Erfurt

Ende eines Krimis


Ortstermin mit Vorgeschichte: In Erfurt sind in der vergangenen Woche neu aufgetauchte Fundstücke aus dem mittelalterlich-jüdischen Schatz ausgestellt worden. Die Reaktionen waren auf der Pressekonferenz dementsprechend positiv: »Wir sind glücklich, dass diese vier Gewandschließen zurück sind«, freut sich Maria Stürzebecher, UNESCO-Welterbebeauftragte und Kuratorin der Alten Synagoge in Erfurt.

Der Präsentation dieser Stücke vorausgegangen ist allerdings ein regelrechter Krimi. Was war geschehen? Erst sorgte Anfang des Jahres ein Telefonanruf im Rathaus für Irritationen. Denn ein Mann bot darin vier Fundstücke an, die er wohl im Jahr 1998 während der Bauarbeiten in Erfurt heimlich entwendet haben soll.

Der Anrufer geriet ausgerechnet an Karin Sczech, Archäologin und Historikerin und eine der beiden UNESCO-Welterbebeauftragten der Stadt. Sie war, beschreibt sie, erst einmal fassungslos – schließlich handelte es sich um einen »handfesten Diebstahl« von jüdischen Artefakten aus dem 14. Jahrhundert, die 1998 gefunden wurden.

Anfang des Jahres sorgte ein Telefonanruf im Rathaus für Irritationen

Alle beteiligten Bauarbeiter wurden seinerzeit intensiv befragt, ob sie alle Fundstücke abgegeben hatten. Sie bejahten das; außerdem existiert dazu ein Protokoll. Der Anrufer, der »gern eine angemessene Summe für diesen Fund« haben wollte, beging also eine Straftat, genauer gesagt eine Unterschlagung, so die erste Einschätzung. Karin Sczech reagierte prompt und informierte das Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Nun wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, um das Ganze juristisch zu klären. Doch die Verjährungsfrist für Unterschlagung, so erfuhr man, endet nach fünf Jahren. Damit lässt sich das Aneignen von Fundstücken nicht weiter strafrechtlich verfolgen.

Das Bundesland Thüringen ist aber rechtmäßiger Eigentümer der jüdischen Artefakte aus Erfurt. Dafür sorgt das sogenannte Schatzregal. Es besagt, dass Funde, die bei staatlichen Nachforschungen entdeckt werden und von großem wissenschaftlichen Wert sind, als Kulturgut gesichert werden müssen. »Sie gehören in die Mitte der Gesellschaft«, betont Steffen Teichert, Thüringens Staatssekretär für Wissenschaft und Kultur.
Die Staatsanwaltschaft ordnete deshalb bei Bauarbeitern, die damals vor Ort waren, Hausdurchsuchungen an. Schließlich wurde man in Hessen fündig, und die Artefakte tauchten wieder auf.

Unter der Mauer eines Kellerzugangs fand man Münzen, Barren und Goldschmiedearbeiten.

Am Mittwoch vergangener Woche wurden die vier Teile der gotischen Gewandschließen erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Die als Haken- und Ösenverschlüsse gearbeiteten Objekte besitzen ornamental gestaltete Beschläge. Sie dienten einerseits als praktischer Kleidungsverschluss, andererseits durch ihre kunsthandwerklich hervorragend gearbeiteten Schauflächen der Darstellung der herausragenden Qualität der Kleidung und damit des Status ihres Trägers. Bei drei Stücken handelt es sich um die Gegenpartien von Verschlüssen aus dem bereits vorliegenden Fundkonvolut, was die zweifelsfreie Zuordnung zum Erfurter Schatz erlaubt. Die Teile sind detailreich ausgearbeitet, eine Art Raubkatze, ein Hexagramm mit Gravur, ein Adler – die kleinen Gewandschließen fallen ins Auge.

Nur für kurze Zeit zu sehen

Zu sehen sind die Funde allerdings nur für kurze Zeit. Denn sie müssen restauriert und konserviert werden, erklärt Sven Ostritz, Präsident des Landesamtes für Denkmalschutz und Archäologie. Und das brauche Zeit – möglicherweise ein Jahr und mehr. Als Kuratorin der Alten Synagoge ist Maria Stürzebecher trotzdem froh darüber. Sie möchte in dieser Zeit zugleich herausfinden, ob die Fundstücke noch mehr über das jüdische Leben im Mittelalter erzählen.

Der unweit der Alten Synagoge gefundene mittelalterlich-jüdische Schatz gilt als der bedeutendste archäologische Fund der vergangenen 100 Jahre im Erfurter Stadtgebiet. Das etwa 30 Kilogramm wiegende Fundkonvolut bestand aus 3142 Silbermünzen, 14 Silberbarren und mehr als 700 Einzelstücken gotischer Goldschmiedekunst.

Die meisten Gegenstände werden seit 2009 in der Alten Synagoge ausgestellt, nachdem sie zuvor in Paris, New York und London gemeinsam mit einem jüdischen Hochzeitsring, Broschen, Trinkschalen, Gürtelteilen und Gewandschmuck zu sehen waren.

Während des Pestpogroms im März 1349 versteckt

Höchstwahrscheinlich wurde der Schatz während des Pestpogroms im März 1349 in einem Kelleraufgang versteckt. Ohnehin ist der Fund von 1998 ein kleines Wunder. Denn beinahe wäre er für die Öffentlichkeit endgültig verloren gegangen, weil auf dem Areal des früheren jüdischen Viertels neu gebaut werden sollte. Unter der Mauer eines Kellerzugangs fand man aber Münzen, Barren, Goldschmiedearbeiten und den Hochzeitsring.

Auch Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, ist guter Dinge: »Ich freue mich darüber, dass die Alte Synagoge um diese Stücke bereichert werden konnte.« Weiter sagt er: »Wir Juden könnten unser Erbe nicht allein schützen, deshalb bin ich froh, dass die Gesellschaft aktiv ist und uns hilft.«

Ob damals weitere Stücke von der Baustelle entwendet wurden, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Aber wer immer auch heute etwas davon besitzt, kann es jetzt ohne Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen zurückgeben. Denn wie im Fall des hessischen Bau­arbeiters gilt die Verjährungsfrist.

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