Porträt der Woche

Einfach sie selbst

»Ich taste mich mehr und mehr an die Tora heran«: Hannah Kruse (65) aus Dresden Foto: privat

Porträt der Woche

Einfach sie selbst

Hannah Kruse ist Lehrerin, engagiert sich politisch und lebt seit ihrer Transition als Frau

von Alicia Rust  27.06.2026 23:44 Uhr

Selbst beim Fallschirmspringen trage ich meinen Magen David. Insgesamt umfasst meine Schmucksammlung acht Ketten mit verschiedenen Davidsternen aus unterschiedlichsten Materialien und Größen. Den Stern trage ich bewusst so, dass man ihn schon von Weitem erkennen kann. Er ist für mich ein Symbol, Schutzschild, Talisman und ein Bekenntnis zum Judentum zugleich. Ich werde ihn nicht verstecken. Die Zeiten, in denen ich mich verstellt oder versteckt habe, sind vorbei. Während viele meiner Mitmenschen Angst davor haben, sich zu »outen« – und das gilt nicht nur für ihr Jüdischsein –, gehe ich damit offen um.

Ich war ein stilles, verschüchtertes Kind, entsprechend wurde ich von meinen Mitschülern und von den Lehrern gehänselt. Heute würde man sagen: gemobbt. Ich war kleiner als alle anderen, zart und schwach. Meine Eltern trösteten mich nicht, im Gegenteil. Meine Mutter sagte: »Kein Wunder, dass du von anderen geärgert wirst, du bist ja nur ein Pfeifchen.« Für mich war die Welt der Bücher die Rettung. Ich konnte in die Geschichten versinken und mich durchs Lesen stetig weiterbilden. Meine Ausdrucksweise entsprach bald nicht mehr der meiner Herkunftsfamilie. Das verschaffte mir unter den Mitschülern Respekt und Anerkennung. Bildung kann auch ein Schutzschild sein.

Mein Tempel, mein Rückzugsort, ein sicherer Raum

Die örtliche Bibliothek war mein Tempel, mein Rückzugsort, ein sicherer Raum. Dort hatte ich Ruhe vor meinen Eltern, meinem Zuhause, der Schule, der Gehässigkeit meiner Mitmenschen. Meine Erinnerungen an mein Zuhause sind wie durch einen trüben Schleier verhängt. Sie waren vor allem durch Gewalt und Missbrauch geprägt. Während mein jüngerer Bruder groß, stark und ein richtiger Kerl war, entsprach ich in keiner Weise dem Bild eines Jungen. Ich wurde in Jungenkleidung gesteckt, obwohl ich mich wie ein Mädchen fühlte. Ich war am falschen Ort, im falschen Geschlecht, in einer Welt, die sich falsch anfühlte.

Bis zu meinem 18. Lebensjahr habe ich in Cottbus gelebt. Von dort wollte ich so schnell und so weit weg wie nur möglich. Da die Universität Jena einen guten Ruf hatte, besonders im Fach Physik, empfand ich es als großes Glück, dort einen Studienplatz zu bekommen. 1979 begann ich, Astronomie und Physik zu studieren. Noch heute habe ich mit meinen ehemaligen Kommilitonen Kontakt. Wir sind eine verrückte Truppe und treffen uns einmal im Jahr. Dass ich heute offen als Frau lebe und auch als Lehrerin meinen Beruf ausübe, ist kein Problem.

In der DDR wurde nicht lange gefackelt: Lieber später ein Soldat als ein Mädchen.

Während des Studiums habe ich meine Frau kennengelernt. Das war ein großes Glück. Noch heute sind wir miteinander befreundet, wir sind – trotz der Trennung – immer noch eine Familie, und wir lieben unsere beiden Kinder und die Enkelkinder. Von meiner Transition war sie damals geschockt, doch der gegenseitige Respekt war stärker. Irgendwann hat sie verstanden, dass bei mir irgendetwas anders war. Das war rückblickend recht offensichtlich. Durch meine Transition bin ich dann mit der Wucht eines D-Zugs gegangen und habe dafür den Betrag eines Kleinwagens ausgegeben. Meine Frau hat mich dabei noch fünf Jahre lang begleitet. Am Ende sind wir im Guten auseinandergegangen.

Nach meiner Geburt wussten die Ärzte nicht so recht, was sie mit mir anfangen sollen. Heute weiß ich, dass ich intergeschlechtlich geboren wurde. Inter- oder Zwischengeschlechtlichkeit ist eine biologische Besonderheit von Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig als weiblich oder männlich einzuordnen sind. Doch damals in der DDR wurde nicht lange gefackelt. Die Ärzte waren vermutlich verwirrt, haben dann aber schnell beschlossen, mir die Vaginal­öffnung zuzunähen. Man hatte lieber einen künftigen Soldaten der Nationalen Volksarmee als ein Mädchen. So einfach war das. Mein älterer Bruder ist mit nur acht Monaten gestorben, er sollte der Kronprinz werden. Für meinen Vater war das ganz wichtig, denn er war Reserveoffizier der NVA. Und nun kam ich, zu klein und zu schwach, eine vollständige Enttäuschung für meine Eltern.

Irgendwann habe ich mich gewehrt

Meine frühesten Kindheitserinnerungen sind vor allem durch Missbrauch geprägt. Mein Vater nannte das »verhaften«. Als ich dann in die Schule ging, hörte das auf, aber die Quälerei ging auf einer anderen Ebene weiter. Irgendwann habe ich mich gewehrt, und meine Eltern haben sich getrennt. Auch meine Mutter war mir gegenüber recht kalt.

Meine Uroma Magdalena wurde in Ostpolen geboren, ein polnisch-jüdisches Mädchen. Sie hat sich aber in einen katholischen Deutschen, meinen Uropa, verliebt. Das war noch vor dem Ersten Weltkrieg. Dann sind die beiden umgesiedelt worden, wodurch ihre Papiere verloren gingen. Später wurde sie als katholische Ehefrau meines Urgroßvaters eingetragen, rückblickend ein Glück, denn so kam sie unbeschadet durch die Schoa.

Meine Mutter hat nie über ihre jüdische Herkunft gesprochen. Ich hatte Glück, meine jüdische Uroma kennenzulernen. Immer, wenn es meinen Eltern zu viel wurde, haben sie mich entweder zu ihr oder zu meiner Großtante Thea geschickt. Die war ebenfalls jüdisch, wenn auch evangelisch getauft.

Auch Westfernsehen durften wir schauen

Natürlich habe ich etwas geahnt, es gab viele jiddische Begriffe, doch alles, was mit dem Judentum zu tun hatte, wurde versteckt. Es wurde nicht darüber gesprochen, zu DDR-Zeiten erst recht nicht. Die jiddischen Wörter, die ich bei meiner Urgroßmutter aufschnappte, fand ich toll. Bei ihr erlebte ich Geborgenheit und einen liebevollen Umgang. Bei Tante Thea, die keine eigenen Kinder hatte, wurde ich ebenfalls verwöhnt. Dort gab es eine richtige Badewanne und ein beheizbares Zimmer. Was für ein Luxus! Sie hatte noch eine Pflegetochter. Zusammen haben wir mit Puppen gespielt, das war so schön! Auch Westfernsehen durften wir schauen.

Mein Vater war ein überzeugter Kommunist und ein strammer Deutscher. Ich habe keine guten Erinnerungen an ihn. Irgendwann hat er sich das Leben genommen. Als ich meine Mutter das letzte Mal im Altenheim besucht habe, befand sie sich bereits in Palliativpflege. Sie hat mich zu Anfang nicht erkannt, irgendwann dann aber doch. Mit einem Mal griff sie nach meinem Davidstern, nahm ihn in die Hand und sagte: »Ja, Magda, ja ja!« An meiner Kette hat sie ihre Großmutter erkannt.

Dann wurde aus dem Herrn Kruse die Frau Kruse.

Nach der Wende habe ich, weil Physik im Lehrplan gekürzt wurde, noch berufsbegleitend Englisch auf Lehramt studiert. Von 1983 bis 2018 wohnte ich im ostthüringischen Gera. Heute ist dort die AfD die stärkste Fraktion im Stadtrat. Unfassbar! Nach der Wende war ich politisch sehr aktiv und gehörte sieben Jahre lang der SPD an. Aus Enttäuschung trat ich aber aus. Für die Linke war ich ein Jahrzehnt lang Stadtrat, die Hälfte der Zeit Ausschussvorsitzender. Dann wurde aus dem Herrn Kruse die Frau Kruse. Den Namen Hannah habe ich mir bereits 2013 ausgesucht, weil mich die Geschichte der biblischen Hannah, die im Tempel den Priester beiseite stieß, so beeindruckte.

In Dresden, wo ich heute lebe, darf man sein, wer man sein möchte. Es gibt nicht diese Blicke wie in Gera. Und 2001 kam der Fallschirmsport in mein Leben. Schüler wollten mir zum Abschluss eine Freude machen, haben zusammengelegt und mir einen Tandem-Sprung geschenkt. Mittlerweile habe ich über 3000 Sprünge absolviert. Wenn ich aus dem Flieger springe, richte ich immer einen Gedanken an Gott. Mein Hobby ist nicht ganz ungefährlich.

Nur Faulheit dulde ich nicht

Die meisten Schüler mögen mich. Ich bin als Lehrerin recht streng. Wir stören einander nicht, halten Ordnung, aber ich behandle alle gleich. Selbst die »größten Strolche« behandle ich mit dem größten Respekt. Und ich interessiere mich für das, was sie denken. Nur Faulheit dulde ich nicht.
Ich bin aus meiner Familie nur durch das Studium herausgekommen. Wir waren arm, und nach der Scheidung meiner Eltern waren die Alimente die wichtigste finanzielle Stütze. Heute kann ich mir schöne Dinge leisten und erfreue mich daran. Aber ich bin immer noch bescheiden.

Mein Glaube gibt mir trotz schlechter Nachrichten Hoffnung. Immer noch lerne ich ganz viel, ich taste mich mehr und mehr an die Tora heran. Auch meine Schüler geben mir unglaublich viel Kraft. Ich bin so stolz, was aus manchen Ehemaligen geworden ist: Ärzte, Piloten, Anwälte, Politiker. Mir machen auch jüdische Aktivistinnen und meine Glaubensgemeinschaft Mut. Und meine Kinder und meine Enkelkinder. Für sie bin ich – wie für alle – einfach nur die Hannah.

Aufgezeichnet von Alicia Rust.

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