Literatur

»Eine wirkmächtige Ikone«

Hannah Arendt (1906–1975) Foto: dpa

Literatur

»Eine wirkmächtige Ikone«

Bei der »Langen Hannah-Arendt-Nacht« wurden zwei Neuerscheinungen über die Philosophin vorgestellt

von Ellen Presser  09.01.2020 15:57 Uhr

Das Münchner Literaturfest widmete der wohl bedeutendsten Philosophin des 20. Jahrhunderts kürzlich eine »Lange Hannah-Arendt-Nacht«. Dazu steuerten die Literaturhandlung und der Piper-Verlag auf der einen sowie dtv auf der anderen Seite mit zwei neuen Büchern im Literaturhaus vor ausverkauften Reihen den aktuellen Aufhänger bei.

Rachel Salamander moderierte ein Gespräch zwischen Marie Luise Knott, durch vorherige Publikationen ausgewiesene Arendt-Kennerin und Mitherausgeberin des Sammelbandes Wir Juden. Schriften 1932 bis 1966, und dem israelischen Soziologen Natan Sznaider. Dieses fing bereits streitbar an – und zwar in der Diskussion über den Titel des Bandes. Warum sollten sich Nichtjuden von einem Buchtitel wie Wir Juden angesprochen fühlen, stand als Frage im Raum. Denn dieser führt in jedem Fall zu einer anderen Wahrnehmung, als es eine Formulierung wie »Über Juden« nahegelegt hätte.

schoa Für Knott war vor allem relevant, dass eine Lücke im deutschsprachigen Schrifttum von Hannah Arendt geschlossen werden konnte. Einige der 21 Texte in dem Sammelband waren bereits bekannt, andere wie »Privilegierte Juden«, im Januar 1946 in »Jewish Social Studies« veröffentlicht, sind erst jetzt einer breiten Öffentlichkeit zugänglich geworden. Das ist schon deshalb spannend, weil etwa Arendts Reflexion über das Jüdischsein zwischen Paria und Parvenü, Ausgegrenztheit und Dazugehören-Können beziehungsweise -Wollen gerade einmal ein Jahr nach dem Ende der Schoa erschien.

In den Jahren 1949/50 bereiste die Philosophin Deutschland auf der Suche nach sicherungsfähigem jüdischen Kulturgut.

In den Jahren 1949/50 bereiste die Philosophin Deutschland auf der Suche nach sicherungsfähigem jüdischen Kulturgut. Wer wie Arendt Juden als nationales Kollektiv begriff, dem die europäische Emanzipation nicht in jeder Hinsicht Gutes brachte, wer wie sie das Narrativ von Verfolgung und Vorurteil durchbrechen wollte, verdient es, mit frischer Neugier gelesen zu werden.

biografie Dazu gehört dann auch das Medium der Graphic Novel. Dieses wählte der Cartoonist Ken Krimstein, um Die drei Leben der Hannah Arendt im wahrsten Sinne des Wortes nachzuzeichnen. Im Gespräch mit dem Schauspieler und Autor Hanns Zischler, der für die Übersetzung der Bildergeschichte gewonnen wurde, verriet er, was ihm zu Hannah Arendt, »einer wirkmächtigen Ikone des 20. Jahrhunderts«, durch den Kopf ging, nämlich ihre Biografie »einer neuen Generation nahezubringen«.

Er musste drei Lebensabschnitte, ihre Kindheit, ihre Anfänge in Europa und ihr Leben in New York, bildhaft unter einen Hut bringen. Also ein altersloses, doch charakteristisches Gesicht für sie finden, das er nach umfangreichen Recherchen im Passfoto auf einem Bibliotheksausweis von 1939 ausmachte. Mit dunklen Augenbrauen dargestellt und als einzige Figur des Bandes in grüner Farbe gekleidet, funktioniert das überzeugend gut.

Hannah Arendt: »Wir Juden. Schriften 1932 bis 1966«. Zusammengestellt und herausgegeben von Marie Luise Knott und Ursula Ludz. Piper, München 2019, 464 S., 34 €

Ken Krimstein: »Die drei Leben der Hannah Arendt«. Übersetzt von Hanns Zischler. dtv, München 2019, 243 S., 16,90 €

Berlin

Rabbinerkonferenz: Berliner Führerbunker jüdischer Gemeinde geben

Was wird aus dem alten Führerbunker in Berlin? Derzeit streiten Senat, Stadtplaner und Denkmalschützer um den richtigen Umgang mit der Ruine. Die Europäische Rabbinerkonferenz schaltet sich nun mit einem Vorschlag ein

 26.07.2026

Bayern

»Es ist Zeit, den Hass zu beenden«

Eine Mahnwache der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zeigte Solidarität mit dem Opfer des israelfeindlichen Verbrechens in der Region Würzburg

von Stefan W. Römmelt  25.07.2026

Alija

Darum bleibe ich

Der 7. Oktober hat unsere Autorin zu einem anderen Menschen gemacht. Und beinahe wäre sie nach Israel ausgewandert. Vieles aber hält sie hier – aus gutem Grund

von Barbara Bišický-Ehrlich  23.07.2026

Interview

»Kiddusch mit Empanadas«

Daniela Rusowsky über die lateinamerikanische Gemeinschaft in Berlin, Melodien aus der Heimat und die Bedeutung von Kabbalat Schabbat

von Mascha Malburg  23.07.2026

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Projekt

Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Ein Dorf will mit einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Das geplante gemeinsame Gedenken an gefallene Soldaten und ermordete Juden ruft ein unterschiedliches Echo hervor

von Jens Bayer-Grimm  21.07.2026

Berlin

Jüdisch, Queer, Selbstbewusst

Der »Pride-Shabbat« des Vereins Keshet Deutschland zeigt auch in diesem Jahr wieder, dass jüdisches und queeres Leben zusammengehören

von Leon Stork  20.07.2026

Pforzheim

Die vergessene jüdische Geschichte der Goldstadt

Vom Schwarzwald aus verkauften Juden einst Schmuck in die ganze Welt. Erst langsam wird diese Geschichte aufgearbeitet. Sie ist nicht immer glänzend – und auch noch nicht vorbei

von Mascha Malburg  20.07.2026

Porträt der Woche

»Ich wollte zum Ursprung«

Richard Ernst konvertierte zum Judentum, wurde Gärtner und Hobbymaler

von Anja Bochtler  18.07.2026