Roman Haller

Etwas zurückgeben

Roman Haller Foto: Christian Rudnik

»Dass ich lebe, hat mit Glück zu tun«, sagt Roman Haller. Zu diesem Glück gehört zum Beispiel auch, dass er zu den wenigen zählt, die ihren Geburtstag gleich vier Tage lang feiern können: am 7., 8., 9. und auch noch am 10. Mai.

An einem dieser Tage im Jahr 1944 wurde Roman Haller – seit 2006 Direktor der »Claims Conference Nachfolgeorganisation« – in einem Bunker im Wald bei Tarnopol geboren, einer heute ukrainischen, ehemals polnischen Stadt. 1941, nach dem Überfall auf die Sowjetunion, pferchten die Deutschen Tarnopols Juden, die ein mehrtägiges Pogrom überlebt hatten, in ein Ghetto.

Der deutsche Major Eduard Rügemer und seine Geliebte, die polnische Katholikin Irena Gut, schmuggelten zwölf Juden aus dem Ghetto heraus, darunter Roman Hallers Eltern – den Vater Lazar und die Mutter Ida, die mit Roman hochschwanger war. »Der Major und seine Geliebte hatten irgendwie ein menschliches Gefühl gegenüber den Juden«, sagt Roman Haller heute.

Bunkerloch Zuerst kamen die zwölf in der Villa unter. Als das zu gefährlich erschien, brachte das Paar sie in den Wald, in das Bunkerloch, und versorgte sie dort weiterhin. Schließlich stand die Geburt des Babys bevor. Als Geburtshelfer fand sich ein Förster. Zuvor aber musste unter den Versteckten abgestimmt und entschieden werden, ob dieses Neugeborene leben durfte oder doch besser erstickt werden sollte.

Der deutsche Major Eduard Rügemer und seine Geliebte, die polnische Katholikin Irena Gut, schmuggelten zwölf Juden aus dem Ghetto heraus, darunter Roman Hallers Eltern.

Immerhin barg es einiges Risiko, ein Baby, das sich das Schreien kaum verbieten lässt, bei sich zu behalten. Die Mehrheit sei für ihn gewesen, sagt Roman Haller einigermaßen sachlich und fügt hinzu: »Was für ein Glück.« Bei diesem Punkt seiner Lebensgeschichte will er sich dann auch nicht länger aufhalten.

Kurze Zeit nach Roman Hallers Geburt kamen die Russen und befreiten die Versteckten. Die kleine Familie landete in München und blieb dort – entgegen ersten Plänen, in die USA weiterzuziehen. Und so wurde aus Roman Haller ein Bayer »mit Lederhose und Spezln auf der Gassen«.

kindheit Nach seiner ersten Erinnerung gefragt, beschreibt Roman Haller eine Szene aus seiner Kindheit: Er reitet da auf dem Rücken eines Mannes, rupft ihm ab und zu ein paar Kopfhaare aus. »Nur die weißen!«, rief der Mann. »Aber da waren ja nur weiße«, lacht Roman Haller. An dem Mann – der kleine Roman nannte ihn »Opa« – habe er sehr gehangen, und man ist geneigt zu sagen: »Wie könnte es auch anders sein?« War der »Opa« doch niemand anderer als Eduard Rügemer.

Die Eltern hatten ihn ausfindig gemacht, woraufhin der einstige Retter, dem die Hallers ihr Leben verdankten, zu ihnen nach München zog. Auch mit Irena Gut sollte Roman Haller Jahre später wieder zusammentreffen. »Sie lebte bei Los Angeles, hat einen Brief an uns geschickt, ob ich der und der sei.«

Roman Haller reiste daraufhin in die USA zu einer amerikanischen TV-Show. Dort trat er als »Überraschungsgast« hinter einer Tür, die sich sehr langsam zur Seite schob, hervor, nachdem Irena dem Publikum gerade von Tarnopol und seiner Geburt im Wald erzählt hatte. »So wie die Amerikaner das halt gerne im Fernsehen machen«, sagt er.

Die Geschichte seiner Eltern, die Umstände, unter denen er geboren wurde, kamen 2009 als Theaterstück an den Broadway.

Die Geschichte seiner Eltern, die Umstände, unter denen er geboren wurde, kamen 2009 als Theaterstück an den Broadway; später wurde das Stück auch noch in England gezeigt.

Was sich durch Roman Hallers Erwachsenenleben zieht, ist der Gedanke, als bewusst lebender Jude – wie auch Bayer, Münchner und großer Israelfreund – von seinem Glück etwas zurückgeben zu wollen. So leitete er etwa viele verschiedene gemeinnützige Organisationen, war Präsident der »Krebshilfe für Israel«, Präsident der »B’nai-B’rith-Logen in Deutschland und Österreich«, Vizepräsident des Keren Hayesod München. Er ist Träger des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Seit 2006 ist Roman Haller zudem Direktor der Claims Conference Nachfolgeorganisation mit Büro in Frankfurt.

Enteignungen Ende des Jahres ist nun Schluss, denn die Arbeit sei »im Großen und Ganzen getan«, sagt Haller. »Und ich kann dann doch recht zufrieden hinter mir die Tür schließen und gehen.«

Während die Conference on Jewish Material Claims Against Germany mit Hauptsitz in New York seit den 50er-Jahren in Verhandlung mit der deutschen Regierung steht und Abkommen herbeiführt, um weltweit den Holocaust-Überlebenden in Form von Entschädigungszahlungen, sozialen wie medizinischen Diensten und vielem mehr »ein Mindestmaß an Gerechtigkeit zu verschaffen«, kümmerte sich die Nachfolgeorganisation seit Öffnung der Mauer noch einmal speziell um die Rückgabe und Entschädigung jüdischen Eigentums, das zuerst unter den Nationalsozialisten veräußert oder konfisziert, dann unter dem Regime der DDR »enteignet« worden ist.

Die Claims Conference Nachfolgeorga­nisation wird also, so steht das in den Akten, gemäß dem Vermögensgesetz, das offene Vermögensfragen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR regelt, tätig. Das klingt kompliziert, ist es auch. Roman Haller nennt das »komplex« – das gelte für jeden Fall, der auf seinem Schreibtisch landete und der Juristen, Historiker, Fachleute auf den Plan rief. Und der natürlich auch bewegte.

FRISTEN »Wenn ich zum Beispiel von einer Behörde so eine Kiste auf den Tisch gestellt bekomme, die Juden irgendwo versteckt hatten, und finde darin eine Brille, einen Brief an die Tochter, viele persönliche Dinge«, sei das sehr emotional. Roman Haller und sein Team konnten in diesem Fall die Erben finden, haben ihnen die Kiste geschickt.

Außerdem ging es bei der Nachfolgeorganisation immer wieder darum, Fristen zu verlängern. Ansprüche auf Immobilienvermögen durften ursprünglich nur bis Ende 1992 angemeldet werden. »Das war sehr, sehr knapp, für uns und auch für die Erben.« Die kamen ja aus der ganzen Welt und mussten erst einmal von der Sache, den Möglichkeiten erfahren. Und so hatte die Bundesrepublik die Claims Conference Nachfolgeorganisa-tion als Rechtsnachfolgerin für das jüdische Vermögen – privates oder das von Gemeinden oder Organisationen – eingesetzt, auf das bis Ende 1992 noch kein Anspruch angemeldet worden war.

Bei einem seiner Coups gewann er Helmut Kohl als Vermittler in einem Restitutionsstreit.

»Und wir verschoben Deadline nach Deadline, um so vielen Menschen wie möglich noch zu ihrem Recht verhelfen zu können.« Durchaus als Coup – einem unter anderen –, bei dem Roman Haller hinter den Kulissen die Fäden gezogen und ein Jahr lang Verhandlungen geführt hat, lässt sich der Fall »Karstadt-Quelle« bezeichnen.

wertheim-erben »Da ging es um Forderungen der Wertheim-Erben«, sagt Roman Haller. Die jüdische Kaufmannsfamilie war während des Dritten Reichs enteignet worden, und die Nachfolgeorganisation vertrat die Wertheims in deren Forderungen, zu denen auch der Anspruch auf ein Grundstück gehörte, das Lenné-Dreieck am Potsdamer Platz in Berlin.

Die Verhandlungen steckten fest, und da hatte Roman Haller die Idee, Altkanzler Helmut Kohl als Vermittler zusammen mit den streitenden Parteien an einen Tisch zu bringen.

»Und das hat geklappt – Kohl war da genau der richtige Mann, die richtige Autorität; und er hat das auch sehr gut gemacht«, erinnert sich Roman Haller. Es kam zu einer Einigung: Karstadt zahlte in ausreichender Höhe eine Entschädigung, und die Wertheim-Erben verzichteten dafür auf das Grundstück.

So ließe sich noch einiges erzählen. Roman Haller machen Beispiele wie dieses noch heute froh. Vor allem deshalb: »Immer, immer hatte es etwas sehr Befriedigendes, ein bisschen Gerechtigkeit zurückzubringen«, sagt Roman Haller mit einem Lächeln. Darüber ist er glücklich – auch wenn seine Tätigkeit nun endet.

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