dem Verbot der Vielehe und zum Briefgeheimnis. Gelehrte wie er hätten, so der heutige Mainzer Gemeinderabbiner, eine bis in unsere Tage währende Traditionslinie begründet – »das aschkenasische Judentum in Mitteleuropa«.
Das Besondere an den SchUM-Gemeinden ist ihre Progressivität gewesen.
Den in der jüdischen Welt als »Leuchte der Diaspora« verehrten Gershom ben Jehuda kann man nach Hause mitnehmen – zumindest in Form eines Lesezeichens. Innerhalb der einem Davidstern nachempfundenen Ausstellungsarchitektur sind etliche weitere Kärtchen mit Porträtabbildungen und Kurzbiografien jüdischer Persönlichkeiten mit Bezug zum heutigen Rheinland-Pfalz verteilt.
Die 1900 als Netty Reiling in Mainz geborene Schriftstellerin Anna Seghers findet sich ebenso darunter wie der 1920 geborene Zeitzeuge Nicolaus Blättermann, der nach der Schoa die jüdische Gemeinde in Bad Kreuznach wiederaufbaute.
Jüdische Geschichte und Gegenwart
Etwas irreführend erscheint der Titel Shalom am Rhein auch, weil die Ausstellung jüdische Geschichte und Gegenwart im gesamten heutigen Rheinland-Pfalz in den Blick nimmt. Vor 80 Jahren gegründet, umspannt das »Bindestrich-Land« Teile der früheren preußischen Rheinprovinz (mit Städten wie Bad Kreuznach, Koblenz und Bitburg), einstige bayrische Gebiete wie etwa Kaiserslautern, Ludwigshafen und Speyer sowie die zuvor zu Hessen zählende Region rund um Mainz.
Entsprechend unterschiedlich waren die Erfahrungen der jüdischen Bevölkerung, wobei Vertreibung und Diskriminierung eine wiederkehrende Konstante bildeten. Und doch gab es immer wieder auch Lichtstreife.
Im zwischenzeitlich von napoleonischen Revolutionstruppen besetzten Mainz etwa galt der »Code civil«, der die rechtliche Gleichstellung der Juden wesentlich vorantrieb. Schon im 17. Jahrhundert, nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, entstanden in den ländlichen Gebieten zwischen Rhein und Mosel zahlreiche jüdische Gemeinden.
Die dörfliche und städtische Gesellschaft sei im Wesentlichen von der jüdischen Bevölkerung getragen worden, sagen die Kuratorinnen. Vom Engagement jüdischer Bürger zeugt das Louis Scheuer gewidmete Lesezeichen: Der Trierer Kaufmann, Schulbegründer und Journalist engagierte sich auch im örtlichen Karnevalsverein, in dessen Kostüm er abgebildet ist.
Eine bemerkenswerte Selbstverständlichkeit des jüdischen Lebens im Stadtbild offenbaren historische Postkarten aus Kaiserslautern, die neben Kirchen, Museen und weiteren Sehenswürdigkeiten unübersehbar die 1886 eingeweihte Synagoge zeigen.
Zaghafter Neubeginn
Sie wurde 1938, noch vor den Novemberpogromen, abgerissen. Auch in den SchUM-Städten brannten im November jenes Jahres die Synagogen. Das zeigt die Ausstellung ebenso wie den zaghaften Neubeginn nach der Schoa, als 1961 die Wiedereinweihung der Wormser Synagoge begangen wurde.
Shalom am Rhein erschöpft sich keineswegs in der Betrachtung der reichhaltigen jüdischen Geschichte an Rhein, Mosel, Nahe und Saar. Mehrere interaktive Stationen laden zum alltagsnahen Erkunden ein: So können Besucher hebräische Buchstaben erlernen und den eigenen Namen auf Iwrit schreiben, einem Video-Bot zuhören, den Kaschrut-Status diverser Speisen erfahren und die kulinarische Seite jüdischer Feiertage entdecken – samt dazugehöriger Rezepte.
Ebenso bietet die Schau Einblicke in Judentum und jüdisches Gemeindeleben, stets den regionalen Bezug wahrend. Größere Vorkenntnisse erfordert der Besuch im Mainzer Landesmuseum nicht, und auch Eingeweihte können einiges mitnehmen. Hinter dem zunächst eher archäologisch klingenden Titel verbirgt sich eine gut gemeinte und tatsächlich auch gut gemachte Ausstellung, der viele neugierige Besucher zu wünschen sind.