Interview

»Ein Wunder, dass wir überlebt haben«

Anastassia Pletoukhina Foto: pr

Frau Pletoukhina, Sie waren gestern in der Synagoge von Halle, als der Täter versuchte, dort ein Blutbad anzurichten. Wie haben Sie die Situation erlebt?

Wir waren schon ab Mittwochmorgen in der Synagoge, es war eigentlich ein sehr schöner Tag, gutes Wetter, Sonnenschein. Gegen zwölf Uhr, als das Gebet zu Jom Kippur begonnen hatte, hörten wir einen lauten Knall. Wir dachten zuerst, dass draußen ein Feuerwerk gezündet wird, dann kam aber auch schon der Sicherheitsmann der Gemeinde und sagte: »Draußen steht ein bewaffneter Mann und versucht reinzukommen. Er schießt auf unsere Tür.«

Wie ging es dann weiter?

Wir waren erst einmal maximal geschockt und fassungslos, konnten eigentlich gar nicht wirklich reagieren. Aber wir waren auch ruhig und gefasst, so widersprüchlich es sich auch anhört. Der Gemeindechef Max Privorozki hat dann sofort die Polizei gerufen. Wir Beter sind nach oben gerannt, in die Küche der Gemeinde, und haben uns dort versteckt. Alles in allem waren wir rund 70 Menschen. Dann hörten wir immer wieder laute Schüsse, der Sicherheitsmann verfolgte alles über die Sicherheitskamera und hielt uns auf dem Laufenden. Er und mehrere andere Männer, darunter mein Mann, haben dann die Eingangstür mit Stühlen, Tischen und anderen Gegenständen verbarrikadiert, für den Fall, dass der Täter die Tür überwindet.

Gab es in der Synagoge keinen Polizeischutz?

Nein, den gab es nicht – und das ist in meinen Augen wirklich ein Skandal. Die Gemeinde hat in der Vergangenheit immer wieder bei der Polizei darauf hingewiesen, dass die Beter Schutz brauchen. Die Antwort war jedes Mal nur: Es liegt keine akute Bedrohung vor. Hinzu kommt: Unser Sicherheitsmann ist kein ausgebildeter Sicherheitsmann, sondern ein Gemeindemitglied, das sich erklärt hat, die Synagoge so gut zu schützen, wie er es eben als Laie kann.

Haben Sie und die anderen Beter mit dem Gedanken gespielt, die Synagoge durch einen Fluchtweg zu verlassen?

Das war leider nicht möglich, weil es insgesamt nur drei Türen nach draußen gibt. Die Gemeinde ist sehr, sehr klein. Und über das Video haben wir gesehen, dass er die Türen mit Sprengstoff oder anderen Materialien präpariert hatte. Es gab nur die Möglichkeit, uns in den Räumen zu verstecken und die Tür zu versperren, so gut es eben geht. Wir hatten unfassbare Angst. Die Tür besteht aus Holz und ist nicht sonderlich gesichert gewesen, wie man es etwa aus München oder Berlin kennt. Zudem waren wir unbewaffnet. Es ist ein Wunder, dass wir überlebt haben. Es war wirklich ganz, ganz knapp. Die Fenster sind aus normalem Glas, der Täter hätte nur hineinschießen müssen, schon wäre er drinnen gewesen und hätte ein Blutbad angerichtet. Zudem hat der Täter Molotowcocktails und, glaube ich, Handgranaten an den Türen befestigt. Wir können einfach nur von Glück reden, dass die nicht gezündet haben und die Sukka im Hof nicht Feuer gefangen hat. Denn die Polizei hat 20 Minuten gebraucht, um zu uns in die Synagoge zu kommen, um uns zu schützen.

20 Minuten?

Ja, es waren die längsten 20 Minuten überhaupt für uns. Die Polizei hat das hinterher damit begründet, dass bei ihr so viele Anrufe eingingen, dass sie sich erst einmal sortieren und die Anrufe priorisieren mussten, weil halb Halle bei ihnen anrief. Währenddessen haben wir auf dem Monitor gesehen, dass der Täter erst einmal von uns abgelassen hat, weil eine Frau ihn ansprach. Was gesprochen wurde, weiß ich nicht. Aber als sie ihm den Rücken zudrehte, schoss er ihr in den Rücken. Dann ging er noch mal zur Leiche hin und schoss weitere Male auf sie. Es ist entsetzlich. Ich habe dafür keine Worte.

Wie hat die Polizei reagiert, als sie bei Ihnen in der Synagoge eintraf?

Professionell, freundlich und rücksichtsvoll. Es war ja noch Jom Kippur, und wir mussten noch fünf Stunden aus Sicherheitsgründen in der Synagoge bleiben. Sie haben mit uns gesprochen, uns vernommen, die Synagoge sehr gründlich untersucht, weil sie Angst hatten, dass sich irgendwo Sprengstoff befindet. Zwischendurch haben wir, wenn es die Situation zugelassen hat, weiter gebetet. Gegen 17 Uhr wurden wir alle mit einem Bus, in Begleitung von zehn Polizeiwagen, ins Krankenhaus gebracht. Dort wurden wir untersucht, wurden weiter vernommen, haben gebetet und irgendwann dann auch das Schofar geblasen. Es war eine Ausnahmesituation mit vielen – so seltsam es sich anhört – positiven Erlebnissen.

Inwiefern?

Im Krankenhaus hatten die Mitarbeiter und die Polizei vollstes Verständnis dafür, dass wir zwischendurch wegen der Gebete unterbrechen mussten. Die Polizisten wussten, dass wir dann nach über 25 Stunden das Fasten brechen würden – und haben uns Bierkästen und Wasser besorgt, wir haben dann auch gemeinsam, ohne die Polizisten, angestoßen. Wir haben getrauert um die zwei Toten, und wir trauern immer noch. Im Bus auf der Fahrt ins Hotel – das mag sich vielleicht befremdlich anhören – haben wir dann aber auch gefeiert: das Leben, unser Überleben, das jüdische Volk, am Israel chai!

Das Interview führte Philipp Peyman Engel.

https://twitter.com/antonia_yamin/status/1182012457222639617

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