Brit Mila

Es kommt noch was nach

Die Debatte um die Beschneidung hat die Gemeindemitglieder tief verunsichert – auch jetzt bleibt noch ein letzter Zweifel. Foto: dpa

Das ist noch einmal gut gegangen: Am 12. Dezember ist das Gesetz zur Beschneidung von Jungen mit großer Mehrheit vom Bundestag beschlossen worden. Ein halbes Jahr der Unsicherheit liegt hinter den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Seit im Mai 2012 das Landgericht Köln entschied, die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen sei Körperverletzung, war nichts mehr so wie vorher.

Es ging für die muslimischen und jüdischen Bürger Deutschlands um viel mehr als um die Frage, was Eltern für ihre Kinder entscheiden dürfen. Für sie rührte das Kölner Verdikt an die Grundlagen ihres Selbstverständnisses. »Es ging um die Frage: Wie sieht unsere Zukunft in Deutschland aus?«, fasst Benzion Wieber, Geschäftsführer der Synagogen-Gemeinde Köln, die Stimmung der vergangenen Monate zusammen.

Teil der Gesellschaft Das bestätigt auch Ruth Röcher. Die Entscheidung des Landgerichts habe sie den ganzen Sommer und Herbst über sehr beschäftigt und aufgeregt, berichtet die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz. Bisher habe sie immer betont, dass die jüdischen Gemeinden Teil der deutschen Gesellschaft seien. »Aber wäre die Beschneidung verboten worden, hätte ich ganz anders reden müssen. Dann hätten wir hier keinen Platz. Dann brauchen wir in diesem Land gar nichts: keine Synagogen, keine Kindergärten. Wozu sollten wir uns hier eine Zukunft aufbauen?«

Das neue Beschneidungsgesetz regelt das Recht, Knaben auch aus nichtmedizinischen Gründen beschneiden zu lassen, und wird künftig im Sorgerecht verankert. In den ersten sechs Lebensmonaten eines Jungen dürfen auch fachlich versierte Religionsvertreter – Mohalim – die Zirkumzision durchführen. »Ein wahres Chanukkawunder« sei der Abgeordnetenbeschluss, findet der liberale Münchner Rabbiner Tom Kucera.

Jetzt herrscht überall in den jüdischen Gemeinden große Erleichterung. Der Leipziger Rabbiner Zsolt Balla spricht vielen aus dem Herzen, wenn er sagt: »Ich freue mich, dass die Beschneidung möglich ist, und dass die Regierung die Details geklärt hat. Es liegen schwere Monate hinter uns. Die Beschneidungsdebatte war sehr anstrengend.«

Auch wenn das Gesetz noch vom Bundesverfassungsgericht überprüft werden kann, ist jetzt der Druck von Eltern genommen, die monatelang in einer juristischen Grauzone lebten und sich deshalb entweder gegen eine Brit Mila entschieden oder mehr oder weniger heimlich beschneiden ließen.

Unsicherheit Ruth Röcher wurde im Frühsommer – just als die Beschneidungsdebatte losging – von einer jungen Frau aus ihrer Gemeinde informiert, dass sie im Oktober einen Sohn erwarte und eine Brit Mila wünsche. Die Ankündigung stürzte die Gemeindevorsitzende in Verunsicherung. »Ich hatte wirklich meine Bedenken: Was sollten wir machen? Im Oktober war rechtlich noch alles offen.«

Sie beriet sich mit dem Mohel, Rabbiner David Goldberg aus Hof. Die Brit Mila fand statt. Allerdings ohne Ankündigung im Gemeindeblatt und nur im kleinsten Kreis. »Ich wollte auch Rabbiner Goldberg keine Probleme bereiten. Er stand ohnehin schon an vorderster Front«, erklärt Röcher. Gegen Goldberg war im Sommer Strafanzeige wegen Verdacht auf Körperverletzung gestellt worden.

Viele Gemeinden boten der Entscheidung des Kölner Landgerichts Widerstand. »Wir hatten im Vorstand beschlossen: Wenn Eltern eine Beschneidung bei uns im Hause wünschen, legen wir ihnen keine Steine in den Weg«, berichtet Nora Goldenbogen, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Dresden.

Auch Richard Bermann, Vorsitzender der Synagogengemeinde Saar, bekannte öffentlich: »Wir können von der Beschneidung nicht ablassen und wir werden auch nicht davon ablassen. Dann soll man uns eben anzeigen.« Um wenigstens den Beschneider nicht in Schwierigkeiten zu bringen, ließen die Saarbrücker zu einer Brit Mila im Sommer einen Mohel aus Straßburg kommen. Die Nähe zu Frankreich hat Vorteile.

Freie Entscheidung In Leipzig hat der Gemeindenachwuchs seine Ankunft glücklicherweise so terminiert, dass keine Konflikte drohen. Dort werden in den kommenden Wochen mehrere Babys erwartet. Die Eltern in spe können nun frei entscheiden, ob sie eine Brit Mila wollen. Für religiöse Eltern sei das ohnehin keine Frage, betont Rabbiner Balla. »Aber jetzt fühlen diese Familien sich einfach besser, weil sie nach der politischen Entscheidung sicher sein können, nicht gegen das Gesetz zu verstoßen.«

Zurück zur Normalität also, so als hätte es die Kölner Gerichtsentscheidung nicht gegeben? Nein: So einfach vergessen lässt sich die Debatte dieses Jahres nicht, da sind sich die jüdischen Gemeinden einig. Nach Meinung von Zsolt Balla öffneten die Kölner Richter eine Büchse der Pandora: »Da kommt noch was nach«, würden jetzt viele Juden in Deutschland denken. »Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass diese ›Gutmenschen‹, die die Beschneidungsdebatte entfacht haben, nicht locker lassen«, meint Richard Bermann aus Saarbrücken.

Was nach der Beschneidungsdebatte zurückbleibt, ist ein schlechter Beigeschmack. Mit der Erleichterung über die gewonnene Rechtssicherheit mischt sich Ernüchterung. Ein Stück Unsicherheit bleibt. Die Jüdische Gemeinde Dessau organisiert deshalb diese Woche eine Elternversammlung, um die irritierten Familien auf den neuesten Stand zur Brit Mila zu bringen.

Besonders schmerzhaft für die jüdischen Gemeinden sind die Anfeindungen, die die Debatte nach oben gespült hat. Negatives über Juden wurde in den letzten Monaten vielfach nicht mehr unter dem Deckmäntelchen der Anonymität geäußert, sondern ganz offiziell: in Leitartikeln und Leserbriefen, auf Facebook und bei Twitter.

Alte Ressentiments Richard Bermann ist überzeugt, dass diese antisemitische Einstellung aus der Mitte der Gesellschaft kommt: »Die Leute haben jede Scham abgelegt.« Durch das Kölner Landgerichtsurteil sähen viele ihre Vorurteile bestätigt. »Die Beschneidungsgegner haben mit ihrer Debatte einen ›schlafenden Drachen‹ geweckt – nämlich alte Ressentiments und Vorurteile gegen Juden und ihre Religion.

«Dieser Drache, der vermutlich nie so recht geschlafen hatte, zeigt seinen erschreckend hässlichen Kopf», bedauert Antje Yael Deusel, deren Sachverstand als Rabbinerin, Mohelet und Urologin in den zurückliegenden Monaten häufig gefragt war. Die Bamberger Rabbinerin kann der Geschichte aber auch Positives abgewinnen: «Nicht nur in unserer Gemeinde, sondern weit darüber hinaus hat die Debatte uns Juden näher zusammengebracht. Die Solidarität untereinander ist größer geworden.»

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