Joseph-Carlebach-Preis

Emigranten wider Willen

Die Ausgezeichneten: Viola Alianov-Rautenberg (l.) und Vivien Rönneburg Foto: Heike Linde-Lembke

Wie fanden sich die deutschen Emigranten, die vor dem NS-Rassenwahn ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina flohen, in der neuen fremden Welt zurecht? Einer Welt, in der nichts mehr wie gewohnt funktionierte, in der sie ihre Berufe nicht ausüben, ihre Sprache nicht sprechen, nicht einmal die Familienrezepte kochen konnten, und deren klimatische Verhältnisse zur Herausforderung wurden?

Viola Alianov-Rautenberg hat diese und andere Fragen in ihrer Dissertation Liftmenschen in the Levant: A Gender History of the German-Jewish Immigration to Palestine/Eretz Israel 1933–1939 untersucht. Die Hamburgerin, geboren in Elmshorn, verteidigte ihre Doktorarbeit vor einem Jahr an der TU Berlin bei Stefanie Schüler-Springorum und bei Deborah Bernstein aus Haifa mit summa cum laude. Jetzt erhielt sie dafür den Joseph-Carlebach-Preis der Universität Hamburg.

Memoiren Das Preisgeld von insgesamt 3000 Euro teilt sich Alianov-Rautenberg mit Vivien Rönneburg, die von der Uni Hamburg für ihre Abschlussarbeit Vom Grindel nach Manhattan – Identität und Zugehörigkeit in den Memoiren jüdischer Auswanderer im Nationalsozialismus ebenfalls ausgezeichnet wurde.

Der Preis wird für herausragende Beiträge junger Wissenschaftler zu den Themen jüdische Geschichte, Religion und Kultur verliehen.

Den Preis verleiht die Hamburger Universität für herausragende Beiträge junger Wissenschaftler zu den Themen jüdische Geschichte, Religion und Kultur. Joseph Carlebach amtierte bis zu seiner Deportation 1941 nach Riga als Oberrabbiner der Gemeinden Altona und Hamburg.

Der Preis ist zugleich Carlebachs Tochter, der Pädagogik- und Soziologieprofessorin Miriam Gillis-Carlebach, für ihr hohes Engagement um Zusammenarbeit und gemeinsames Erinnern gewidmet.

sozialgeschichte »Es war mir eine Herzensangelegenheit, diese Arbeit zu schreiben«, sagte Viola Alianov-Rautenberg. Sieben Jahre hat sie an ihrer Promotionsarbeit geforscht und geschrieben. »Zwei Jahre davon habe ich als Kinderpause genutzt, doch auch durch die Geburt meiner Tochter in Haifa kam ich zu Erfahrungen, die in meine Dissertation eingeflossen sind«, sagt sie.

Heute lebt sie mit Tochter Kinneret und Ehemann Givgeny Alianov in Hamburg, wo sie am Institut für die Geschichte der deutschen Juden arbeitet. Ab September hat sie in Philadelphia eine Postdoc-Stelle inne und will das Thema ihrer Dissertation vertiefen. In einem zweiten Projekt untersucht Alianov-Rautenberg die Sozialgeschichte der deutschen Wiedergutmachungs-Zahlungen in den 50er-und 60er-Jahren an deutsche Juden in Israel.

Viola Alianov-Rautenberg stellt unter Beweis, dass auch Kochbücher zu historischen Quellen werden können.

»Bei Viola Alianov-Rautenberg werden auch Kochbücher zu historischen Quellen, und sie untersuchte, wie die Gruppe der Jeckes im Jischuw für Irritationen sorgte, Irritationen, die bis ins heutige Leben in Israel nachwirken«, sagte die Direktorin des Hamburger Instituts für die Geschichte der deutschen Juden (IGdJ), Miriam Rürup, in ihrer Laudatio.

Interviews Auch Vivien Rönneburgs Arbeit erforscht, wie sich die Emigration jüdischer Flüchtlinge aus NS-Deutschland auf ihr Leben auswirkte. Sie interviewte Juden, die aus Hamburg nach New York flohen. »Der Joseph-Carlebach-Preis regt mich an, meine Masterarbeit zur Dissertation weiterzuentwickeln, um in jüdischer Geschichte zu promovieren«, sagte Vivien Rönneburg, die wie Viola Alianov Rautenberg zeitweise am IGdJ arbeitet.

Sie erforscht die Frage, wie sich Vorstellungen von Zugehörigkeit, die sich in der Emigration wandeln, in Memoiren wiederfinden und welchen Quellenwert diese Texte haben. Befragen konnte sie Juden aus dem Hamburger Bildungsbürgertum. Geboren zwischen 1899 und 1911 emigrierten sie zwischen 1934 und 1940 in die USA und schrieben ihre Memoiren in den 70er- und 80er-Jahren. Zu ihnen gehört Senta Meyer-Gerstein, deren Familie mit Hamburgs Oberrabbiner Joseph Carlebach befreundet war – der Kreis schließt sich.

Corona

Doppelt schutzbedürftig

Kinder mit Einschränkungen leiden während der Pandemie besonders stark – so wie Daniel aus Villingen

von Christine Schmitt  05.12.2021

Porträt der Woche

»Berlin hat mich verändert«

Dan Allon ist Künstler und beschäftigt sich mit seiner Familiengeschichte

von Jérôme Lombard  05.12.2021

Lichterfest

Gemeinsam zuversichtlich

In ganz Deutschland beteiligen sich Politik und Gesellschaft öffentlich an den Feierlichkeiten zu Chanukka

von Brigitte Jähnigen  05.12.2021

Nordrhein-Westfalen

Zedaka in Kall

Die ZWST hilft Flutopfern mit »Tiny Houses«

von André Anchuelo  03.12.2021

Berlin

»Papier ist geduldig«

Fachleute appellieren an künftige Bundesregierung, angekündigte Förderung jüdischen Lebens umzusetzen

 03.12.2021

Festjahr

1700 Flaggen erinnern an 1700 Jahre

An Aktion »Flagge zeigen für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus« beteiligt sich auch der Zentralrat der Juden

 03.12.2021

»Stuttgarter Erklärung«

Symbolische Unterzeichnung in der Synagoge

Innenminister von Bund und Ländern fordern schärfere Verfolgung von Hass-Straftaten im Netz

 02.12.2021

Ausgburg

Jüdisches Museum bekommt neue Direktorin

Die 36-jährige Carmen Reichert übernimmt ab 1. Mai 2022 die Nachfolge von Barbara Staudinger

 02.12.2021

Pandemie

Jewrovision auf Ende Mai verschoben

Zentralratsgeschäftsführer Botmann: Sichere und angenehme Bedingungen im Februar voraussichtlich nicht möglich

 02.12.2021