wetter

Entspannte Lage

Foto: David Ebener

Das Kalenderjahr 2010 hat kaum angefangen, da steht einer der Anwärter auf das Wort des Jahres schon fest: Daisy. Auch wenn sich die Warnungen vor dem schneebringenden Tief im Nachhinein als übertrieben entpuppten und das ganz große Chaos ausblieb, brachte Daisy genug Schnee und Eis, um in manchen Regionen für erhebliche Probleme zu sorgen. Bei der jüdischen Gemeinde in Duisburg hatten man sich wegen der Wetterwarnungen bereits Gedanken über die anstehenden Gemeinderatswahlen gemacht. Sollte doch am Sonntag die Sitzung stattfinden, bei der sich alle Kandidaten vorstellen wollten. »Wäre diese Veranstaltung wetterbedingt ausgefallen, hätten wir wo möglich die Wahl verschieben müssen«, erklärte Geschäftsführer Michael Rubinstein.

knappes streugut In Nordrhein-Westfalen war zu diesem Zeitpunkt bereits das Streusalz knapp geworden. »Die Lager sind leer, deswegen werden nur noch die Hauptstraßen gestreut«, hieß es. Kindergartensand, also der Sand, der normalerweise in Buddelkisten kommt, wurde als Alternative empfohlen, und eine solche brauchten die Duisburger auf jeden Fall, denn »der Weg bis zum Eingang ist recht lang, und außerdem müssen unsere Müllcontainer einmal ums Haus gefahren werden. Unser Hausmeister braucht im Moment ganz sicher kein Fitnessstudio, so viel steht mal fest.«

Am Montag dann konnte Rubinstein dann für die bevorstehende Wahl Entwarnung geben. »Die Kandidaten haben sich vorgestellt, niemand musste wegen Wind und Wetter zu Hause bleiben.« Und auch die Gottesdienste konnten stattfinden, »der Minjan kam allerdings mit Ach und Krach zustande, das ist natürlich auch nachvollziehbar, wenn die Leute bei diesen Witterungsverhältnissen auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind.«

Ein großes Problem machen allerdings die Beerdigungen. »Wir hatten leider einen Todesfall«, erzählt Rubinstein. »Nun müssen wir dafür sorgen, dass die Beerdigung stattfinden kann.« Der Friedhof in Mühlheim ist sehr hügelig, »da muss jetzt erst einmal massiv gestreut und geräumt werden, sodass die Wege überhaupt befahrbar und begehbar sind.«

Die Fernsehbilder von der deutschen Ostseeküste hatten beeindruckend ausgesehen, an einigen Stellen drohten sogar die Deiche zu brechen. Das Rostocker Gemeindeleben beeinträchtigte Daisy allerdings kaum. »Die Lage ist entspannt«, berichtet Ilona Jejomin, für die Koordination der sozialen Angebote zuständig, am Montag nach dem Schneesturm. »Das Gemeindezentrum ist gut erreichbar, gerade ist unsere Bibliothek geöffnet, und es sind nicht weniger Leute als sonst da.« Natürlich gebe es wetterbedingt mehr zu tun als sonst im Winter: »Wir streuen, wir räumen, das ist unsere Pflicht. Wenn allerdings noch etwas Unvorhergesehenes passieren würde, wäre das sehr schwer für unseren Etat, denn wir müssen ja jetzt schon jeden Euro vier Mal umdrehen.«

Fahrdienste Ruben Herzberg, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Hamburg, berichtet, dass »gerade die älteren Gemeindemitglieder besonders große Probleme« haben. »Wir haben für Hilfebedürftige einen kleinen Fahrdienst organisiert, der aber natürlich mit dem jetzigen Bedarf nicht mithält.«Das Gemeindeleben sei aber nicht zum Erliegen gekommen, »aber natürlich haben die Senioren sehr große Angst davor, auf den glatten Bürgersteigen zu stürzen. Wir streuen und räumen selbstverständlich, aber wie es auf dem gesamten Hin- und Rückweg zur Gemeinde aussieht und ob diese Wegstrecken gefahrlos passierbar sind, weiß man nicht.« Es sei zwar »nun wirklich nicht so, dass unsere Gemeindemitglieder zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee sehen«, sagt Victoria Ladyshenski von der Jüdischen Gemeinde Kiel und lacht. Für die mehrheitlich aus der ehemaligen Sowjetunion Zugewanderten habe Daisy gleichwohl eine neue Situation gebracht: »So ein Wetter haben wir in Schleswig-Holstein noch nie erlebt.« Das Problem sei weniger der Schnee, »damit kann man fertig werden«, sondern viel mehr der Wind, der zu heftigen Verwehungen und deswegen in der Region zu Straßensperren und Zugausfällen geführt habe. Auch in Kiel sind besonders die älteren Gemeindemitglieder von Schnee und Glätte betroffen. »Viele trauen sich nicht mehr aus dem Haus, außerdem fahren die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr so regelmäßig«, berichtet Viktoria Ladyshenski. Zum Gottesdienst seien trotzdem genügend Leute gekommen, »aber wir haben es im Voraus so gemacht, dass wir unsere Minjanim angerufen haben. Viele wohnen in der Nähe.«

Auch die Berliner Polizisten, die Synagogen und andere jüdische Einrichtungen bewachen, mussten in den vergangenen Tagen keine allzu großen Belastungen hinnehmen. Für sie gab es zusätzlich heiße Getränke. Warme Kleidung steht ihnen ohnehin zur Verfügung. Zudem wurde dort, wo es ging, zusätzliches Personal eingesetzt, damit die üblichen Wachzeiten etwas kürzer und die Pausen – zum Aufwärmen drinnen – länger wurden. Die neuen metallfarbenen Häuschen bieten ihnen bei klirrender Kälte jedoch keinen besseren Schutz als die alten. Auch sie verfügen über keine Heizung. Und trotz aller Probleme: »Ist dieses winterliche Bild, das sich uns derzeit bietet, nicht wunderschön?«, fragt Viktoria Ladyshenski.

Rathaus Neukölln

Berlin

Hillel zieht seine Chanukkia aus dem Rathaus Neukölln ab

Der jüdische Bildungsverein will seine Chanukka-Feier künftig an einem »neutralen Ort« abhalten. Für den scheidenden Bürgermeister Martin Hikel ist die Entscheidung ein Schock

 30.09.2026 Aktualisiert

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 8. Oktober

 30.09.2026

Chemnitz

Gestohlener Davidstern sichergestellt

Unbekannte hatten laut Polizei in der Dauerausstellung des Lern- und Gedenkortes eine Schautafel beschädigt und den Davidstern mitgenommen

 28.09.2026

Archäologie

Hoffnung auf Latrinen - Grabung legt mittelalterliche Keller frei

Die Funde auf dem Areal der zweiten Jüdischen Gemeinde informieren über das Leben im mittelalterliche Erfurt. Zugleich geben sie Einblicke in die Stadtplanung des 13. Jahrhunderts

von Matthias Thüsing  28.09.2026

Düsseldorf

Attacke auf Juden wird Thema im Landtag NRW

Nach dem antisemitischen Angriff auf einen Juden am vergangenen Dienstag sucht die Polizei weiter nach den Tätern. Nun soll Innenminister Reul (CDU) im Innenausschuss Auskunft geben

 28.09.2026

Architektur

Von Brandenburg nach Haifa

In Finow wird ein historisches Kupfer-Haus restauriert. Einst von Walter Gropius modernisiert, zogen die mobilen, industriell gefertigten Bauten mit ihren Eigentümern bis nach Palästina

von Mark Feldon  27.09.2026

Literatur

Wenn Fiktion zur Geschichtsschreibung wird

Der israelische Bestsellerautor Dror Mishani stellte im Gespräch mit Richard C. Schneider seinen neuen Roman »Nicht« vor

von Nora Niemann  27.09.2026

München

»Ihr Licht ist nicht verloschen«

Die Frauen-Mikwe der Gemeinde trägt seit Kurzem den Namen von Rebbetzin Shoshana Brodman

von Luis Gruhler  27.09.2026

Meinung

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismus-Leugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026