Porträt der Woche

»Es ist schön, jüdisch zu sein«

»Wenn wir alle Deutschland verlassen, wird es hier irgendwann kein gelebtes Judentum mehr geben«: Julia Markhovski (23) aus Frankfurt Foto: Michael Faust

Porträt der Woche

»Es ist schön, jüdisch zu sein«

Julia Markhovski wuchs zweisprachig auf und fand ihre Identität

von Eugen El  01.03.2026 16:40 Uhr

Als Heranwachsende hatte ich lange einen Identitätskonflikt. Im Kindergarten war es mir peinlich, wenn meine Eltern mit Akzent sprachen oder wenn wir zu Hause nicht Nudeln mit Tomatensoße aßen, sondern erst mal Suppe und danach noch Frikadellen mit Kartoffeln. Je älter ich wurde, desto besser verstand ich, was meine Eltern als Kontingentflüchtlinge durchgemacht hatten.

Mein Identitätskonflikt hat sich dann zu einem Stolz gewandelt, weil man sieht, was sie auf sich genommen haben. Heute sehe ich es als Privileg, zweisprachig aufgewachsen zu sein – und jetzt vier Sprachen fließend zu sprechen: Russisch, Deutsch, Englisch und Französisch.

Geboren wurde ich 2002. Bis zu meinem elften Lebensjahr lebten wir in Hochheim am Main, dann sind wir nach Wiesbaden umgezogen. Meine Eltern kommen aus Kyjiw, zu Hause sprechen wir Russisch. Sie reisten 1992 nach Deutschland aus und landeten zunächst in der Aufnahmeeinrichtung Unna-Massen in Westfalen.

Meine Mutter ist Mathematikerin und mein Vater Ingenieur.

Dann zogen sie nach Köln, wo meine älteren Brüder auch den jüdischen Kindergarten besuchten. Sie sind Zwillinge und wurden 1990 in Kyjiw geboren. Ich habe außerdem noch einen kleinen Bruder, der dieses Jahr 18 Jahre alt wird. Meine Mutter ist Mathematikerin und mein Vater Ingenieur. Sein Studienabschluss wurde anerkannt, und er hat in Deutschland promoviert. Meiner Mutter fehlte das letzte Jahr ihres Moskauer Mathematikstudiums – also hat sie in Köln zu Ende studiert und ihren Abschluss gemacht. Sie sind beide berufstätig.

In Wiesbaden sind wir einige Male in der Gemeinde gewesen. Einmal gingen wir mit meiner Mutter und meinem kleinen Bruder an Rosch Haschana in die Synagoge. Unsere Besuche waren aber eher unregelmäßig. Mittlerweile besucht meine Mutter an Jom Kippur die Synagoge, und an Rosch Haschana backt sie eine runde Challa. Ich merke da schon einen Wandel. Am Freitagabend haben wir immer im Familienkreis zu Abend gegessen. Meinen Eltern war es wichtig, die Arbeitswoche auf diese Weise abzuschließen, der religiöse Aspekt war dabei eher zweitrangig. Nichtsdestotrotz war das gemeinsame Essen am Freitagabend immer etwas Besonderes.

Mein Opa väterlicherseits hat zu Hause noch Jiddisch gesprochen. Die Feiertage und Traditionen waren ihm aber wahrscheinlich nicht mehr so präsent. Unsere letzten noch in der Ukraine verbliebenen Verwandten sind nach dem russischen Überfall von dort geflohen: Die ältere Schwester meiner Großmutter väterlicherseits und ihr Mann standen auf einer Evakuierungsliste, weil sie über 90 Jahre alt sind. Weil es aber letztlich nicht nach Listen, sondern eher nach Ellenbogen ging, sind sie später als eigentlich geplant aus der Ukraine rausgekommen. Die ältere Schwester meiner Großmutter lebt heute im Elternheim der Synagogen-Gemeinde Köln, ihr Mann ist inzwischen verstorben.

Ich mag es nicht, wenn man uns Juden in eine Opferrolle steckt.

Unmittelbar nach meinem Abitur im Jahr 2020 an der Gutenbergschule in Wiesbaden begann ich mein Bachelorstudium der Wirtschaftsinformatik an der privaten Frankfurt School of Finance & Management. Der Studiengang war eine Kooperation mit der DZ Bank: An drei Tagen in der Woche habe ich studiert, an weiteren drei Tagen ging ich arbeiten. Dadurch habe ich ein wirtschaftliches Verständnis bekommen, und es hat mir die Angst vor der Arbeitswelt genommen.

Als im September 2020 mein erstes Semester begann, war das Studium noch vor Ort möglich. Immerhin konnte ich meine Kommilitonen persönlich kennenlernen – im Gegensatz zu vielen anderen Studenten. Freunde berichten, dass sie in der Pandemie teilweise vereinsamt sind, weil sie niemanden aus dem Studium kannten. Das zweite Semester ab Februar 2021 fand auch bei uns komplett online statt. Im Sommer 2021 lernte ich auf einem Schabbaton in Frankfurt meinen heutigen Verlobten kennen. Er war damals im Vorstand des Verbands Jüdischer Studierender Hessen (VJSH). Durch ihn habe ich dann erst mitbekommen, dass es solche studentischen Organisationen gibt.

Die Machanot haben mir sehr viel mitgegeben.

Und so bin ich ins Engagement reingerutscht: Heute bin ich Sprecherin der VJSH-Regionalgruppe Frankfurt am Main. Wir haben drei Regionalgruppen: Marburg, Frankfurt und Darmstadt – weil dort einfach die meisten Studenten konzentriert sind. Wir organisieren jeden Monat Regionalgruppentreffen und bemühen uns, neue Mitglieder zu werben und aktuelle Mitglieder zu halten. Hin und wieder trete ich zudem als Rednerin auf: So sprach ich unlängst auf einer Gedenkveranstaltung zum 27. Januar in der Frankfurter Katharinenkirche sowie bei der Landesdelegiertenversammlung des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS).

Stellenwert von Fleiß und Lernen

Ich mag es nicht, wenn man uns Juden in die Opferrolle steckt. Wenn ich zu einem nichtjüdischen Publikum spreche, versuche ich zu vermitteln, wie schön es ist, jüdisch zu sein. Ich erkläre auch, was es bedeutet, in Deutschland als Tochter von Kontingentflüchtlingen aufzuwachsen, und woher der Stellenwert von Fleiß und Lernen kommt. Natürlich lasse ich nicht aus, dass das jüdische Leben hierzulande bedroht ist. Dabei mache ich aber deutlich, dass Antisemitismus sich nicht nur gegen das Judentum richtet, sondern gegen die gesamte Demokratie.

Mit 14 bin ich zum ersten Mal auf ein Machane mitgefahren – von 2016 bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie. Die jungen Menschen, die ich dort traf, sind meine besten Freunde geworden. Wir haben schon früh gelernt, Fernbeziehungen und Freundschaften aufrechtzuerhalten. In jeder großen Stadt in Deutschland kenne ich junge Menschen, mit denen man sich treffen und bei denen man auch unterkommen kann.

Die Machanot haben mir sehr viel mitgegeben. Sie haben mir geholfen, meinen Identitätskonflikt zu überwinden – weil man weiß, dass man nicht alleine ist, und mit jungen Menschen, die ähnliche Erfahrungen teilen, darüber spricht. Dann steht man auch mehr zur eigenen Identität.
Meine persönliche Definition des Judentums ist vielseitig: Tradition und Zugehörigkeit gehörten immer dazu.

Meine Masterarbeit schreibe ich zur Früherkennung von nicht-kleinzelligem Lungenkrebs.

Seit dem 7. Oktober 2023 ist die religiöse Komponente deutlich intensiver geworden. Denn wenn meine Generation das Judentum nicht lebt, dann stirbt es irgendwann aus. Vor allen Dingen, wenn man sich anschaut, wer noch in die Synagogen geht: Das ist eben nicht meine Generation, sondern es sind eher Ältere. Wenn wir alle Deutschland verlassen, dann wird es hier irgendwann kein gelebtes Judentum mehr geben.

Nach meinem Bachelorabschluss im Januar 2024 wollte ich mich stärker auf Theorie fokussieren und schrieb mich an der Universität Mannheim für Data Science ein, einen Studiengang der Fachbereiche Mathematik und Informatik. Derzeit schreibe ich meine Masterarbeit zur Früherkennung von nicht-kleinzelligem Lungenkrebs. Ich trainiere verschiedene KI-Modelle, die auf Basis von Computertomografie-Bildern oder Radiologiebefunden – oder einer Kombination aus beidem – eine Früherkennung von Tumoren leisten.

Ich habe lange überlegt, ob ich promovieren soll, um in die Forschung zu gehen und das medizinische Thema noch weiter auszuarbeiten. Ich schwanke allerdings noch. Künftig möchte ich auf jeden Fall etwas Quantitatives machen, also mit Modellen arbeiten – sei es bei einer Bank oder vielleicht in der Pharmaindus-trie. Dann könnte ich direkt an das Thema meiner Masterarbeit anknüpfen.

Hochzeit im September, aber wo wollen wir künftig leben?

Im September werde ich heiraten. Mit meinem Verlobten spreche ich die ganze Zeit über die Frage, wo wir künftig leben möchten. Meine wichtigsten Kriterien sind jüdisches Leben und Bildungsmöglichkeiten für die Kinder. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, in die Vereinigten Staaten zu gehen – vielleicht aber nur solange wir noch keine Kinder haben, da mich das dortige Bildungssystem nicht ganz überzeugt.

Wir haben auch an die Schweiz gedacht, Wien käme eventuell infrage. Wo ich mich in zehn Jahren sehe? Ich werde weiterhin verheiratet sein, als Mutter mehrerer Kinder. Ich bin mit drei Geschwistern aufgewachsen, also würde ich auch gerne viele Kinder haben – bis zu fünf könnte ich mir vorstellen.

Aber einmal freue ich mich, beim diesjährigen Jugendkongress in Hamburg Freunde wiederzusehen. Ich fahre aber auch dorthin, um etwas aus dem politischen und gesellschaftlichen Bereich zu lernen. Und natürlich auch, um gemeinsam Schabbat und die JuKo-Party am Samstagabend zu feiern.

Aufgezeichnet von Eugen El

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