Brit mila

Es ist ein Junge

Vor dem Schnitt empfohlen: ein Tropfen Wein fürs Kind Foto: Flash 90

Der Gynäkologe zieht das Ultraschallgerät überrascht zurück. »Wollen Sie keinen Jungen?« Die junge Mutter stammelt rasch: »Doch, doch, natürlich!«, verlässt die Praxis aber dennoch mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ein Junge – das bedeutet für die säkulare Jüdin, sich Gedanken über eine Beschneidung machen zu müssen. Oder aber, ein jüdisches Kind ohne Brit Mila aufwachsen zu lassen. Das kommt für sie aber eigentlich nicht infrage.

Die nächsten Tage verbringt die Frau vor dem Computer und surft im Internet. Abgesehen vom religiösen Aspekt – was bedeutet eine Brit für das Kind? Welche Schmerzen muss es erdulden?

undramatisch Sie lässt ihren Sohn beschneiden, denn das Pro überwiegt das Contra. »Und ich habe es auch nicht bereut«, sagt die Mittdreißigerin heute. »Die Heilung verlief so schnell und undramatisch – und wenn er sich später entscheidet, sein Judentum religiös leben zu wollen, steht dem zumindest nicht der Gang zum Urologen im Wege.« Doch nach dem Kölner Urteil ist das jetzt nicht mehr so einfach möglich.

Die Offenbacherin Judith hatte bei ihrem dritten Sohn – dessen Vater kein Jude ist – auf eine Brit verzichtet. »Beim Duschen und Waschen hat der Kleine immer geweint«, erinnert sie sich. »Ich habe mir so oft gewünscht, ich hätte ihn auch beschneiden lassen.« Sie würde jeder Mutter dazu raten.

»Ich habe nicht das Gefühl, dass ich meinem Sohn mit der Brit Mila etwas angetan habe«, sagt auch Polina Lissermann, Präsidentin von »Jewish Experience«. Beim Schnitt habe der Kleine einen Tropfen Wein bekommen, danach »habe ich ihn gestillt, das ist sowieso die beste Beruhigung«, sagt die junge Juristin. Sorgen wegen des Weins habe sie sich nicht gemacht. »Unter Juden ist Alkoholismus ja nicht gerade weit verbreitet, da wird offensichtlich nichts geprägt«, sagt Lissermann lachend.

Die Hebamme, die in den ersten zehn Tagen nach der Geburt kommt, habe auch die Nachsorge durchgeführt. »Das war für den Kleinen offensichtlich alles schmerz- und problemlos, wir haben ihm nicht einmal ein Paracetamol-Zäpfchen oder sowas geben müssen«, sagt Lissermann. Nach drei Tagen sei alles verheilt gewesen – bei Säuglingen gehe das ja zum Glück sehr schnell.

Heilungsprozess Ganz im Gegensatz zu älteren Kindern – oder, wie von den Gesetzeshütern neuerdings vorgeschlagen, bei Erwachsenen. »Ich kenne Männer, die sich im Erwachsenenalter haben beschneiden lassen«, sagt Sarah Neumann, jüngste Tochter des Darmstädter Gemeindevorsitzenden. »Das war ein sehr schmerzhafter Heilungsprozess.«

Bei den Brit ihrer Neffen habe sie hingegen »weder den Moment des Beschneidens noch die Heilung als belastend für das Kind« erlebt. Für die Schwangere, die im August ihr erstes Kind erwartet, steht deshalb auch fest, dass es bei einem Sohn eine Brit geben wird. »Dies stand für mich nie zur Diskussion! Das gehört einfach zur Tradition, und das lasse ich mir von keinem Gericht verbieten«, sagt Neumann mit Vehemenz.

So sieht es auch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland: »Die Beschneidung ist für das Judentum seit jeher ein unverzichtbarer Bestandteil. Schätzungsweise fast eine Milliarde Männer weltweit sind beschnitten, meist aus religiösen, kulturellen oder präventiv gesundheitlichen Gründen, aber wohlgemerkt in der Regel ohne medizinische Indikation – handelt es sich hier um millionenfache Körperverletzung?«, fragen die Rabbiner.

Laut Studien, für die afrikanische Länder wie Kenia oder Ruanda herangezogen wurden, haben beschnittene Männer ein deutlich vermindertes Risiko, an Aids zu erkranken. So hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur »Verhütung von Aids und zu anderem gesundheitlichem Nutzen« ein Handbuch zur frühkindlichen männlichen Beschneidung unter lokaler Betäubung herausgegeben.

Dennoch: »Mit dem vom Kölner Landgericht gefällten Urteil macht sich eventuell jeder an einer Beschneidung direkt Mitwirkende strafbar«, moniert die Rabbinerkonferenz. Quittieren die Mohalim nun ihren Dienst? »Mitnichten«, weiß Polina Lissermann. Das Thema sei auch beim »Drei-Rabbiner-Wochenende« von Jewish Experience in Frankfurt ein großes Thema gewesen. Die Mohalim würden schon allein deshalb weiter ihren Dienst tun, damit niemand mit seinem Neugeborenen ins Ausland reisen müsse. Und weil ein unbeschnittener Jude beispielsweise nicht zur Tora aufgerufen werden oder bei einem Seder mitmachen darf.

Mizwa So gestaltet sich auch für Neumann die Suche nach einem Mohel relativ einfach. »Man darf sich erst nach der Entbindung festlegen«, weiß Neumann. Zwei oder drei Mohalim seien aber schon in der engeren Auswahl – deren Pläne müssten ja schließlich auch mit dem Geburtstermin vereinbar sein.

Und wie wird der Mohel für seine Tätigkeit entlohnt? »Eigentlich nicht, denn das ist eine Mizwa«, sagt Lissermann. Es sei aber üblich, dem Mohel »etwas« zu geben und auch dessen Reisekosten zu übernehmen. Wenn die Familie kein Geld hat, sammelt die Gemeinschaft.

Schließlich sei es allen wichtig, dass »das Kind gleich von Anfang an seine Identität bekommt«, meint Lissermann. Bleibe dies verboten, schränke es das Erziehungsrecht der Eltern ein. Sie könne zwar nachvollziehen, argumentiert die Juristin, dass die Beschneidung als Körperverletzung gewertet werde, die Frage laute aber, ob es dafür eine Rechtfertigung gibt, sodass die Gesellschaft es dulden muss.

Berlin

Orden Pour le mérite begrüßt Wolf Biermann als neues Mitglied

Die Künstler- und Gelehrtenvereinigung Pour le mérite trifft sich am Wochenende in Berlin zu ihrer Jahrestagung. Dabei werden neue Mitglieder in den exklusiven Kreis aufgenommen

 26.05.2026

Führung

Open-Air-Ausstellung zum jüdischen Leben in Erfurt

Ab Freitag führt ein Rundgang auf 19 Stationen durch das historische jüdische Viertel Erfurts und verbindet Geschichte mit digitalen Angeboten

 26.05.2026

Dresden

Wegen Betrugs und Geldwäsche: Bewährungsstrafe für Rabbiner

Das Amtsgericht Dresden hat sein Urteil gesprochen: Ein 41-jähriger Rabbiner wurde der Beihilfe zum Betrug für schuldig befunden

 26.05.2026

Porträt der Woche

Flucht und Ankunft

Manfred Eisner erzählt vom Exil und seinem neuen Leben in einem kleinen Dorf

von Heike Linde-Lembke  24.05.2026

Ausstellung

Dynamik des Schreckens

Die Jewish Claims Conference und die Französische Botschaft in Berlin zeigen bislang verschollene Aufnahmen vom Beginn der Schoa im Vichy-Regime

von Alicia Rust  24.05.2026

München

Intensiver Austausch

Zum zweiten Mal fand in der Israelitischen Kultusgemeinde die Zusammenkunft der Europäischen Rebbetzinnen-Konferenz statt

von Vivian Rosen  24.05.2026

Erinnerung

Ein verlorener Ort der Geborgenheit

Yael Neeman sprach im Jüdischen Gemeindezentrum über das Leben im Kibbuz

von Nora Niemann  24.05.2026

Berlin

Mahnmal für zerstörte Synagoge beschmiert

Die Sachbeschädigung des Mahnmals am Lindenufer sei am Mittwochmorgen über die Internetwache der Polizei Berlin angezeigt worden

 21.05.2026

Berlin

Zentralrat der Juden distanziert sich von Itamar Ben-Gvir

Ein Video des rechtsextremen israelischen Ministers sorgt weltweit für Empörung. Auch die Vertretung der Juden in Deutschland äußert sich

 21.05.2026