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»Es müssen noch viele Geschichten erzählt werden«

Religionswissenschaftler und Judaist Frederek Musall Foto: Brigitte Jähnigen

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»Es müssen noch viele Geschichten erzählt werden«

Die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg veröffentlicht »Mekka und Jerusalem« auf Hebräisch, Arabisch, Türkisch und Russisch

von Brigitte Jähnigen  03.08.2022 09:19 Uhr Aktualisiert

Seit 2019 wird an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg (HfJS) der Wissenschaftspodcast »Mekka und Jerusalem« produziert. In zwölf Folgen erfahren Hörerinnen und Hörer aus einem breiten Themenspektrum beider Kulturen von Essen und Identität bis hin zu jüdisch-muslimischen Verflechtungen in der Philosophie. Das Podcast-Team setzt sich zusammen aus Beyza Arslan, Jana Schilling, Johannes Becke und Frederek Musall.

Um den Podcast einem noch größeren Publikum bekannt zu machen, sind nun vier internationale muttersprachliche Folgen veröffentlicht worden. Auf Hebräisch, Arabisch, Türkisch und Russisch geben sie wie die anderen einen Überblick zum Thema »Jüdisch-muslimische Beziehungen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft«.

migration »Wir leben in einer Gesellschaft, die durch Migration geprägt ist«, erklärt Frederek Musall. Für ein friedvolles Miteinander und gegen die Entstehung von Parallelgesellschaften sei es wichtig, dass Menschen durch ein zeitgenössisches Medium voneinander erführen, so der Professor für Jüdische Philosophie und Geistesgeschichte an der HfJS.

Juden wollten sich nicht auf den Holocaust und den Nahost-Konflikt reduzieren lassen, deutsche Muslime nicht auf Salafisten und Terroristen. »Dagegen wollen wir uns durch anspruchsvolle, unterhaltsame Wissensvermittlung wehren, ausbrechen aus Stereotypen«, sagt Musall. Für die neuen Folgen habe man auf vorhandenes Material zurückgegriffen, Interviews und Einspielungen zu jüdisch-muslimischen Themen. »Unser Best of«, wie Musall betont.

Die Herausforderungen der muttersprachlichen Podcasts bestünden darin, keine reinen Übersetzungen aus dem Deutschen anzubieten.

Die Herausforderungen der muttersprachlichen Podcasts bestünden darin, keine reinen Übersetzungen aus dem Deutschen anzubieten, sondern in die Übertragungen »kulturelle Feinfühligkeiten« wie den jeweiligen Sprachrhythmus einzubringen. Nicht im Visier der Folgen stehe die übertriebene Betonung der Gemeinsamkeiten von Kulturen. »Ständig auf Gemeinsamkeiten zu pochen, bringt im Konfliktfall nichts«, so Musall.

diskussionskultur Gewollt sei eine lebendige Diskussionskultur auf der Basis von Wissen. Wie aber vermittelt man Dinge, die einem anderen völlig fremd sind? »Als Erstes zeige ich die Unterschiede, das irritiert, ist aber auch spannend.« Pädagogisches Prinzip sei es, daraus einen gewissen Lerneffekt zu erzielen.

Der Judaist nennt als Beispiel die religiösen Speisegesetze. Nicht wenige Menschen glaubten, halal und koscher seien dasselbe, doch das stimme so nicht. Die Unterschiede zu kennen, könne den Umgang im Alltag erleichtern. Eine andere Frage sei die Stellung der Frau in der muslimischen und jüdischen Gemeinschaft. »Orthodoxe Frauen tragen in beiden Kulturen Kopfbedeckungen, doch das Thema ist so komplex, dass es differenzierter erzählt werden muss«, sagt Musall.

Vieles in den jeweiligen Lebenswelten bleibe für manche womöglich komplett unverständlich.

Und vieles in den jeweiligen Lebenswelten bleibe für manche womöglich komplett unverständlich. Das sei aber nicht »exotisch«. Es ginge vielmehr um die Normalisierung von »Anderssein«. Und er hoffe, dass sich über das Medium Podcast auch neue Studierende für die Studiengänge an der Hochschule interessieren. »Der jüdisch-muslimische Dialog ist nicht auf den Nahost-Konflikt oder das goldene Zeitalter in Spanien beschränkt«, so Musall.

reaktionen Kennt der Wissenschaftler Reaktionen auf die bisherigen Folgen? »In den sogenannten sozialen Medien äußern sich die User bereits – und nicht nur positiv. Aber es ist nicht unser Anliegen, uns nur Freunde zu machen«, bringt es Musall selbstbewusst auf den Punkt.

Bisher wurde das Projekt vor allem durch die VolkswagenStiftung, den Verein »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« und die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« finanziert. Doch die Förderung läuft aus, Verhandlungen mit neuen Sponsoren werden geführt. »Uns brennen noch viele Themen unter den Nägeln«, sagt Frederek Musall. Und nennt als Beispiel bereits bestehende jüdisch-muslimische Projekte der Zusammenarbeit in Baden-Württemberg sowie die jüdische und muslimische Migration.

»Da gibt es ziemlich verfestigte Bilder und Vorstellungen, die nicht stimmen«, so der Wissenschaftler. Die Migration muslimischer Menschen habe nicht erst 2015 begonnen. Gastarbeiter aus der Türkei etwa kamen schon in den 60er-Jahren, und – wenig bekannt – manche waren jüdisch. »Es müssen noch viele Geschichten erzählt werden«, ist Frederek Musall überzeugt.

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