Centrum Judaicum

»Es war einmal in Jerusalem«

Die Zeichnungen von Gabriella Rosenthal (1913–1975), in denen sie den multikulturellen Alltag im Jerusalem der ereignisreichen 40er- und 50er-Jahre darstellt, sind bereits seit Wochen in der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum zu betrachten. Für diejenigen, die sich intensiver mit der Künstlerin beschäftigen wollen, hat der Verlag Hentrich&Hentrich nun einen Katalog herausgebracht.

Was diese Publikation zu etwas Besonderem macht, sind die Texte, in denen neben Historikern und Kunsthistorikern auch Autoren zu Wort kommen, die die Künstlerin noch persönlich kannten – allen voran ihr Sohn, der frühere Berliner Gemeinderabbiner Tovia Ben-Chorin. Der mittlerweile 82-Jährige war zusammen mit seiner Frau Adina aus seinem derzeitigen Wirkungsort St. Gallen zu diesem Ereignis angereist.

PERSPEKTIVEN Im vollbesetzten Saal im Centrum Judaicum trugen die Gesprächsteilnehmer ihre individuellen Perspektiven auf die Ausstellung und deren Künstlerin vor. Kuratorin Chana Schütz erzählte, wie sie mit einem vierköpfigen Team von Ausstellungsgestaltern aus dem umfangreichen Schatz an Zeichnungen von Gabriella Rosenthal eine in sich geschlossene Werkschau zusammenstellte; die israelisch-deutsche Künstlerin Atalya Laufer ergänzte diesen Blickwinkel aus israelischer Sicht mit Geschichten aus der Zeit ihrer Großeltern.

Zum Erfolg des Abends aber trugen vor allem die lebhaft vorgetragenen Erinnerungen Ben-Chorins an seine Mutter bei, die 1935 mit ihrem Ehemann Schalom Ben-Chorin von München aus nach Palästina übergesiedelt war und ganz offenbar eine liberale und moderne Frau war. Gabriella Rosenthal malte auch am Schabbat – und geraucht hat sie da manchmal auch. Wenn der kleine Tovia protestierte, erklärte sie, dass er seine religiösen Prinzipien gern in seinem Kinderzimmer praktizieren könne, aber nicht in ihrem Atelier.

Gabriella Rosenthal war eine liberale und moderne Frau. Sie malte auch am Schabbat.

Das, was da am Zeichentisch entstand, habe sie als »orientalisch, bayerisch und bissig« bezeichnet. Dabei sie sei immer von einer großen »Liebe zu den Menschen« geleitet gewesen, erzählt Ben-Chorin. »Und zwar zu allen Menschen, unabhängig ob Juden oder Araber, ob lang ansässige sefardische Familien oder aschkenasische Einwanderer.« Sie habe zu Hause gemalt, aber auch in den Straßen von Jerusalem, und einmal habe man sie deshalb sogar kurzfristig als Spionin inhaftiert.

KONFLIKTE Tovia Ben-Chorin erinnert sich, als in den 40er-Jahren noch Postkarten von Freunden und Verwandten aus Theresienstadt eintrafen – auf einer stand, dass man jetzt an einen Ort gebracht werde, von wo man keine Postkarten mehr schicken könne. Später habe man erfahren, dass am Tag danach die Deportation nach Auschwitz erfolgt war – für Gabriella Rosenthal ein Grund, nie wieder deutschen Boden zu betreten. Auch nicht, als ihre Heimatstadt München eine Ausstellung mit Werken drusischer Kinder veranstaltete, denen sie Zeichenunterricht erteilt hatte.

Tovia Ben-Chorin schildert seine Mutter gleichermaßen als jüdische Bohémien wie als leidenschaftliche Zionistin. Ihre Bilder hätten zwar keine politische Aussage, wohl aber sei aus ihnen herauszulesen, dass es ihr in einer Zeit von Konflikten wichtig war zu betonen, dass es nie ums Rechthaben gehen darf. Vielmehr sei sie bemüht gewesen zu ergründen, was den jeweils anderen blockiert, um einander zu verstehen.

Tovia Ben-Chorin schildert seine Mutter gleichermaßen als jüdische Bohémien wie als leidenschaftliche Zionistin.

Zum Erstaunen seines Publikums verriet Tovia Ben-Chorin, dass seine Mutter bezüglich ihrer Kunst keineswegs über großes Selbstbewusstsein verfügt habe. Sie habe sich gar einmal als einen »Mülleimer von Informationen« bezeichnet. Bei einem anschließenden von ihm kommentierten Rundgang durch die Ausstellung wurde deutlich, dass dies nur einer schwer nachvollziehbaren Selbstunterschätzung geschuldet sein konnte.

Solche und andere sehr persönliche Erinnerungen des Sohnes wie auch der Schwiegertochter Adina an die bayerisch-israelische Künstlerin Gabriella Rosenthal finden sich im Katalog neben anderen lesenswerten Texten und dem Abdruck der ausgewählten Zeichnungen. Die Originale können im Centrum Judaicum noch bis zum 22. Oktober besichtigt werden.

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