Nachruf

Er hat uns viel hinterlassen

Alles hat seine Zeit, und seine Stunde hat Jegliches unter dem Himmel.» – Diese Worte aus dem Buch Kohelet bringen unseren festen Glauben in HaSchem und unser unerschütterliches Vertrauen in ihn zum Ausdruck. Und doch, es gibt Ereignisse, da wir fassungslos vor G’tt stehen, am Grab eines 21-jährigen kraftstrotzenden jungen Mannes, dessen Zeit mit uns nicht ausreichend war, dessen Stunde viel zu früh gekommen ist – zu früh.

Momente, da man im Innersten zusammenbricht, da einem alles, woran man glaubte, alles, wessen man sich sicher wähnte, zwischen den Fingern verrinnt. Und da wir uns die unerhörte Frage stellen: Warum? Und verstummen.

Jonathan, Sichrono Livracha, wir dachten, wir könnten dir beim Leben zusehen. Wir haben uns darauf gefreut, dich strahlen zu sehen, zusammen mit deinen Freunden , mit deiner Großmutter Brigitte und mit deiner ganzen Familie – angesichts der ungeheuren Voraussetzungen und Möglichkeiten, die einem so jungen Menschen offenstehen.

Liebe Ronit, lieber Ady, ich maße mir nicht an, Ihren Schmerz erahnen zu können. Ihr Verlust ist unendlich. Jonathan hinterlässt eine Lücke, die nichts und niemand zu füllen vermag. Vergeblich ist meine Suche nach tröstenden Worten.

Herzlich Eure Liebe war es, die Jonathan zu diesem herzensfrohen und herzensguten Menschen gemacht hat, der er war und als der er uns auf ewig in Erinnerung bleiben wird. Die Liebe seiner Eltern, seiner Großeltern und seiner ganzen Familie. Jonathan war eingebettet in ein warmes und wohlbehütetes Umfeld, wie man es sich herzlicher und liebevoller nicht vorstellen kann. Eine kleine heile Welt, in der er nun eine große, nicht zu füllende Lücke hinterlässt.

Gemeinsam mit Ihnen möchte ich Hilik Magnus und seinem Rescue-Team danken. Jonathans Familie und wir alle wissen, welche enormen Leistungen die Rettungsmannschaft in dem unwegsamen Gelände in Ecuador erbracht haben, um Jonathan zu finden.

Und welche Mizwa sie geleistet haben, nicht nur am Einsatzort, sondern auch, indem sie der Familie in jenen unerträglich schweren Stunden und Tagen beigestanden haben. Ebenso richte ich meinen tiefen Dank an die Verantwortlichen der Jüdischen Gemeinde und Behörden in Ecuador, in Berlin und in München, für ihre kooperative und sensible Hilfe in den vergangenen Tagen.

Hunderte, Tausende von Menschen in der ganzen Welt haben gemeinsam mit Ihnen um Jonathan gebangt und gehofft. Gemeinsam haben wir die schreckliche Nachricht von jenem Unglück aufgenommen. Gemeinsam weinen wir und trauern. Jonathan liebte die Natur.

Er liebte es, sie zu erkunden, zu erspüren – die Gerüche, Geräusche, die ungeheure Vielfalt und Weite. Jonathan war durch und durch reinen Herzens, er war authentisch. Mit seinem vielschichtigen und tiefgründigen Wesen stemmte er sich gegen die schiere Oberflächlichkeit, die unseren Alltag durchzieht. Er lebte nach dem Motto: «Der Schein ist nicht immer das Sein.»

Kritisch Jonathan dachte viel nach über Respekt und Liebe und er brachte seine Gedanken in Gesprächen immer wieder nachdrücklich mit aufrüttelnden Appellen zum Ausdruck, Ansprüche, die er an sich und die Menschen in seinem Umfeld richtete, weil er nicht hinnehmen möchte, was er als gesellschaftliche Missstände ausgemacht hatte.

Er wollte seinen Weg in dieser Welt, in diesem Leben finden – auch wenn jener Weg für ihn nicht immer der leichteste war. Er wollte sich nicht in eine bestimmte Rolle zwängen lassen – auch wenn ihm das manchmal Ärger einbrachte. Seine Eltern und Freunde charakterisieren Jonathan als «Sunnyboy».

Und obwohl er deshalb allseits sehr beliebt war, suchte er sehr kritisch und mit Bedacht einige wenige Menschen aus, mit denen er eine wahre, verlässliche und vertraute tiefe Freundschaft führte.

Seine große Neugierde führte ihn in fremde Länder. Er liebte es, in längeren Aufenthalten etwa in China, Thailand, Peru oder Ecuador die fernen Landschaften zu erforschen und die fremden Kulturen zu entdecken. Dabei war er nicht wählerisch: Mit seinem Rucksack auf dem Rücken und im Zelt fühlte er sich genau so gut wie im Mega-Spa eines Luxushotels.

Jonathan hat uns mit seinen jungen Jahren unglaublich viel hinterlassen: Seine Freude an den Wundern der Natur, seine Freude am Leben, seine Liebenswürdigkeit, seine Freundschaft und seine Neugier, seinen berechtigten Wille, immer etwas Neues kennenzulernen. Seine Hoffnung auf ein glückliches Leben. Lebensmut, den jetzt seine Eltern und seine Familie für Jonathan in ihren Herzen tragen.

Abschließend darf ich aus dem Gebete Unetane Tokef zitieren, das wir in wenigen Wochen an Rosch Haschana bei der Wiederholung der Mussaf-Amida gemeinsam beten werden: Er allein bestimmt, wie viele hinübergehen und wie viele geboren werden, wer leben soll und wer sterben, wer durch Feuer und wer durch Wasser, wer zu seiner Zeit und wer vor seiner Zeit.

Möge Jonathans junge Seele eingebunden sein in das Bündel des ewigen Lebens!

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