Verein

Ein Stück Heimat

Fünf Jahre nach seiner Gründung bezieht der Verein nun eigene Räume. Die Veranstaltungen besuchen mehrere Tausend Interessierte pro Jahr. Foto: privat

Als der damals 25-jährige Israeli Naor Narkis 2014 auf seiner Facebook-Seite »Olim L’Berlin« (hebräisch für »Lasst uns nach Berlin ziehen«) ein Foto von einem Einkaufszettel aus einem deutschen Supermarkt postete, löste er eine kleine Sensation aus. Im Fokus der Aufmerksamkeit: ein Schokoladen-Pudding für 19 Cent. Das in Israel vertriebene Äquivalent mit dem Produktnamen »Milky« kostete in Israel etwa fünfmal so viel – ein eklatanter Preisunterschied, der für viele Israelis zum Symbol für die überteuerten Lebenshaltungskosten in ihrer Heimat wurde und Berlin zum Eldorado für Auswanderungswillige machte.

Heute ist klar: Das Schreckbild einer ganzen Generation, die Israel den Rücken kehrt und ausgerechnet nach Deutschland zieht, war überzogen. Ein Magnet für junge Israelis wurde Berlin aber allemal. Je nach Schätzung leben etwa 20.000 bis 30.000 von ihnen in der Stadt.

Entgegen so mancher Befürchtungen haben sie sich in der Regel aber weder von ihrer Heimat noch ihren kulturellen Traditionen abgewandt. Im Gegenteil: Gerade in der Berliner Diaspora suchen viele Israelis die Nähe zu ihren Landsleuten, begehen gemeinsam Feiertage und Traditionen, die ihnen vorher manchmal weniger wichtig gewesen sind. Eine der Anlaufstellen für die israelische Gemeinschaft in der deutschen Hauptstadt ist der Verein »Zusammen Berlin«.

WURZELN Hier fand auch Maya Wolffberg Anschluss, als sie vor vier Jahren nach Berlin zog. Damals wurde sie von hier bereits lebenden Israelis ironisch gefragt, ob sie ebenfalls wegen des günstigen Schokoladenpuddings gekommen sei. Für Wolffberg – wie für alle Israelis, die ihre Heimat verlassen – waren die Beweggründe natürlich komplexer. Nach ihrem Studium und einigen Jahren Berufspraxis in Israel wollte sie auch einmal die Erfahrung machen, im Ausland zu leben.

Die Wahl fiel auf Berlin, weil die Stadt mit ihrer Familiengeschichte eng verbunden war – ihr Großvater war hier aufgewachsen –, weil sie hier schon ein paar Freunde hatte und auch, weil sie der Ruf Berlins als günstige und angesagte Metropole lockte. »Ich wollte aber den Bezug zu meinen Wurzeln nicht verlieren«, sagt Wolffberg.

Die ersten Schabbatabende fanden noch im Wohnzimmer der Familie Darmon statt.

Sie stieß auf »Zusammen Berlin« und meldete sich für einen Schabbatabend an. Ihre anfängliche Sorge, was sie dort erwarten würde, schlug schnell in Begeisterung um. »Alle Israelis, egal mit welchem religiösen oder politischen Hintergrund, können bei den Veranstaltungen von ›Zusammen‹ ein Stück Heimat finden.«

Die Gründung des Vereins mit dem Ziel, im Ausland lebende Israelis zusammenzubringen, geht vor allem auf den Einsatz von Tehila und Netanel Darmon zurück. Das junge Ehepaar hatte zuvor schon ein ähnliches Projekt in der indischen Stadt Goa geleitet, einem beliebten Reiseziel für junge Israelis. Mit ihren drei Kindern zog es sie daraufhin nach Berlin, wo sie mit der finanziellen Unterstützung eines israelischen Geschäftsmanns in erstaunlicher Geschwindigkeit ein Zentrum für hier lebende Menschen aus Israel auf die Beine stellten.

Die ersten Schabbatabende fanden noch im Wohnzimmer der Darmons statt. Der Platz wurde aber schnell zu knapp, und es mussten weitere Räume angemietet werden. Auch das Programm weitete sich aus: Neben Zusammenkünften an den Feiertagen wurden bald auch Konzerte, Vorträge und Workshops auf Hebräisch angeboten. Heute, knapp fünf Jahre nach Gründung des Vereins, steht »Zusammen« kurz vor der Einweihung seines im eigenen Besitz befindlichen Gebäudes, besuchen jährlich mehrere Tausend Menschen seine Veranstaltungen.

ERFOLGSREZEPT Auf der diesjährigen Chanukka-Party des Vereins konnte man gut beobachten, worin sein Erfolgsrezept besteht. Es wurden Kerzen angezündet, jemand sprach die Brachot, zu essen gab es Pfannkuchen und allerlei Fetttriefendes. So weit, so gut. Das Ganze fand aber in einer hippen Bar in Neukölln statt, ein DJ spielte israelische Pop-Musik, und auch sonst erinnerte alles eher wenig an ein heimeliges Lichterfest im Familienkreis.

Unter den Gästen war auch Merav Stein. »›Zusammen‹ begeht zwar Schabbat und die Feiertage, legt den Fokus aber nicht auf das Religiöse, sondern das Kulturelle«, sagt sie. Das sei genau das, was sie gesucht habe, als sie vor anderthalb Jahren nach Berlin gezogen ist. Stein meint, Israelis hätten ein besonderes Bedürfnis, im Ausland ihresgleichen aufzusuchen. »Für die meisten Europäer ist es einfach, in einem anderen Land zum Beispiel Weihnachten zu feiern. Für uns ist es egal, wohin wir ziehen – wir sind eine Minderheit außerhalb Israels.«

Doch »Zusammen« ziehe nicht nur jüdische Israelis an, betont Sharon Jägermann, der seit 2018 regelmäßig Veranstaltungen des Vereins besucht. »Bei uns kommen Israelis jeder Herkunft, Religion und sexueller Orientierung zusammen. Diese Offenheit schätze ich sehr«, sagt der gelernte Konditor, der mittlerweile auch organisatorische Aufgaben bei »Zusammen« übernimmt.

KOOPERATIONEN Wenn es nach ihm ginge, würde der Verein sich auch noch stärker für andere Gruppen öffnen. Für die Chanukka-Party hat man bereits mit dem Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), einer Gruppe überwiegend nichtjüdischer Deutscher, die sich für die deutsch-israelischen Beziehungen einsetzen, kooperiert. Jägermann wünscht sich noch mehr Menschen anderer Herkunft auf den Veranstaltungen von »Zusammen«. Mit Blick auf das israelische Temperament warnt er aber: »Es wird laut werden!«

Ziel ist, 2022 Angebote in weiteren europäischen Großstädten einzurichten.

Maya Wolffberg wurde schnell mehr als nur ein Gast bei den Veranstaltungen. Heute gehört sie zum Organisationsteam des Vereins. Und obwohl Corona sie und ihre Mitstreiter etwas ausgebremst habe, gebe es mehr zu tun denn je, sagt sie. Erst 2021 wurden eine Zweigstelle des Vereins in Wien sowie der Dachverband »ICE – Israeli Community Europe« gegründet.

Das Ziel ist, in diesem Jahr Angebote in weiteren europäischen Großstädten einzurichten. Wolffberg wird weiterhin den Standort in der deutschen Hauptstadt managen – eine Aufgabe, die für sie mehr als ein einfacher Job ist: »Jüdisches und israelisches Leben in Berlin zu pflegen, ist für mich zu einer Mission geworden.«

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