Psychologie

»Ein Opfer für beide Seiten«

Die Berliner Psychologin Sibylle Schuchardt Foto: Marco Limberg

Frau Schuchardt, Sie sind 67. Haben Ihnen Freunde, Nachbarn oder Ihre Kinder angeboten, wegen der Corona-Krise für Sie einkaufen zu gehen?
Persönlich habe ich diese Diskussion nicht geführt. Aber über WhatsApp-Gruppen bekomme ich immer wieder mit, dass solche Angebote gemacht werden.

Auch in guten Freundschaften gibt es zurzeit hitzige Diskussionen, wenn etwa eine 80-jährige Frau sagt: »Kommt gar nicht infrage, dass jemand für mich einkauft.« Können Sie diese Haltung nachvollziehen?
Das kann ich sehr gut verstehen, und ich würde genauso reagieren, wenn ich in der Lage wäre, meine Füße in einen Laden zu bewegen. Auch der Gerontopsychiater Johannes Pantel aus Frankfurt am Main erzählt zum Beispiel, dass seine eigenen Eltern es abgelehnt haben, dass die Söhne für sie einkaufen. Die Leute sagen: Wir sind geistig fit, wir schaffen das, und wir möchten nicht bevormundet werden. Ich bin der Meinung, dass man die Freiheitsrechte eines alten Menschen nicht gegen seinen Willen einschränken darf. Die Mehrheit der älteren Menschen ist nicht dement und in der Lage, eigene Entscheidungen zu treffen. Und wenn man alte Menschen bewusst isoliert, was ja bereits diskutiert wurde, dann sind die psychischen Folgen nicht absehbar.

Gerade für Kinder ist die Kontaktsperre wegen der Corona-Krise belastend. Einzelkinder sehen seit Wochen keine Gleichaltrigen. Was könnte der Beitrag älterer Menschen zur Generationensolidarität sein?
Es gibt nicht »die Älteren«. Die Älteren sind so unterschiedlich wie die Jüngeren. Ein Viertel der Bevölkerung wird als alt, schutzbedürftig und wehrlos dargestellt. Dabei gibt es auch viele Übergewichtige und Diabetiker unter 60 Jahren, die zur Risikogruppe gehören. Es stimmt einfach nicht, dass Menschen von 60 bis 100 per se rücksichtslos, uneinsichtig und unverantwortlich sind, so wie sie jetzt oft dargestellt werden.

Aber was können die Älteren konkret tun?
Ich wäre dafür, dass man Eltern viel mehr unterstützt und dass die Kinder wenigstens ihre engen Freunde besuchen dürfen. Oder dass den Eltern erlaubt wird, sich bei der Betreuung abzuwechseln. Die Kinder dürfen derzeit nicht auf den Spielplatz, sie dürfen nicht zu ihren Verwandten, sie dürfen eigentlich gar nichts. Sie haben nur noch ihre Eltern, und das ist für beide Seiten eine unerträgliche Situation.

Sie sind selbst Großmutter. Wie funktioniert jetzt bei Ihnen der Kontakt?
Der größte Teil meiner Enkel ist nicht in Berlin, und ich kann sie derzeit nicht besuchen. Ich telefoniere mit ihnen und schicke regelmäßig Pakete. Ich habe auch Kinder in Berlin, aber sie haben mich in der Corona-Zeit gemieden.

Wie gehen Sie damit um?
Ich finde das verantwortungsvoll und kann das anerkennen. Ich habe Treffen auch nicht eingefordert. Ich musste aber bei dieser Gelegenheit feststellen, dass ich mich zunächst stigmatisiert gefühlt habe, nach dem Motto: »Du gehörst jetzt in die Risikogruppe.« Aber natürlich ist unbestritten, dass ältere Menschen weniger Abwehrkräfte haben. Das muss ich einfach akzeptieren, und wegen des allgemeinen gesellschaftlichen Gruppendrucks habe ich auch nicht aufbegehrt.

Sind Sie einfach traurig, dass Sie die Kinder nicht treffen können?
Absolut. Und die Kinder sind auch traurig. Sie fragen mich ständig: Wann besuchst du uns wieder, wann können wir wieder zu dir kommen? Das ist ein Opfer, das von beiden Seiten gebracht wird.

Mit der Berliner Psychologin sprach Ayala Goldmann.

Kulinarik

Koscher kochen auf höchstem Niveau

Tom Franz kreierte ein Drei-Gänge-Menü zum 20-jährigen Jubiläum der Ohel-Jakob-Synagoge

von Vivian Rosen  19.10.2026

Synagoge im sächsischen Görlitz

Görlitz

Erinnerung an das Novemberpogrom im Nationalsozialismus

Nazis und ihre Helfer zerstörten und plünderten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 jüdische Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen. Juden wurden verfolgt, misshandelt und getötet

 19.10.2026

Lörrach

Tora als Zeichen der Hoffnung

Die Kultusgemeinde lässt eine historische gerettete Rolle restaurieren. Demnächst wird sie im Landtag vollendet

von Christine Schmitt  19.10.2026

Nachruf

Hermann »Mano« Höllenreiner ist tot

Mit neun Jahren wird er nach Auschwitz deportiert. Später wird er unermüdlicher Mahner gegen das Vergessen

 19.10.2026

Holocaust-Mahnmal

Gedenken an deportierte Jüdinnen und Juden am Gleis 17

Etwa 10.000 jüdische Menschen deportierten die Nazis vom Bahnhof Grunewald in Berlin aus in die Vernichtungslager. Beim Gedenken an die Opfer nehmen die Redner auch die Gegenwart in den Blick

 18.10.2026

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

München

Das Grauen sehen

Bei der Premiere eines Films über die Familie Bibas und das Hamas-Massaker vom 7. Oktober sprechen die Regisseurin und ein Psychologe über das Verbrechen und die Wirkung der Aufnahmen

von Michael Schleicher  18.10.2026

Lesung

»Die ganze jüdische Welt war in Trauer«

Zum Gedenken an den 7. Oktober stellte Dafna Gerstner ihr Buch vor

von Luis Gruhler  18.10.2026

Porträt der Woche

»Ich mag die Gemeinschaft«

Sonja Fira Grinman geht häufig zu jüdischen Events - bundesweit und im Ausland

von Annette Kanis  18.10.2026