Pessach-Grusswort

»Einheit und Stärke«

An Pessach machen wir uns unsere Wurzeln bewusst. Foto: Marina Maisel

Mit Pessach blicken wir auf eine der wichtigsten – und zugleich schönsten – Wochen im jüdischen Jahr. Die ganze Familie kommt aus aller Welt zusammen, um in unseren Gemeinden und mit Freunden die Sederabende zu begehen. Dabei besinnen wir uns wie an den meisten un­serer Feiertage auf die Geschichte des jüdischen Volkes. Wir machen uns unsere Wurzeln, unsere Stärke bewusst. Im Zentrum steht dabei: die Freiheit.

Mit dem Lesen der Haggada bekräftigen wir nicht nur unsere Verbindung zu den Grundwerten unseres Glaubens. Wir vergegenwärtigen uns die Befreiung aus der Sklaverei. Wir übertragen den einst so beschwerlichen Weg durch die Wüste in unsere Realität und bekennen uns zu dem konkreten Auftrag für unser Denken und Handeln im Hier und Heute.

Freiheit Die historischen Ereignisse prägen uns. Sie beziehen sich stets nicht nur auf die Vergangenheit, sondern verpflichten uns in der Gegenwart und schulen uns für das Morgen. Der Kampf für die Freiheit – die eigene und jene des anderen – ist der Kampf, der über die Zukunft der Welt entscheidet.

So ist das Exodus-Kapitel im Zweiten Buch Mose nicht nur eine der zentralen Überlieferungen im Judentum, sondern zugleich fester Bestandteil der westlichen Kultur. Allerdings sind Freiheit und Einheit, die zentralen Begriffe, die wir mit Pessach verbinden, weder damals noch heute reibungslose, lineare Errungenschaften und Prozesse.

Freiheit und Einheit sind die Begriffe, die mit Pessach untrennbar verbunden sind. In diesem Jahr, in dem wir zum einen 70 Jahre Unabhängigkeit des modernen Staates Israel feiern können, zum anderen aber die braune Renaissance erleben, sollte uns der Wert von Freiheit in ganz besonderem Maße bewusst sein. Das Erstarken der Rechten stellt uns in dieser Hinsicht vor die größte Bewährungsprobe seit Gründung der Bundesrepublik.

Anspruch Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, verbale und tätliche Gewalt gegen vermeintlich andere gehören inzwischen in Deutschland zum Alltag. Ich frage mich mit einem Blick auf unsere Erinnerungskultur: Wo, wenn nicht in unseren Land mit seiner, unserer singulär schrecklichen Geschichte, muss es gelingen, die Menschen zu immunisieren, ihnen vor Augen zu führen, wohin Hass, Wahn und menschenverachtende Ideologien führen, und dass am Ende jeder Opfer sein kann? Wem, wenn nicht uns Deutschen, muss es gelingen, die Anfälligkeit gegenüber Hass und Verachtung zu überwinden? Das ist der Anspruch unserer Erinnerungskultur.

Wenn wir unsere Werte und Überzeugungen, unsere freiheitliche Demokratie bewahren wollen, müssen wir uns als wehrhafte Patrioten bewähren. Dabei spielt der Begriff Heimat, den es von seinem Sinn her nur in der deutschen Sprache gibt und der gerade für jüdische Menschen eine immense Bedeutung hat, eine zentrale Rolle. Wahrgenommen wurde das lange nicht.

Zurückweisungen und Anfein­dungen, auch von links und aus der Mitte der Gesellschaft, spüren jüdische Menschen in immer stärker werdendem Maße. Mehr und mehr von ihnen denken inzwischen darüber nach, ob Deutschland vor diesem Hintergrund noch Heimat für jüdische Menschen sein kann. Auch ich muss mich fragen:

Fragen Heimat – obwohl die Demokratie daran gescheitert ist, Rechtsextreme und Revi­sionisten aus den Parlamenten herauszuhalten?

Heimat – obwohl »Jude« wieder ein Schimpfwort in deutschen Klassenzimmern und Fußballstadien ist?

Heimat – obwohl es kaum einen jüdischen Schüler gibt, der noch nicht antisemitisch gemobbt wurde?

Heimat – obwohl jüdische Einrichtungen Tag und Nacht geschützt werden müssen?

Heimat – obwohl jede Woche Friedhöfe geschändet, Installationen zerstört, Gedenkorte beschädigt, Synagogen und Gemeindehäuser angegriffen werden?

Heimat – obwohl jüdische Menschen verunsichert sind, ob sie sich als Juden zu erkennen geben sollten?

Meine Biografie trägt den Titel In Deutschland angekommen. Dahinter setzte ich bis vor Kurzem ein dickes Ausrufezeichen. Aber auch mir wurde in letzter Zeit schmerzlich bewusst, dass diese Gewissheit wankt. Gemeindemitglieder wenden sich mit Zweifeln an mich – und ich bin nicht in der Lage, sie aus innerer Überzeugung heraus zu widerlegen. Nein, ich muss die Zweifel teilen.

Vertrauen Trotzdem bin ich noch immer überzeugt, dass das tiefe Vertrauen, mit dem Menschen wie mein Vater und schließlich auch mein Mann und ich mit unseren Kindern in diesem Land geblieben sind, berechtigt war und ist. Ich vertraue in die Politik in unserem Land und die überwältigende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger. Ich sage aber auch: Die Sicherheit und Geborgenheit der jüdischen Minderheit in einem Land war stets Seismograf für den Zustand der jeweiligen Gesellschaft – den Zustand der zivilisatorischen Verhältnisse.

Wir haben in den letzten Jahrzehnten Herausragendes geleistet und errungen. Die Bundesrepublik ist eine tragfähige Demokratie, ein vorbildlicher Rechts- und Sozialstaat. Wir haben allen Grund, unsere Heimat zu lieben – ohne zu vergessen, wie schnell die dünne Decke der Zivilisation reißen kann. Der Blick zurück, der zugleich eine Perspektive darstellt, macht bewusst, wie verletzlich Freiheit ist, wie behutsam wir mit Demokratie umgehen müssen – mit unserer Heimat.

Vor diesem Hintergrund müssen wir für unsere Freiheit, für Demokratie und die Rechte aller Menschen kämpfen. Es geht um unsere Heimat, die viel mehr ist als Berge, Deiche, Seen und Meere, Küsten, Felder, Dünen, Datschen, Wälder, Bier, Wein, Tracht, Denkmäler und Sehenswürdigkeiten, Tradition und Brauchtum. Heimat ist auch mehr als das Bild einer Landschaft, der Klang einer Sprache, eines Dialekts, Kindheitsgerüche. Heimat ist, wo man liebt und lebt und leben lässt – in Freiheit. Auch darum drehen sich unsere Gedanken an den bevorstehenden Sederabenden im Kreis unserer Familien.

Allen wünsche ich Pessach kascher wesameach!

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