Köln

Es geht weiter

Bei der Vorstellung der beiden Initiativen in Köln: Mirna Funk, Abraham Lehrer und Sylvia Löhrmann (v.l.) Foto: Stefan Laurin

Das Jubiläumsjahr 2021, das Jahr, in dem 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert wurden, geht zu Ende. Als eine der letzten Aktionen wurde am Donnerstag vergangener Woche ein Plakatmotiv vorgestellt, das daran erinnern will, wie stark Juden Deutschland geprägt haben und es bis in die Gegenwart tun.

Die U-Bahn-Haltestelle unter dem Heumarkt, nur weniger Meter vom Rhein entfernt, war ein eher ungewöhnlicher Ort, um ein Plakat vorzustellen. Aber wie das gesamte Festjahr prägt die Corona-Pandemie auch dessen Ende, und so kamen Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Sylvia Löhrmann, die Generalsekretärin des Vereins »321«, der das Festjahr organisiert hat, und die Schriftstellerin Mirna Funk an diesem zugigen, aber unter Infektionsgesichtspunkten idealen Ort zusammen.

BILANZ Lehrer zog eine erste Bilanz des Festjahres. »Mehr als 2300 Veranstaltungen sind in unserem Kalender eingetragen, und die Dunkelziffer ist mit Sicherheit um einiges höher. Ich habe mit einer solchen Beteiligung nicht gerechnet«, sagte der Zentralratsvize.

Die Gesellschaft sollte über dieses Festjahr in möglichst vielen Bereichen Einblick in jüdische Leben erhalten, Standpunkte und Riten kennenlernen, Praxis und Besonderheiten des Judentums erfahren können und, soweit möglich, einfach einen Juden treffen und persönlich sprechen. »Letzteres«, sagte Lehrer, »ist beim Verhältnis 100.000 registrierter Gemeindemitglieder zu 83 Millionen Menschen in Deutschland nicht ganz einfach zu realisieren.«

Das Festjahr hat auch die jüdische Community zusammengebracht.

Das klinge wie ein Schlussstrich, sagte der Vizepräsident des Zentralrats, aber als Kind von Schoa-Überlebenden wolle er keinen Schlussstrich ziehen. »Es muss uns bewusst sein: Auch Jahrhunderte vor der Schoa gab es Pogrome, Verfolgung bis hin zur Ermordung von Juden. Aber Namen wie Moses Mendelssohn, Leo Baeck, Martin Buber und Franz Rosenzweig, Heinrich Heine und Franz Kafka, Sigmund Freud und Albert Einstein, Albert Ballin und Walther Rathenau haben mal kürzer, mal länger in Frieden und Eintracht mit ihrer nichtjüdischen Umwelt gelebt.« Solch herausragende Namen hätten einen absolut positiven Einfluss auf die Entwicklung der Gesellschaft und des Staates genommen.

FRAUENRECHTLERIN Das Plakat, eine der letzten Aktionen des Festjahrs 2021, zeigt neben dem Physiker Albert Einstein weitere dieser herausragenden jüdischen Persönlichkeiten: Die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim, die auch an der Gründung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) beteiligt war, den Fußballpionier und DFB-Mitgründer Walther Bensemann und, einen Bogen in die Gegenwart schlagend, die Schriftstellerin und Journalistin Mirna Funk sowie den Rapper und Buchautor Ben Salomo.

Viele Beispiele für das, was Juden für die Gesellschaft getan hätten, seien in Vergessenheit geraten, sagte Lehrer: »Im Jahr 2019 haben die Bahnhofsmissionen ihr 125. Jubiläum gefeiert. Erst in Vorbereitung dieses Festes habe ich erfahren«, berichtet er, »dass es schon um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert jüdische Bahnhofsmissionen gegeben hat. Solche positiven Sachverhalte müssen wir öffentlich machen.«

Wer habe denn noch Kenntnis davon, dass das jüdische Krankenhaus im Kölner Stadtteil Ehrenfeld bis zur Zwangsschließung durch die Nazis sehr bekannt und beliebt war? Dort wären bedürftige und arme Menschen unabhängig von der Konfession kostenlos behandelt worden.

KERNANLIEGEN Sylvia Löhrmann sagte, Sinn des Plakates sei es, an ungewöhnlichen Orten wie U-Bahnhöfen auf ein Kernanliegen des Festjahres aufmerksam zu machen – »deutlich zu machen, dass jüdisches Leben dazugehört, und zwar schon lange«.

Was dieses Plakat auch zeige, sei, dass das Judentum konstitutiv sei, es einfach zu Deutschland dazugehöre. In der Wissenschaft, im Sport, in der Kultur, im Journalismus und in der Musik. Mirna Funk erzählte, sie habe erst durch die Mitarbeit beim Festjahr davon gehört, dass es seit 1700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland gebe. »Vielen, mit denen ich in den vergangenen Monaten gesprochen habe, war diese Zahl vollkommen unbekannt.«

Erst durch das Festjahr sei sie ihnen ins Bewusstsein gerufen worden. Als Teil der Jury hätte sie viele Veranstaltungsideen abgelehnt. »Ich war die große Neinsagerin«, erzählt Funk lachend. »Es war mir wichtig, den Fokus darauf zu legen, was heute jüdisches Leben ausmacht, und auch zu zeigen, dass es 1945 nicht endete, sondern weitergeht.«

PODCAST Sie sei im Rückblick dankbar für all die tollen Projekte, die sie gemeinsam mit den anderen Jurymitgliedern ausgewählt habe. »Ich bin aber auch dankbar für den Podcast, den ich im Rahmen des Festjahres habe machen können.«

Sie selbst habe durch die Gespräche mit den verschiedenen jüdischen Protagonisten, durch die Teilnahme an Diskussionsrunden und Veranstaltungen sehr viel gelernt.

»Dieses Festjahr«, sagte Funk, »war nicht nur wichtig für die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft, um Dinge zu lernen, über die sie noch nichts wusste, sondern auch für Jüdinnen und Juden«. Es habe die jüdische Community zusammengebracht: »Weil wir uns immer wieder begegnet sind, hat uns das auch gestärkt.«

AKTION Nicht nur Abraham Lehrer und Mirna Funk hielten sie in Köln mit beiden Händen fest, in ganz Deutschland sind sie seit dem 11. Dezember immer häufiger zu sehen: 1700 Flaggen werben mit dem Spruch »Auf das Leben« – eine Übersetzung des hebräischen Trinkspruchs »Le Chaim« – für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus.

Es ist wohl die letzte spektakuläre Aktion des Jubiläumsjahres 2021, in dem an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland erinnert wurde. Am 11. Dezember 321 erließ der römische Kaiser Konstantin ein Edikt, dass Juden Ämter in den römischen Stadträten bekleiden durften. Da der 11. Dezember in diesem Jahr ein Schabbat war, wurden die Flaggen teilweise schon vor dem 11. Dezember gehisst.

Auch in den sozialen Medien zeigten viele Menschen und Organisationen Flagge.

Die 1700 Fahnen hängen an Landtagen, Rathäusern, an den Büros der demokratischen Parteien, Synagogen, Kirchen, Universitäten, Museen, Bildungseinrichtungen und bei Privatpersonen.

Aber auch in den sozialen Medien zeigten viele Menschen und Organisationen Flagge: Die Stadt Bochum postete ein Foto des alten Rathauses, an dem drei Flaggen in der Wintersonne hingen, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hatte sie vor dem Landeshaus in Münster gehisst, und auch in Berlin am Sitz des Zentralrats der Juden in Deutschland war sie zu sehen.

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