Frankfurt

»Es beklemmt mich mehr, als ich sagen kann«

Sascha Lobo war einer der Diskutanten. Foto: screenshot

Die Stimmung war nachdenklich. Im Mittelpunkt des Anne-Frank-Tages 2020 stand der Antisemitismus in seinen alten und neuen Erscheinungsformen. Wegen der Corona-Pandemie fanden die Vorträge, Gespräche und Jugendangebote der Bildungsstätte Anne Frank am Montag und Dienstag digital statt.

Das Motto der seit 2017 jährlich zum Geburtstag von Anne Frank (1929–1945) ausgerichteten Veranstaltungsreihe lautete diesmal: »Es beklemmt mich doch mehr, als ich sagen kann …« Das Satzfragment schrieb das in Frankfurt geborene jüdische Mädchen im September 1942 in ihr Tagebuch, als ihre Familie bereits im Amsterdamer Hinterhaus-Versteck lebte.

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Ein aktuelles Diskussionsthema lieferten die jüngsten, gegen die Anti-Corona-Maßnahmen gerichteten Demonstrationen und die dort kursierenden Parolen. Über »Verschwörungsmythen und Antisemitismus« sprachen am Montagnachmittag der Literatur- und Kulturwissenschaftler Michael Butter, die Soziologin und Journalistin Veronika Kracher sowie der Psychologe Tom Uhlig.

Verschwörungstheorien Dabei zeigten sich mitunter gegensätzliche Einschätzungen. Antisemitische Verschwörungstheorien spielten bei den Anti-Corona-Protesten in Deutschland keine sonderlich große Rolle, sagte Butter. Sie seien nicht das dominierende Narrativ. »Diese Verschwörungstheorien sind strukturell immer antisemitisch«, meinte hingegen Uhlig. Wenn man das Pech habe, mit Verschwörungstheoretikern zu diskutieren, werde man immer auf ein dezidiert antisemitisches Ressentiment stoßen.

Die von einigen Demonstranten getragenen gelben Davidsterne mit der Inschrift »Ungeimpft« kritisiert Michael Butter als eine »Täter-Opfer-Umkehr«.

Die von einigen Demonstranten getragenen gelben Davidsterne mit der Inschrift »Ungeimpft« kritisierte er als eine »Täter-Opfer-Umkehr«. »Man heftet sich diesen ultimativen Opferstatus an und nivelliert das Leid der Opfer der Schoa«, sagte Uhlig, der an der Bildungsstätte Anne Frank als Bildungsreferent tätig ist.

»Antisemitische Verschwörungsmythen haben immer das Potenzial, in Gewalt und antisemitischem oder rassistischem Terror zu enden«, betonte Kracher. »Wir als Mitglieder der Zivilgesellschaft müssen entschieden gegen Antisemitismus und Verschwörungstheorien vorgehen«, mahnte sie.

Zivilcourage An die Zivilcourage appellierte auch Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt. Auf einer Veranstaltung des Vereins »Montagsgesellschaft« zum Anne-Frank-Tag sagte sie, eine neue Präsenz von Hassrede breche sich Bahn. In Zeiten des Umbruchs nehme der Antisemitismus zu. »Die Zahlen sind alarmierend«, sagte Wenzel. Dem Judenhass müsse entschieden begegnet werden. Lehrer und Polizisten müssten geschult werden, Antisemitismus zu erkennen und ihm entgegenzutreten. Jeder Einzelne müsse agieren.

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»75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz erfahren wir Antisemitismus, Hetze und Hass gegen Juden«, stellte Hessens Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker in einer Videobotschaft fest. Der Judenhass sei wieder »dort draußen, auf den Straßen, Wegen und Plätzen«. Angesichts des Anstiegs antisemitischer Straftaten im Jahr 2019 mahnte der CDU-Politiker: »Wir haben nicht fünf vor zwölf, sondern zehn nach zwölf.« Bezogen auf die Synagogentür in Halle, die an Jom Kippur 2019 den Schüssen eines rechtsextremen Angreifers standhielt und die Gemeinde schützte, sagte Becker sinnbildlich: »Diese Tür müssen wir sein als Gesellschaft.«

isreal »Mit dem Netz hat der Antisemitismus eine besondere Energie bekommen«, eröffnete der Autor und Digitalexperte Sascha Lobo seinen Vortrag zum Judenhass im Internet. Die Allgegenwart des Antisemitismus finde in sozialen und digitalen Medien inzwischen verstörend oft unter vollem Namen statt, beklagte Lobo. Er betonte, Verschwörungstheorien ließen sich fast immer antisemitisch wenden. Er verwies neben dem rechtsextremen Judenhass auch auf israelbezogenen Antisemitismus in Teilen der muslimischen Community und der Linken. Jeder Jude werde als Stellvertreter Israels gesehen. Im Antizionismus sieht Lobo eine Kontinuität: »Man sagt dann einfach ›die Israelis‹, wo man früher ›die Juden‹ gesagt hätte.«

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